Anklage wegen fahrlässiger Tötung Der Mann, der dem Amokläufer von München die Waffe besorgte

Neun Menschen hat David S. am 22. Juli 2016 erschossen - mit einer Pistole vom Typ Glock 17.

(Foto: dpa)
  • Philipp K. verkaufte David S. die Waffe, mit der dieser am 22. Juli 2016 neun Menschen in München erschoss.
  • Der Mann gibt an, aus Geldnöten Waffen im Darknet verkauft zu haben.
  • K. muss sich ab dem 28. August wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.
Von Tom Sundermann

Als er das Video sieht, in dem die Schüsse peitschen, bricht er zusammen. Ein junger Mann mit Waffe, schwankender Gang, O-Beine. Wie damals, Treffen am Bahnhof, eine Zeitung als Erkennungszeichen. Als er das Foto des Täters entdeckt, denkt er: Junge, was machst du da für einen Scheiß?

So erzählt es Philipp K. zumindest, einen knappen Monat später, als er von Zollbeamten vernommen wird.

Damals am Bahnhof hatte er den Jungen so erlebt: Ein fast kindliches Gesicht, Bartflaum, die Hände schwitzig, nervös war er, schimpfte über Kanaken. Und dann kaufte der 18-Jährige mit den Schweißhänden bei K. eine Pistole. Diskret in einem Park in der Nähe des Hauptbahnhofs im hessischen Marburg, Kaufpreis 4000 Euro, 100 Schuss Munition inklusive. Philipp K. packte immer ein paar Patronen extra mit dazu. Er wollte, dass seine Kunden zufrieden sind.

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Als er das Video und das Bild am 23. Juli 2016 im Internet findet, ist K. am Ende, so berichtet er es den Ermittlern. Sein Kunde war David S., der Amokläufer von München. Mit der Pistole vom Typ Glock 17 erschoss er neun Menschen am Olympia-Einkaufszentrum, fünf verletzte er durch Schüsse. Als Polizisten ihn stellten, tötete er sich selbst mit einem Kopfschuss. Nach Ansicht der Münchner Staatsanwaltschaft ist K., heute 32 Jahre alt, mitschuldig an der Bluttat. Vom 28. August an steht er unter anderem wegen fahrlässiger Tötung vor dem Landgericht.

Ermittler des Zollfahndungsamts nahmen ihn etwa einen Monat nach der Tat in Marburg fest. Angebahnt wurden die Verkäufe stets im Darknet, einem abgeschotteten, anonymen Teil des Internets. Dort fädelten die Beamten einen Scheinkauf ein und überredeten K. zu einem Treffen. Nach der Verhaftung soll er gestanden haben, sich zweimal mit David S. in Marburg getroffen zu haben: einmal für den Waffendeal im Mai 2016, dann erneut vier Tage vor der Tat, als er S. mindestens 350 Schuss zusätzlich verkaufte. Ob und wie er sich vor dem Landgericht einlassen wird, ist unklar. K.s Anwälte äußerten sich dazu und zu den Vorwürfen der Anklage nicht; eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung ließen sie unbeantwortet.

In den Vernehmungen erinnerte sich K. an viele Details von S. - den Gang, die Hände, die fremdenfeindlichen Äußerungen. Von seiner Absicht, Menschen zu töten, habe S. aber nichts gesagt, berichtete der mutmaßliche Waffenhändler den Ermittlern. Sein Kunde habe behauptet, er brauche die Waffe zum Selbstschutz. Auch die Staatsanwaltschaft sieht keine Anhaltspunkte dafür, dass er in die Amok-Pläne von S. eingeweiht war. Deshalb lautet die Anklage nicht auf Beihilfe zum Mord, sondern auf fahrlässige Tötung.

Ein Mitgefangener sagte aber bei der Polizei aus, was K. ihm angeblich in der Untersuchungshaft erzählt habe: S. habe beim Pistolenkauf angekündigt, er wolle Ausländer erschießen. Ob der Informant die Wahrheit sagt, ist unbekannt. Auch dazu äußerten sich K.s Anwälte nicht.