Lieblingsdings:Im Wolkenkuckuckshaus

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Lieblingsdings: Begeistert von dem "House of Cards" von Charles Eames: Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne.

Begeistert von dem "House of Cards" von Charles Eames: Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne.

(Foto: Die Neue Sammlung)

Seit ihrer Kindheit begleitet Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne, ein Kartenspiel von Charles Eames. Aus der frühen Faszination für Muster und Design wurde ihr Beruf.

Von Sabine Buchwald, München

Es ist etwas, was mich seit meiner frühen Kindheit begleitet", sagt Angelika Nollert, bevor sie verrät, woran ihr Herz hängt. Es sei das "House of Cards", erklärt sie und lässt im Nachhall ihrer Worte eine fragende Stille entstehen. Die Netflix-Serie mit Robin Wright und Kevin Spacey? Die kann es schlecht sein. Nollert ist 1966 geboren, da gab es noch nicht mal Farbfernsehen in Deutschland.

Und so stellt sich schnell heraus, dass die Kunsthistorikerin das Kartendeck von Charles Eames meint. "Es hat mich als Kind absolut beglückt", sagt sie. Sowohl die kleine als auch die große Version gab es in ihrem Elternhaus in Duisburg. Beide Spiele hat Nollert irgendwann an sich genommen, ihre Geschwister hatten kein Interesse daran. Seitdem begleiten die Karten sie, wo immer sie wohnt und arbeitet. Nollert war von 2007 bis 2014 Direktorin des Neuen Museums in Nürnberg. Seit Mai 2014 leitet sie die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne. Jetzt liegen die beiden Originalschachteln samt Inhalt in München auf ihrem Schreibtisch, in dem Haus mit der größten Designsammlung der Welt.

Lieblingsdings: Viele Kartenmotive hat Charles Eames für sein Spiel aus dem Alltag genommen: Nadeln, Murmeln, Stifte. Mit je sechs Schlitzen an den Seiten lassen sich die Karten zusammenstecken.

Viele Kartenmotive hat Charles Eames für sein Spiel aus dem Alltag genommen: Nadeln, Murmeln, Stifte. Mit je sechs Schlitzen an den Seiten lassen sich die Karten zusammenstecken.

(Foto: Die Neue Sammlung)

Besonders die seriellen Motive wie die silberfarbenen Stecknadeln auf blauem Stoffgrund und das Bild mit den verschieden großen Knöpfen hatten es Nollert als Kind angetan. "Über diese Nahansichtigkeit entsteht ein abstraktes Muster, das hat mich damals total fasziniert", erklärt sie. Auch Tapeten-Bücher habe sie ihn ihrem Kinderzimmer gehabt, Muster liebe sie bis heute.

Die Motive, die der amerikanische Architekt und Designer Charles Eames für sein Spiel auswählte, stammen aus dem Alltag: Ein Bild zeigt bunte Nähgarnrollen, ein anderes die Spitzen von Wachsmalkreiden. Murmeln und Streichhölzer, Gemüse und Blumen sind weitere Motive. Auf den Markt gekommen ist das Spiel in den Fünfzigerjahren. In Deutschland brachte es damals der Ravensburger Verlag heraus. Man reizt oder sticht nicht mit diesen Karten, sondern steckt sie in Schlitze ineinander, wer will, zu einem House of Cards, zu einem Kartenhaus. Das Spiel ist wieder neu aufgelegt worden, die Bilder aber haben immer noch diese typisch trübe Farbigkeit ihrer Entstehungszeit.

Spielen durfte Nollert als Kind nicht mit den Karten. Vor allem die kleinen, neun auf sechs Zentimeter groß, hielten die Eltern zu fragil für kleine Hände. Entsprechend groß war wohl die Ehrfurcht der Tochter, und vielleicht war es auch gerade deshalb so reizvoll: "Ich dachte früher, es sei ein Spielzeug für Erwachsene", sagt Nollert.

Eames mag zwar familientaugliche Ansichten ausgesucht haben, aber man fokusierte seinerzeit wohl vorrangig den berufstätigen Mann. Nollerts Version liegt noch eine Beschreibung bei, mit einer etwas seltsam anmutenden Empfehlung: "Rezept für Manager / 1 Packung Wolkenkuckuckshaus / Ravensburger Spiel No. 16531 / Zur Beruhigung der Nerven."

Auf einer anderen Anleitung wird der Kreis erweitert: "(...) Dieses Spiel ist eine ansprechende und unwiderstehliche Aufforderung an alle netten Menschen jeden Alters, sich selber eine kleine Fantasiewelt aus lauter wunderbaren Wolkenkuckuckshäusern zu bauen." Die Museumsleiterin amüsiert sich über diese Texte. Sie selbst baue keine Wolkenkuckuckshäuser auf ihrem Schreibtisch, aber blättere immer wieder durch die Kartenstapel wie durch ein Fotoalbum. Die Neuauflage habe sie schon unzählige Male an Kinder und Jugendliche verschenkt.

Bei "Lieblingsdings" erzählen Menschen, woran ihr Herz hängt, was sie durchs Leben begleitet, ihnen Glück bringt und wovon sie sich niemals trennen würden.

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