Benefizkonzert:Momente der Menschlichkeit

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Friedensbotschafter: Anne-Sophie Mutter und das vereinte Orchester mit dem Dirigenten Lahav Shani spielen in der Isarphilharmonie für "Save The Children". (Foto: Florian Peljak)

Anne-Sophie Mutter und Musiker der drei großen Münchner Orchester spielen für die Ukraine. Das Ausnahme-Ensemble setzt gegen die Schockwellen des Krieges einen musikalischen Dialog.

Von Paul Schäufele, München

Beethovens Fünfte ist die Symphonie der Symphonien. Jeder kennt das Vierton-Motiv, mit dem das Schicksal an die Tür pocht. Doch im selben Satz gibt es einen weiteren symbolhaften Moment. Wenn, nach all den Verstrickungen und Konflikten, zu Beginn der Reprise eine klagende Solo-Oboe erklingt. Es ist ein Moment der Menschlichkeit, der leidenden Kreatur, die gegen eine übermächtige Gewalt ansteht. Vor diesem Hintergrund, der blau-gelb illuminierten Bühne der Isarphilharmonie, gewinnen die oft beschworenen Symbole und die Charakterisierung Beethovens als Aufklärer reale Brisanz. Hier soll mit Musik geholfen werden, auf außergewöhnliche Weise. Denn oft kommt es nicht vor, dass Mitglieder der Münchner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und des Bayerischen Staatsorchesters gemeinsam auf einer Bühne sitzen.

Um Geld für "Save The Children" zu sammeln, eine der Organisationen, die in der Ukraine und den Nachbarländern den vom Krieg betroffenen Kindern und deren Familien hilft, hat Anne-Sophie Mutter das Ausnahme-Ensemble versammelt. Wer, wenn nicht sie? Nicht nur, weil sie seit Jahren zu Spenden für die global agierende Kinderrechtsorganisation aufruft. Nein, jenseits ihrer bewusst eingesetzten Außenwirkung hat sie auch die Gabe, ihre Botschaft ins Medium der Musik zu übersetzen. Die Mutter'schen Eigenheiten werden hier, in Beethovens Violinkonzert, zu plausiblen Ausdrucksmitteln. Das nervöse Vibrato, die Freiheit im Tempo, die eminente Klanglichkeit jeder minimalen melodischen Wendung vereinen sich hier zur Ausformung eines starken subjektiven Anspruchs, der sich gegen teils ruppige Einwände des Orchesters unter Lahav Shani verteidigt. Der sehr langsame Satz, unter Mutters Händen ein Meisterstück der Klangdestillation in höchsten Höhen, entfernt das klingende Subjekt aus allem irdischen Trubel, ehe es sich im Rondo-Finale selbstbewusst virtuos zurückmeldet. So nimmt Mutter passenderweise die leidenschaftliche g-Moll-Episode dieses Satzes nicht romantisch ausgesungen, sondern musikantisch, spielerisch. Das und der im Stehen dargebrachte Applaus lassen beinahe vergessen, welchem Zweck dieses Benefizkonzert dient.

Dem ukrainisch-russischen Bratschisten rinnen Tränen übers Gesicht

Doch für die Zugabe bittet Anne-Sophie Mutter einen besonderen Kollegen zu sich, den jungen Bratschisten Vladimir Babeshko. Dass Babeshko, als Enkel eines Ukrainers im russischen Kazan geboren, bei dem Andante aus Mozarts "Sinfonia concertante" Tränen übers Gesicht rinnen und er dennoch intonationssicher musiziert, zeigt zwei Dinge. Erstens, dass ein musikalischer Dialog jederzeit möglich ist, unabhängig von Sprache und Herkunft. Und zweitens, dass die Schockwellen des Krieges, den Putins Regime in der Ukraine anrichtet, uns längst erreicht haben, in Form der Angehörigen, Freunde und vor allem der Flüchtenden, die jetzt Unterstützung benötigen. "Save The Children" steht ihnen mit materieller und psychologischer Hilfe zur Seite und wird das noch eine ganze Weile tun müssen. Denn so optimistisch der triumphal inszenierte Schluss von Beethovens Fünfter und die mit vollem Orchesterapparat geschmetterte ukrainische Hymne stimmen - die Krise dauert an, und ihre Spätfolgen werden lange spürbar bleiben.

Eine Aufzeichnung des Benefizkonzerts ist am Samstag, 12. März, 20.15 Uhr, auf 3sat und am Sonntag, 13. März, 9.45 Uhr im BR Fernsehen zu sehen

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