Verbeugung vor Franz Josef DegenhardtAndreas Rebers spielt mit Schmuddelkindern

Lesezeit: 3 Min.

Andreas Rebers (Mitte) haucht  den Liedern von Franz Josef Degenhardt wieder Leben ein, zusammen mit den Gitarristen André Matov und Samuel Halscheid (von links).
Andreas Rebers (Mitte) haucht  den Liedern von Franz Josef Degenhardt wieder Leben ein, zusammen mit den Gitarristen André Matov und Samuel Halscheid (von links). Janine Guldener

Der Münchner Kabarettist holt Franz Josef Degenhardt aus der Versenkung. Der linke Liedermacher war ein starker Einfluss in Rebers Nachkriegskindheit.

Von Oliver Hochkeppel

Ganz sicher würde der Kabarettist Andreas Rebers am kommenden Freitag kein Programm unter dem Titel „Rumpelkinder – Schmuddelstilzchen“ spielen, hätte ihm nicht 1969, als er elf war, ein Onkel eine bestimmte Schallplatte unter den Christbaum gelegt. Es war ein Franz-Josef-Degenhardt-Album, das für den heranwachsenden Rebers zu einem dieser berühmten Schlüsselerlebnisse wurde, die für die persönliche Weltsicht grundlegend sind. Half es ihm doch, sich einen Reim auf die familiäre „Geisterbahn“ zu machen, in der er sich gelandet glaubte, mit all den kriegsversehrten, kriegsverdrängenden oder immer noch kriegsbesoffenen Erwachsenen der Wirtschaftswunder-Nachkriegszeit.

Bestimmt konnte der kleine Andreas noch nicht alle Konnotationen der Texte verstehen, doch die poetische und sprachliche Kraft war faszinierend genug: „Schon mit dem ersten Chanson war ich überglücklich“, berichtet Rebers, „und innerhalb einer Woche konnte ich alles auswendig, und ich sang das Lied vom Weintrinker und von den Wölfen im Mai.“ Und natürlich das „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, durch das Degenhardt berühmt geworden war – „die Schmuddelkinder, das waren ja wir“, erklärt Rebers.

Genau 50 Jahre später fand es Rebers an der Zeit, sich dieses persönlichen Erbes wieder anzunehmen. Zusammen mit den vom Kollegen Thomas Pigor (Pigor & Eichhorn) vermittelten Gitarristen André Matov und Samuel Halscheidt stellte er einen Degenhardt-Abend für die Berliner „Bar jeder Vernunft“ zusammen. Im März 2020 hatte man dort Premiere und spielte es noch ein Mal – bevor es in den Lockdown ging. Zum Glück hatte man diese ersten Vorstellungen mitgeschnitten, so entstand während der Corona-Zeit immerhin das Doppelalbum „Rumpelkinder – Schmuddelstilzchen“. Eine grandiose Wiedererweckung von „Väterchen Franz“, die monatelang auf der WDR-Lieder-Bestenliste mit Dota um Platz Eins konkurrierte.

Ein besonderer Genuss wird es auch live schon deshalb, weil es gitarristisch – mit Verlaub – besser zugehen wird als beim Original.  Matov und Halscheid sind exzellente, vom Jazz kommende Gitarren-Allrounder, die große Erfahrung mit Bühnenbegleitung haben – zum Beispiel bei Anna Mateur. „Auch Degenhardt war so klug, sich immer gute Begleiter zu holen, die meisten kamen von der Band Ougenweide,“ erklärt Rebers. Und anders als auf dem Album wird Rebers den Abend auch mit Geschichten über Degenhardt und aus seiner eigenen Kindheit moderieren.

Das alles ist nicht nur genussvoll und spannend, sondern auch wichtig. Weil Degenhardt abseits einer in die Jahre gekommenen 68er-Fangemeinde und anders als alle vergleichbar relevanten Liedermacher praktisch nicht mehr präsent ist. Vielleicht, weil sein sprachlich spitzer, folkloristischer Vortragsstil nicht mehr sehr zeitgemäß wirkt. Vor allem aber, weil er als RAF-Verteidiger und DKP-Mitglied jahrzehntelang bei Rundfunk und Fernsehen auf dem Index stand und dort bis heute kaum gespielt oder gezeigt wird.

Der  Liedermacher Franz Josef Degenhardt auf einem Bild aus dem Jahr 1997.
Der  Liedermacher Franz Josef Degenhardt auf einem Bild aus dem Jahr 1997. dpa / Jörg Lange

„Für unsere Generation ist es oft ein Deja Vu“, sagt Rebers, „und die Jungen können mal erkennen, dass wir nicht nur alte weiße Säcke sind, die alles kaputt gemacht haben. Sondern dass wir auch etwas aushalten mussten. Bei uns saß noch der Zweite Weltkrieg mit am Tisch. Aber geredet wurde nicht darüber. Als ich das erste Mal die Zeichnungen von der gerade gestorbenen Gertrude Degenhardt sah, der Schwägerin, die viele Degenhardt-Cover gestaltet hat, habe ich darin meine Familie wiedererkannt. Ihr und sein Stil, diese Sprache mochte ich sehr gerne. Und es ist unglaublich, wie aktuell vieles da heute leider wieder ist.“

Für den Auftritt im Künstlerhaus – und an den Tagen darauf auch noch in Garching und im Geltinger „Hinterhalt“ – haben die drei gerade nochmal üben können, vor 2000 Leuten beim Rosa-Luxemburg-Kongress in Berlin. „Die Rosa-Luxemburg-Gesellschaft lädt mich regelmäßig ein. Nur beim letzten Mal habe ich abgesagt. Da ging es um Gaza, und da habe ich gesagt, eure Position dazu geht überhaupt nicht, also nein. Diese jungen Linken oder auch Grünen heute, die hauen Textdateien raus. Das ist eine in sich geschlossene Argumentation, da ist kein Diskurs mehr möglich“, findet Rebers.

Ein bisschen wie beim späten Degenhardt, wie er ergänzt. „Am Schluss war das nur noch Agitprop. Wir beschränken uns auf die frühen Lieder.“ Aus der Zeit des gehaltvollen Radikaloppositionellen also. Den Rebers übrigens noch persönlich kennengelernt hat: „Das war eine Enttäuschung. Er war so verbittert. So bös. So ein Hass auf den Biermann und den Hüsch.“ Umso mehr lohnt es sich, den Degenhardt kennenzulernen oder wiederzuentdecken, der „anders als ein Hannes Wader oder ein Konstantin Wecker noch wusste, wovon er redet“, wie Rebers sagt.

Andreas Rebers: „Rumpelkinder – Schmuddelstilzchen“, Freitag, 16. Januar, 19.30 Uhr, Künstlerhaus, Lenbachplatz, www.kuenstlerhaus-muc.de

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Das neue Album der Münchner Gruppe „Jisr“
:Musik gegen die Beschränktheit

Heimat ist eine sehr lebendige Idee: „Jisr“, das international besetzte Münchner Kollektiv um Mohcine Ramdan, hat sein neues Album zu großen Teilen in Casablanca aufgenommen.

Von Christian Jooß-Bernau

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: