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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Theater bei Ikea

Anna McCarthy

Anna McCarthy studierte an der Kunstakademie München und an der Glasgow School of Art. Sie arbeitet in vielen Bereichen, von Malerei über Video bis Musik.

(Foto: Fabian Beger)

Kultur-Lockdown, Tag 62: Die Künstlerin träumt vom neuen Jahr und gibt dabei nichts auf Horoskope

Gastbeitrag von Anna McCarthy

Ich scheine ein großes Talent zu haben schlechte Erfahrungen zu verdrängen; auch dieses Virus. Ich verbiege mich so, dass mich an der Oberfläche nichts stört. Mir geht's wirklich wunderbar. Nur nachts träume ich die grausamsten luziden Albträume und ab und an weine ich. Aber sonst geht es mir wirklich sehr gut.

Soll nicht heißen das ich nichts Schlimmes erlebe in derzeit. Doch doch, mein Leben ist hart als Künstlerin, aber ich wohne in München, so schlimm kann es ja nicht sein. Die Sonne scheint und die Menschen rodeln. Das Luxus-Beschweren wird jetzt auch hier wieder salonfähig, und das Verpetzen erst! Daheim, eingewickelt in einer Decke, kann man doch angenehm zum Hörer greifen und der Polizei im Detail schildern was der Nachbar alles so treibt.

Am Anfang des Lockdowns dachte ich, ich muss jetzt Hausfrau werden und alles aufgeben. Mein Stück an den Kammerspielen wurde gecancelt und mein Stipendium in die USA ebenfalls. Es wurde den meisten Künstlern ziemlich schnell klar, dass wir wohl doch ein Publikum brauchen, um zu überleben - nicht wie bisher gedacht. In meinem Umfeld gab es ein paar Panikanfälle, vor allem wegen dem Ausfüllen der Corona-Geld-Anträge. Es ist hart, wenn Künstler auf einmal bürokratische Fähigkeiten entwickeln müssen. Das Gehirnschmelzen bei der Steuererklärung beinhaltete schon ausreichend Qualen.

Nach dem ersten Schock habe ich mich aber dann, erst unfreiwillig dann doch ziemlich willig, dem Digitalen gewidmet und habe unendlich viele Filme und Videos produziert, die auf der ein oder anderen Art auf die aktuelle Lage reagieren.

Außerdem nehmen derzeit alle Musiker, die ich kenne, mindestens ein Album auf. Ich denke es ist die einzige Möglichkeit irgendeine Interaktion mit Freunden zu haben und es als Arbeit gelten zu lassen. Ich nehme ebenfalls eins auf, und zwar mit What are people for?.

Einer der schönsten Momente in dieser Post-Oktoberfest-Ära war es ein Konzert zu spielen an einem heißen Augustabend mitten auf der Theresienwiese. Ähnlich skurril und wundervoll war es mit Salewski im Olympiastadion aufzutreten. Die Kleinen kriegten die großen Bühnen. Abgesehen davon, schlief ich einige Wochen abwechselnd im Wald und in meiner Ausstellung bei Sperling, während ich auf das Corona-Geld wartete und schließlich wurde mir das Museum Brandhorst angeboten. Ich lag da im dunklen Schatten der Koons-Porzellane und sah sie für was sie wirklich sind und am nächsten Morgen beteten wir Cy Twomblys Skulpturen an in einem Gemisch aus Yoga und Vampirismus.

Manchmal komme ich mir vor als wären wir in einem Traum - es verschieben sich Zeiten und Relationen. Eines der skurrilsten Erfahrungen war es in den Bergen zu sein und ein Gefühl der Beklemmung zu empfinden. War das Riesenrad am Königsplatz wirklich da? Wird meine Granny tatsächlich 100 und ich darf nicht nach England wegen eines mutierten Virus, um ihr zu gratulieren? Wird demnächst mein Theaterstück bei Ikea aufgeführt? Vielleicht schreibe ich mal meine Träume auf, es sind ja schließlich Rauhnächte und das soll man doch tun, um das nächste Jahr zu prophezeien. Ist sicher besser als ein Vogue-Jahres-Horoskop.

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© SZ vom 02.01.2021
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