Zuletzt hätte man ja beinahe vergessen, wofür Anke Engelke eigentlich bekannt ist. Als neue Werbefigur der Deutschen Bahn entkommt man der beliebten Schauspielerin derzeit jedenfalls kaum: Die einen finden ihre Auftritte als gestresste Zugchefin lustig, anderen ist das Lachen angesichts der maroden Bahn-Zustände längst vergangen. Ignorieren kann man die selbstironischen Comedy-Clips aber kaum, das beweisen auch die enormen Online-Abruf-Zahlen. „Thank you for travelling with Deutsche Bahn“, singt Engelke einmal. Ihre Fans entgegnen ihr – wie so oft: „Danke, Anke.“
Bedanken dürfen sich bei ihr auch die Macher des Kinofilms „Dann passiert das Leben“, der am Dienstagabend im Münchner Rio Filmpalast Premiere feiert: Die Story eines Ehepaars, das nach einem Autounfall in eine Art Schockstarre verfällt, ist nicht unbedingt das, was man als Feelgood-Komödie bezeichnen würde – trotz der Besetzung mit der komödienerprobten Anke Engelke in der Hauptrolle. Der Film ist eindeutig ein Drama. Das Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Kinosaal muss sich nach der Vorführung erst einmal sammeln. Selbst bei Produzent Robert Marciniak fließen die Tränen. Als der Star des Abends auf die Bühne kommt, ändert sich das aber: Anke Engelke ist eben ein Multitalent, sie schnappt sich das Mikro, moderiert und stellt Fragen. So bringt sie sogar jene Menschen, die gerade noch geweint haben, zum Lachen.
„Es geht um das Phänomen des Miteinanderlebens und des sich dabei eventuell Verlierens“, sagt die Schauspielerin vor Filmbeginn diplomatisch. Auf dem roten Teppich am Rosenheimer Platz ist es kalt, und Engelke trägt keine Jacke – sie friere aber nicht, behauptet sie selbst auf wiederholte Nachfragen. Vermutlich spürt sie, dass sich alle Blicke auf sie richten, alle wollen etwas von ihr. Ihretwegen sind auch Menschen gekommen, die keine Kinokarten haben, die sie nur einmal aus der Nähe betrachten wollen und auf ein gemeinsames Foto hoffen.
Ulrich Tukur spielt ihren Film-Ehemann, einen frisch pensionierten Schuldirektor ohne Hobbys, der abends allein auf der Terrasse sitzt und frühmorgens den Rasenmäher anwirft. Die Aussicht auf mehr gemeinsame Zeit scheint ihr überhaupt nicht zu behagen, die beiden haben sich auseinandergelebt und besprechen nur noch das Nötigste. Das weckt Erinnerungen an Loriots „Pappa ante portas“ und ist mitunter komisch, die meiste Zeit aber eher tragisch. Daran ändert sich auch nichts, als der erwachsene Sohn zu Besuch kommt und man ihm eine funktionierende Ehe vorspielt – und dafür sogar vorübergehend zurück ins Elternschlafzimmer zieht. „Dieses Paar steckt in einer Sackgasse“, fasst Engelke zusammen.

Ihr Film-Gemahl ist am Premierenabend nicht anwesend, dafür macht sie mit ihrem Film-Sohn Faxen für die Fotografen: Lukas Rüppel kennt das Münchner Publikum vom Residenztheater, dort ist der gebürtige Niedersachse mit dem markanten Schnauzbart seit fünf Jahren Ensemblemitglied, dort begeistert er als „Götz von Berlichingen“, in „Der Untertan“ oder „Warten auf Godot“. Zwischendurch dreht Rüppel Filme. Terminlich klappe das schon irgendwie, sagt er, bisher habe er da wohl Glück gehabt. Auf die Frage, wie er sich auf die Zusammenarbeit mit den Schauspielstars Engelke und Tukur vorbereitet habe, antwortet der Bühnenprofi lachend: „Ich habe mir Fotos von den beiden ausgedruckt und zu Hause überall aufgehängt. Das hat erstaunlich gut funktioniert.“
„Dann passiert das Leben“ startet am 6. November in den Kinos, geschrieben und inszeniert wurde das vor allem schauspielerisch starke Ehedrama von Neele Leana Vollmar. Für die Münchnerin ist diese Premiere ein Heimspiel, bekannt wurde sie mit Kinohits wie „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ oder den „Rico, Oskar“-Kinderbuchverfilmungen. Mit diesen Szenen einer Ehe wendet sie sich einem älteren Publikum zu, das Thema beschäftigt sie schon lange. Ein reales Vorbild gebe es nicht direkt, verrät die Regisseurin vor der Vorführung am roten Teppich. Sie habe aber mit vielen Langzeitpaaren gesprochen, sich viele Ehegeschichten angehört. „Der Film ist eine Liebeserklärung an all diejenigen, die es geschafft haben, zusammenzubleiben und ein Appell an uns alle, für die Liebe zu kämpfen“, sagt sie.

SZ-Podcast „München persönlich“:Die Schauspielerin Jule Ronstedt über Frust und Lust in den Wechseljahren
Sie wolle nicht jammern, sagt Jule Ronstedt, aber auch in ihrem Leben habe sich mit der Menopause einiges verändert. Sie nimmt diese Phase mit Humor und hat gerade ein Buch zu dem Thema herausgebracht.
Aber noch einmal zurück zu Anke Engelke: Die Schauspielerin hat kurz vor Weihnachten Geburtstag, es ist ein runder. Darüber sprechen will sie am Münchner Premierenabend nicht, zu anderen Anlässen vermutlich auch nicht. Damit ähnelt sie der von ihr gespielten Langzeit-Ehefrau, die ihren Ehrentag ebenfalls ignoriert und die Geburtstagsblumen in den Müll schmeißt. „Das ist eine Zahl, das interessiert mich nicht“, behauptet Engelke. Beruflich läuft es bei ihr seit vielen Jahren ziemlich gut, als Schauspielerin ist sie sehr gefragt – als Komikerin, Sängerin, Moderatorin, Synchronsprecherin und Podcasterin ebenfalls.
Bleibt nur noch die Sache mit der Deutschen Bahn: Als langjährige Vielfahrerin hat Anke Engelke schon viel erlebt, Verspätungen, Ausfälle oder Zugumleitungen schrecken sie nicht mehr ab. Als Smartphone-Verweigerin stößt sie jetzt aber an ihre Grenzen. „Ich habe da diese Plastikkarte, die wird bald abgeschafft“, erzählt sie und meint ihre Bahncard 100, mit der sie quer durch die Republik reist und die es künftig nur noch digital geben soll. „Da muss ich mal mit den Zuständigen sprechen und fragen, wie das gehen soll. Vielleicht kann man sie ja ausdrucken und laminieren?“

