Süddeutsche Zeitung

Anker-Dependance am Moosfeld:Haus mit vielen Baustellen

Beim runden Tisch kommen organisatorische "Irritationen" zur Sprache. Kritisiert wird die nur bedingte Offenheit der Einrichtung und das Fehlen von Außenanlagen

Trudering - Bis zu 400 Menschen passen in die neue Anker-Dependance für Flüchtlinge am Moosfeld, die Regierung von Oberbayern hat zugesagt, "im Regelfall nicht mehr als 300" unterzubringen. Derzeit leben in dem umgebauten Bürohaus 114 Menschen aus Afghanistan, Nigeria, Tansania, Uganda und vielen anderen Ländern, darunter 24 Kinder. Für Andreas Voßeler vom Caritas-Freiwilligen-Zentrum Ost war dies Grund genug, einen runden Tisch mit Helferkreisen, Politikern, Schule, sozialen Einrichtungen und Polizei ins Leben rufen zu wollen.

Dieser hat nun stattgefunden, war gut besucht, am Ende auch von der "Hausherrin", Regierungspräsidentin Maria Els, die zunächst abgesagt hatte. Die Diskussion war lebhaft und konstruktiv. Eine Veranstaltung der Caritas war es dann aber doch nicht: Voßeler erklärte, es habe "Missverständnisse" gegeben, weswegen er das Treffen "privat" moderiere. Und am Ende war klar, dass es kein Folgetreffen geben werde. Els betonte, sie habe den Bürgern beim Tag der offenen Tür versprochen, dass sie einen öffentlichen Treff einrichten werde, und zwar mit der Inneren Mission, die hier für die soziale Betreuung zuständig ist. Intern sei man ohnehin laufend im Gespräch. Es solle keine Parallelstrukturen geben. Voßeler wirkt nun ein wenig enttäuscht, war er doch eigens nach Bamberg gereist, um zu erkunden, wie man im oberfränkischen Ankerzentrum agiert. Er betont, er habe seinen Vorstoß mit Sebastian Rausch von der Inneren Mission vor Ort abgesprochen. Dessen Abteilungsleiterin Andrea Betz erklärt nun diplomatisch, Voßelers Idee sei sicher "gut gemeint" gewesen. Man könne ja auch nicht oft genug über die Probleme von Flüchtlingen sprechen. Künftig aber werde das hier "in den bestehenden Strukturen" geschehen.

Unabhängig von diesen Irritationen gab es inhaltlich einiges zu besprechen. Rektorin Waltraud Bolz und Konrektorin Heike Schmid von der Grundschule Lehrer-Götz-Weg betonten, dass sie die Kinder gerne integrieren, aber Angst hätten vor dem ständigen Wechsel, denn im "Anker" soll ja schnell alles geklärt werden. Els sagte zu, sie werde sich für mehr Lehrerstunden und Schulsozialarbeit einsetzen, auch für eine Entbürokratisierung der Anmeldung und nach Möglichkeit dafür, dass die Kinder vom Ankerzentrum in eine Unterkunft wechseln, die im Sprengel der Schule liegt.

Dirk Wimmer und Eva Horlacher vom Helferkreis betonten, ihr Ziel sei "kein zweiter Fall Funkkaserne" - wo es starke Kritik an den Zuständen gegeben hatte. Ihnen sei sehr wichtig, dass dies ein "offenes Haus" sei, in das die Ehrenamtlichen kommen können etwa für Deutschkurse oder Nachhilfeunterricht. Die Regierungspräsidentin erklärte, dass es für regelmäßige Helfer Ausweise gebe, darum kümmere sich Sebastian Rausch. Nicht möglich sei es aber für die Bewohner, spontan "Besuch" zu bekommen. Ausweiskontrollen dienten deren eigener Sicherheit und auch dem Aufspüren von "Fremdschläfern". Nicht gelöst ist offenbar das von CSU-Stadtrat Sebastian Schall angesprochene Problem, dass Rechtsberatung daher zum Ärger der Nachbarn "auf der Straße" stattfinde.

Den Helfern gefällt auch das Sachleistungsprinzip nicht, sie wünschten sich eigene Küchen für ihre Schützlinge - wenigstens aber eine, in der sie gemeinsame Mahlzeiten und Feste vorbereiten können, denn nichts sei so wichtig wie Kontakt: Wen man kenne, den fürchte man nicht. Als nötig erachten Helfer und auch Politiker wie die Grünen-Landtagsabgeordnete Sanne Kurz oder Ates Gürpinar von den Linken, dass gerade Frauen ihre Zimmer nachts abschließen können. Das müsse man in jeder Unterkunft anders regeln, sicher seien die Frauen aber auch dank des Sicherheitsdienstes und des getrennten Bereichs, so Els. Auf jeden Fall bekämen junge Mütter Wasserkocher für Babynahrung.

Auf die Vorwürfe der Helfer, das Haus hätte gar nicht bezogen werden dürfen, solange es keine Außenanlage für die Bewohner gebe, die ja nicht arbeiten dürfen und sich ständig dort aufhalten, antwortete Els, es ärgere sie auch, dass der Umbau von Beton- in Rasenfläche so lange dauere, aber man müsse halt jeden Auftrag ausschreiben. Sie werde sich kümmern.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Markus Rinderspacher wollte wissen, wie Rückführung und Abschiebung am Moosfeld organisiert seien. Das werde selten vorkommen, antwortete Els, denn wer abgelehnt werde, klage meist gegen den Bescheid. Da dieses Verfahren in der Regel mehr als ein halbes Jahr dauere, würden gerade Familien dann meist nach einigen Monaten doch in normale Unterkünfte verlegt. Rinderspacher erklärte, das Haus am Moosfeld sei wegen der fehlenden Behörden direkt im Haus selbst "eine stinknormale Unterkunft" - aber leider eine, in der die Integration systematisch erschwert werde.

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Quelle:
SZ vom 15.07.2019
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