Angebot für junge Menschen Spitzenathlet sucht Eliteschule

In der Vermittlerrolle: Philipp Ackel und seine Schwester Susanne helfen Jugendlichen, einen Platz an einer englischen Privatschule zu bekommen.

(Foto: Robert Haas)

Philipp Ackel wollte einmal Eishockey-Profi werden. Heute ist er 36 und vermittelt schon seit 16 Jahren Schüler an englische Internate. Geholfen hat ihm dabei sein Sport

Von Jakob Wetzel

Geholfen hat ihnen anfangs der Sport. Philipp Ackel wollte vor einigen Jahren eine junge deutsche Hockey-Nationalspielerin an ein Internat in England vermitteln. Die Briten aber hätten seine Anfrage sofort abgeblockt, erzählt er: Sie bräuchten nicht noch mehr deutsche Schüler, vielen Dank. Da wandte sich Ackel an eine konkurrierende Privatschule, die war interessiert. Und kurz darauf schoss die Hockey-Spielerin für ihr neues Schulteam fünf Tore in einem einzigen Spiel, ausgerechnet gegen die Mannschaft des ersten Internats. "Ich habe denen dann eine Mail geschickt und geschrieben: Die hättet ihr auch haben können", sagt Ackel. Eine Woche später hatte er einen Termin.

Heute öffnen sich die meisten Türen für Philipp Ackel etwas schneller. Gemeinsam mit seiner Schwester Susanne und einem Partner in England führt er die Agentur "Stanford & Ackel", die Schüler an britische Internate vermittelt. In den vergangenen Jahren haben sie ein Netzwerk geknüpft, mit etwa 100 Schulen arbeiten sie derzeit regelmäßig zusammen. Ihre Firma ist klein und bei Weitem nicht die einzige auf dem Markt. Aber in einer Branche, in der Erfahrung zählt, um das Vertrauen der Eltern und der Schulen zu gewinnen, ist sie außergewöhnlich: Denn Philipp Ackel ist erst 36, Susanne Ackel 32. Ihre Firma aber ist schon seit 16 Jahren im Geschäft.

Die Geschwister sitzen in einem Jugendstil-Altbau an der Widenmayerstraße im Lehel, dort belegen sie ein Zimmer in einer Bürogemeinschaft. An den Wänden hängen Fotografien aus Großbritannien und Kunstdrucke der Beatles, an den Regalen an der Wand kleben die Logos britischer Internate. Der Brexit ist hier noch weit weg.

Angefangen habe alles damit, dass sie selbst auf englischen Schulen waren, erzählen die Geschwister. "Als ich 17 war, kam mein Vater auf die Idee, dass ich in England Abitur machen könnte", sagt Philipp Ackel. Das sei nur so ein Einfall gewesen, auch weil an seinem Gymnasium die erhofften Leistungskurse Sport und Mathematik nicht zustande gekommen waren. Eine Agentur vermittelte ihn an eine Privatschule in Market Harborough südöstlich von Leicester - und Susanne Ackel, damals erst 13 Jahre alt, ging mit. Nicht an dieselbe Schule, aber auch an ein englisches Internat. "Ich wollte immer schon ins Ausland", sagt sie. Als ihr Bruder gehen durfte, habe sie empört gefragt: Was ist mit mir? "Meine Mutter war schockiert", sagt sie. "Aber mein Vater sagte: Wenn du meinst."

Es sollte zunächst nur ein Jahr werden. Doch die beiden fühlten sich wohl, an die Schule hängten beide ein Studium in Nottingham an, er studierte Produktionsmanagement, sie Betriebswirtschaft. Parallel, von 2002 an, wagten sie erste Gehversuche mit ihrer Agentur. Die ersten Schüler, die sie vermittelten, stammten aus dem unmittelbaren Bekanntenkreis. "Anfangs kam es mir vor wie ein Projekt an der Uni", sagt Philipp Ackel. Er baute eine Internetseite, was zu dieser Zeit noch etwas Besonderes war. Der Begriff "Start-up" war damals kaum geläufig, und Zeitungen erklärten noch ausführlich, was ein "WLAN" ist.

