Anlaufstelle für Schwangere Ein Haus fürs Leben

Seit 40 Jahren gibt es die Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein an der Häberlstraße 17. Über die Jahre ist sie gewachsen - nach den Bedürfnissen ihrer Klientinnen

Von Kathrin Aldenhoff

Dieses Haus hat viele Zimmer. Hinter einer Tür untersuchen Hebammen Schwangere, messen deren Bauchumfang und lauschen den Herztönen der Babys. Einen Raum weiter: eine Kuschelecke, eine Wiege hängt von der Decke. Hier werden Mütter in psychischen Krisen beraten. Hinter einer anderen Tür krabbeln vier Einjährige über Gummimatten und wühlen in einem Korb voller Bälle, während ihre Mütter erzählen, was im Familienalltag so los ist - impfen, Schlafmangel, Umzug.

Das Haus an der Häberlstraße 17 hat Platz für sie alle. Seit 40 Jahren gibt es die Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein, und seitdem sind nicht nur neue Zimmer mit neuen Angeboten dazugekommen, sondern auch neue Menschen und neue politische Forderungen. Die Zeit war damals eine andere, erzählen die Geschäftsführerinnen Astrid Draxler und Ute Girardi: Damals war es üblich, Geburten einzuleiten und Mutter und Kind nach der Geburt zu trennen. Babys vier Wochen zu stillen, galt damals schon als lang. "Die Haltung war: 'Willst du dir das wirklich antun?'", erzählt Ute Girardi.

Die Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein gibt es nun seit 40 Jahren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Fünf Frauen, die das nicht akzeptieren wollten, haben 1979 die Beratungsstelle gegründet. Ihr erstes Angebot: Mütter zu beraten, wo sie gebären wollen. Das geht nämlich nicht nur im Krankenhaus. Sondern auch in einem Geburtshaus oder zu Hause. "Das kann für Frauen, die eine komplikationsfreie Schwangerschaft haben, ein guter Weg sein", sagt Astrid Draxler. Zur Wahl des Geburtsortes beraten sie hier noch immer - "beim ersten Kind weiß man so vieles noch nicht".

Die Frauen in der Häberlstraße entwickelten im Laufe der Jahre Kurse zur Geburtsvorbereitung und zur Rückbildung nach der Schwangerschaft. Begannen, Frauen in psychischen Krisen zu beraten. Boten offene Treffen für Mütter mit ihren Babys an, in mehreren Sprachen, und verschiedene Selbsthilfegruppen. Viele Angebote werden inzwischen vom Sozialreferat oder dem Referat für Gesundheit und Umwelt gefördert. "Die Frauen haben uns gesagt, was sie noch brauchen. So entwickelten sich neue Angebote", sagt Astrid Draxler.

Ute Girardi arbeitet seit 35 Jahren an der Häberlstraße, ihre Kollegin Astrid Draxler seit 20 Jahren (von links). Beide kamen als Klientinnen ins Haus und sind inzwischen die Geschäftsführerinnen des Vereins.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In den vergangenen 40 Jahren sind aus den fünf Frauen 50 geworden, zwei Männer kamen auch noch dazu. "Fast alle Mitarbeiterinnen haben als Klientinnen hier im Haus angefangen", erzählt Ute Girardi. Und fast alle beraten nicht nur mit fachlicher Kompetenz, sondern haben selbst eine Erfahrung gemacht, in der sie Hilfe brauchten; stürzten etwa nach der Geburt ihres Kindes in eine psychische Krise. Sie wissen, wie sich die Frauen fühlen, die sie beraten. Alle diese Mitarbeiterinnen füllen die Zimmer des Hauses an der Häberlstraße mit Kursen und Beratungsangeboten, mit Fachwissen und Erfahrung, mit Verständnis und Wärme.

Eine der Frauen ist Andrea Singer. Sie berät Paare zur Pränataldiagnostik - zu den Methoden also, mit denen Ärzte während der Schwangerschaft das Baby auf mögliche Erkrankungen und Chromosomenstörungen hin untersuchen. Und sie berät auch, wenn die Ergebnisse der Untersuchungen da sind. Manche kommen kurz nachdem sie erfahren haben, dass ihr Kind nicht gesund zur Welt kommen wird. Sie müssen sich nun entscheiden, wie sie damit umgehen. "Sie sind in einer Situation, in der sie nie sein wollten", sagt Andrea Singer. "Es ist grausam, eine Entscheidung treffen zu müssen." Im vergangenen Jahr haben ihre Kollegin und sie mehr als 600 Beratungen geführt - persönlich, telefonisch und per E-Mail. Die Zahlen nehmen zu, so wie die medizinischen Möglichkeiten.

