Süddeutsche Zeitung

Kritik:Im Schatten der Krone

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Im Gärtnerplatztheater hat "Anna Bolena" nun endlich vor Publikum Premiere.

Von Klaus Kalchschmid, München

Vor einem Jahr war die halbszenische "Anna Bolena" am Gärtnerplatztheater schon als Stream vor leerem Haus zu erleben. Nun fand die eigentliche Premiere vor wenig Publikum mit viel Abstand statt. Der herrschte auch auf der Bühne und im Orchester dank einer verschlankten Fassung von Tony Burke. Auch wenn noch nicht alles perfekt klang, spielte das Gärtnerplatz-Orchester auch dank Howard Arman am Pult mit Brio und Eleganz.

Über dem ganzen Abend schwebt die prächtige, güldene Krone des britischen Königshauses als ewige Verlockung, aber auch wie das berüchtigte Damokles-Schwert. Das hing einst an einem Pferdehaar über dem Thron des Königs von Syrakus, der seinen Platz dem Höfling Damokles probeweise überlassen hatte. Mal senkt sich diese Krone, mal fährt sie nach oben, immer vor düster dräuenden Projektionen von Wolken, Laub oder gotischen Bögen wie von Caspar David Friedrich. Zu Beginn und am Ende schneit es (Video: Meike Ebert, Raphael Kurig).

Schließlich tötet dieses Zeichen der Macht symbolisch, denn Heinrich VIII. (ein großer, junger Bass mit prächtiger Naturstimme: Sava Vemić) will Giovanna Seymour (mit mächtig klangvollem Mezzo wie für's Nationaltheater: Margarita Gritskova), also die Hofdame seiner Frau, von der Geliebten zur Königin machen. Der Page Smeton (Lena Belkina) lässt sich instrumentalisieren und bietet den Vorwand, Anna wie deren Jugendliebe Lord Percy und ihren Bruder Lord Rochefort (prägnant in einer kleinen Rolle: Timos Sirlantzis) töten zu lassen.

Dass in Maske und Kostüm, von Inge Schäffner frei der Tudor-Zeit entlehnt, mal an Notenpulten, mal frei und auswendig gesungen und agiert wird (Regie: Maximilian Berling), funktioniert recht gut bei diesem bösen Kammerspiel, das Donizetti mit traumhaft schöner Musik ausgestattet hat. Der Chor des Gärtnerplatztheaters steht und bewegt sich in Konzertkleidung mit Abstand nach allen Seiten im Hintergrund auf gestuften Podesten. Davor ereignet sich die Tragödie. Dabei wären Jennifer O'Loughlin und Lucian Krasznec ein so schönes Paar und waren es in ihrer Jugend auch, bevor es zur Zwangsheirat mit Heinrich VIII. kam. Krasznec als Percy ist ein attraktiver, mutiger Mann, der alles auf eine Karte setzt und dessen schöner, geschmeidiger lyrischer Tenor am schönsten klingt, wenn er melancholisch verschattet ist. O'Loughlin aber singt und spielt wahrlich eine Königin: Enorm der Ambitus, den sie innerhalb kurzer Phrasen bewältigen muss, schier mühelos die Koloraturen, rein und rund die Phrasierung, leuchtend die Spitzentöne, fein sinnlich der Ausdruck. Wahnsinnig geworden, stößt sie krachend das Notenpult um und bleibt ebenso erhaben wie stolz stehen. Was für ein Ende eines tief berührenden Abends!

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