Geholfen hat Jonathan Stanford, der frühere Direktor der Schule in Market Harborough. Er rief die Schulen an, von denen die Agentur lebt: Die Eltern bezahlen nur die Schulgebühren, die Vermittlungsprovision tragen die Schulen. "Der Erstkontakt fällt leichter, wenn kein 20-Jähriger am Telefon ist", sagt Susanne Ackel. Heute leiten der Lehrer und die früheren Schüler die Agentur gemeinsam.

"Manchmal wundere ich mich immer noch, dass wir das beruflich machen", sagt Philipp Ackel. Voran ging es zu Beginn eher langsam. Philipp Ackel war 2005 mit dem Studium fertig, danach gab er erst einmal Privatunterricht in Deutsch und Englisch für Firmen und Schüler; die Agentur lief nebenher und wuchs vor sich hin. Susanne Ackel stieg nach der Finanzkrise 2009 ein. Seit 2010 können sie vollständig von der Agentur leben - und für die Zukunft sind sie zuversichtlich, trotz Brexit. Das Referendum 2016 sei ein Schock gewesen, "für uns, für die Schulen und für die Eltern", sagt Philipp Ackel. Für die Schüler habe sich bisher aber nichts verändert. Er hoffe, dass es so bleibe. "Die Schulen haben ja weiterhin Interesse an deutschen Schülern", sagt er. Es könne höchstens sein, dass die Jugendlichen künftig Visa brauchen. Aber das könne er eigentlich nicht glauben.

Bei der Arbeit hilft Susanne und Philipp Ackel immer noch der Sport. Der 36-Jährige träumte früher davon, Eishockey-Profi zu werden. Nach dem Studium zog er für ein Jahr ins Eishockey-Land Kanada. Aus der Karriere ist nichts geworden; nach seiner Rückkehr spielte der damals 24-Jährige für den TSV Erding in der Regionalliga, danach für den ERSC Ottobrunn in der Bayernliga, und heute spielt er nur noch Golf. Eishockey gehe kaum noch, sagt er, seine Schulter sei kaputt, außerdem sei er nicht mehr fit genug. Doch dass er sich im Hockey auskennt, hilft.

Denn der Sport ist wichtig, wenn es darum geht, Schüler und Internate zusammenzubringen. Die Schulen haben gerne gute Sportler für ihre Schulmannschaften. Und die Schüler brauchen passende Schulen, denn was in Deutschland der Sportverein ist, das ist in England das Internat. "Wir haben einige Feldhockey-Spieler vermittelt", sagt Philipp Ackel. Im englischsprachigen Raum komme nur das Vereinigte Königreich in Frage, denn in den USA werde kaum Hockey gespielt. Englische Schulen aber würden oft von Trimester zu Trimester die Sportarten wechseln, etwa von Hockey zu Netball zu Cricket. Wer beim Feldhockey bleiben will, brauche eine Schule, die ebenfalls bei Hockey bleibt.

Es müsse freilich nicht immer Hockey sein, sagt Susanne Ackel. Weitere Standbeine seien Golf oder auch Klettern. Musikalisch begabte Schüler brauchen ein Internat, in dem sie gut musizieren können. Sehr gute Schüler brauchen eine Schule, in der sie sehr gut gefördert werden. Und es gebe zum Beispiel auch eine Schule mit einer eigenen Feuerwehr. Die Schüler werden gerufen, wenn zum Beispiel eine Katze vom Baum gerettet werden muss.

Die Feuerwehr, das Hockey-Team oder die Klettergruppe würden dann auch gegen das Heimweh helfen, sagt Susanne Ackel, das habe sie selbst so erlebt. "Man hat dann nicht so viel Zeit, um nachzudenken." An ihrem Internat habe sie Fechten gelernt. Und man finde rasch Anschluss, sagt Philipp Ackel. "Wenn man durch den Gang geht und die anderen sagen: Das ist die Hockey-Spielerin aus dem Schulteam, die kommt aus Deutschland, dann ist man sofort integriert."