Geschäftsführerin Astrid Draxler

"Im Krankenhaus laufen zu Spitzenzeiten viele Geburten parallel, für das Personal ist das Routine. Für die Mutter aber ist die Geburt ihres Kindes ein einmaliges Erlebnis."

Raus aus dem Vorderhaus der Häberlstraße 17, hinein in den Innenhof. Hier parken Fahrräder und 14 Kinderwagen. Außerdem steht da ein Wegweiser. Der Pfeil Kurse und Veranstaltungen zeigt in Richtung Hinterhaus. Gerade rollt eine Mutter den 15. Kinderwagen in den Hof, sie will mit ihrer Tochter zum Fenkid-Kurs. Im ersten Stock des Hinterhauses sitzen vier Mütter mit ihren Babys und der Kursleiterin in einem großen Raum auf dem Holzboden. In der Mitte eine Landschaft aus Gummimatten, Kissen und Polstern, ein Holzgerüst, ein Korb mit Bällen. Ein Baby schläft, die anderen drei krabbeln oder laufen durch den Raum, quietschen, ziehen sich am Korb hoch. Ein Baby wippt mit dem ganzen Körper, als die Gruppe anfängt zu singen.

Fenkid ist ein Kunstname und steht für "Frühe Entwicklung von Kindern begleiten", die Häberlstraße hat das Konzept 1998 entwickelt und schützen lassen. Es geht darum, die Babys einen Raum erkunden zu lassen, der sicher ist für sie, in dem sie frei spielen und sich bewegen, Dinge ausprobieren können. Und darum, Eltern in ihrer Kompetenz zu stärken.

Es ist nicht alles gut geworden in den vergangenen 40 Jahren - im Gegenteil. Sie hätten überlegt, ob sie ihr Jubiläum überhaupt feiern sollen, sagt Astrid Draxler. Weil bei der Geburtshilfe so vieles im Argen liege. Weil es zu wenige Hebammen gibt und zu viele Kaiserschnitte; weil immer mehr Frauen ihnen nach der Geburt von traumatischen Erfahrungen berichten. Sie erzählen von Ärzten, die sich ohne Vorwarnung auf ihren Bauch warfen, um das Baby herauszudrücken. Davon, dass ihnen ihr Baby nach dem Kaiserschnitt nicht gezeigt wurde und sie Angst hatten. Davon, dass sie sich ohnmächtig fühlten, dass ihnen im Krankenhaus keiner sagte, was gerade passiert.

"Im Krankenhaus laufen zu Spitzenzeiten viele Geburten parallel, für das Personal ist das Routine. Für die Mutter aber ist die Geburt ihres Kindes ein einmaliges Erlebnis", sagt Geschäftsführerin Astrid Draxler.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Diese Themen häufen sich", sagt Astrid Draxler. "Im Krankenhaus laufen zu Spitzenzeiten viele Geburten parallel, für das Personal ist das Routine. Für die Mutter aber ist die Geburt ihres Kindes ein einmaliges Erlebnis." Oft wirkten sich solche traumatischen Erfahrungen negativ auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind aus. In der Beratungsstelle besprechen sie mit den Frauen noch einmal die Geburt, damit die Frauen das Erlebte verarbeiten.

Das Haus an der Häberlstraße trägt den Begriff "natürliche Geburt" im Namen, sie vertreten hier die Einstellung, dass eine natürliche Geburt eine ist, bei der sich die Schwangere sicher und geborgen fühlt. Bei der sie Zeit, Ruhe und eine gute Begleitung hat, sodass sie sich dem natürlichen Ablauf der Geburt überlassen kann. Ängste abzubauen und Schwangere für die Geburt zu stärken - das sind wichtige Ziele der Mitarbeiterinnen der Häberlstraße.

Sie haben im Mai dann doch gefeiert, mit 140 Gästen. Aber sie haben diese Feier mit politischen Forderungen verbunden. Nach mehr Geburtshäusern und hebammengeleiteten Kreißsälen für München. Nach bezahlter Wochenbettpflege und Unterstützung für Eltern. Auf ein Plakat schrieben sie: Stillen und Ernährung mit Muttermilch muss Priorität haben.

Mit dabei waren auch zwei der fünf Gründerinnen. Eine von ihnen gibt mit 78 Jahren immer noch zwei Kurse im Haus: einen für Mütter, die ihr Baby verloren haben. Und einen Beckenbodenkurs. Sie wünschten den Mitarbeiterinnen der Häberlstraße, dass sie sich in Zukunft weniger empören müssen.