Gabalier-Konzert in München Der Bergprediger

Fast ein Heimspiel: Zum vierten Mal trat der Grazer Andreas Gabalier im Olympiastadion auf. "Hier ist die Welt noch in Ordnung", findet er.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Seine Lieder sind patriotische Sehnsuchtsfantasien. Sie erzählen von einem heilen Österreich, das es so gar nicht gibt. Beim Konzert im Münchner Olympiastadion wird Andreas Gabalier von etwa 70 000 Menschen bejubelt - und kündigt eine Pause an.

Von Stefan Sommer

Andreas Gabalier muss sich kurz hinlegen. Fix und alle wie ein Marathonläufer auf der Ziellinie sackt er in sich zusammen. Er bewegt sich nicht mehr. Kein Zucken. Die Hände hinter dem Kopf schaut er vom Bühnenboden in den Nachthimmel. Keine Sterne über dem Olympiastadion. Keine Flugzeuge. Kein Gewitter. Vielleicht denkt er nach. Vielleicht fragt er sich, wie er das alles macht, was die Leute so an ihm fasziniert, wie es sein kann, dass etwa 70 000 Menschen mit ihm gerade "Hodihodihodieh, Hodihodihodieh" gesungen haben. Vielleicht denkt er an Österreich.

Oder er überschlägt, wie lange er so verharren kann, bis man bemerkt, dass sein Päuschen nicht geplant ist. Die Leute warten. Stimmt etwas nicht? Die fliegende Kamera saust los. Sie verfängt sich in den Lamettafetzen des "Hulapalu"-Finales. Wie eine Qualle mit goldenen Tentakeln schleicht sie sich an den Liegenden ran. Der merkt das. Gabalier steht auf, grinst breit und ist wieder ganz da - ganz der steirische Bergbauernbua, der "fesche Volksrocknroller". Spitzbübisch, charmant wie ein Skilehrer und anständig, unschuldig wie sein Bekannter HC Strache während unangenehmer Pressekonferenzen.

Gabalier-Konzert in München

Ein Stadion singt "Hodihodihodieh"

Es ist der vierte Auftritt Gabaliers im Olympiastadion. Der erste, seit ihm die Faschingsgesellschaft Narhalla den Karl-Valentin-Orden verliehen hat - unter großem Protest nicht nur des Karl-Valentin-Freundeskreises. Die Vorwürfe, Gabalier würde mit faschistischen Symbolen spielen und ein veraltetes Frauenbild vertreten, beantwortete der Sänger damals so, dass er sich "von ein paar Neidern" seine Erfolgsgeschichte nicht kaputt reden lassen würde. Seiner Popularität hat der Streit um die Ehrung nicht geschadet. Das Olympiastadion ist ausverkauft. Die Tournee führt durch sieben deutsche Städte und endet am 13. Juli im Max-Morlock-Stadion in Nürnberg. Wie er gegen Ende des Konzerts verrät, wird er aber im Herbst eine Pause für unbestimmte Zeit einlegen. Anlass der Tour ist ein Jubiläum: Vor zehn Jahren veröffentlichte Andreas Gabalier seine Debütplatte "Da komm' ich her".

Von diesem Album spielt er am Samstagabend unter anderem "Steirerland" und "Meine Heimat" - ideologische Eckpfeiler seines Werks, seiner Inszenierung und seines Weltbilds. Er will ein stolzer "steirer Bergbauernbua" sein, der "Mountain Man". Bodenständig, heimatverbunden, sexy. Die pralle Lederhose, der tatkräftige Bergsteigergang, die Machorockerposen und der hemdsärmelige Dialekt gehören zu diesem Luis-Trenker-Charakter.

Trotzig und selbstbewusst erzählt er in seinen Liedern oft vom Stolz auf die Heimat, vom großen Glück, in diesem Teil der Welt geboren zu sein. Für ihn ist Heimat kein philosophisches Konzept, sondern ein physisches Stück Boden. Wer zu dieser Heimat gehört, und wer nicht, bleibt oft im Vagen. Die Stücke sind patriotische Sehnsuchtsfantasien von einer heilen Welt, einem Österreich, das aus Kaiserschmarrn, Bergidyll und Sisi besteht - nicht aus Flüchtlingskrise, Josef Fritzl und Adolf Hitler. Einem Österreich, das es gar nicht gibt.

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In diesem Kosmos bleiben Frauen "Zuckerpuppen", "Rehlein", "Madln" und "Lipstickladys", die "fesche Buam brauchen", wie er breitbeinig von der Bühne verkündet. Er schiebt nach: "Die Madln tragen hier Dirndl, die Buam Lederhosen. Hier ist die Welt noch in Ordnung." In diesem Kosmos lieben Männer Frauen und Frauen Männer - Männer mit Muskeln: Eine Wadenkamera fängt für die Videoleinwand Gabaliers trainierte Unterschenkel ein. Und weil er noch mehr zu bieten hat, bekommt das Publikum seinen in der hautengen Krachledernen shakenden Bergbauernpopo in Nahaufnahme direkt hinterher.

Mit dem Versuch, die Alpenrepublik vor der Komplexität der Welt zu bewahren, hat Gabalier in Österreich prominente Fans gewonnen. Der Rechtspopulist und ehemalige Vizekanzler HC Strache findet ihn super. Er ergreift oft online für den Sänger Partei. Felix Baumgartner, der im Internet mit kruden Positionen aufgefallen ist, und der Red-Bull-Besitzer und Medienmogul Dietrich Mateschitz gehören zu seinen Unterstützern. Gabalier bedankt sich am Ende des Konzerts bei jenem "langjährigen, lieben, lieben Freund Didi" dafür, dass das Spektakel heute von Kameras seines Senders ServusTV aufgezeichnet werde.

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