Konzert in MünchenAndré Rieu will noch 40 Jahre lang seinen Walzertraum leben

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Vor fast 40 Jahren gründete André Rieu, seit Oktober 75, sein „Johann Strauss Orchester“ und verbreitet seitdem gute Laune bei seinen Konzerte. So soll es noch eine ganze Weile weitergehen, wünscht er sich in München.
Vor fast 40 Jahren gründete André Rieu, seit Oktober 75, sein „Johann Strauss Orchester“ und verbreitet seitdem gute Laune bei seinen Konzerte. So soll es noch eine ganze Weile weitergehen, wünscht er sich in München. Robert Haas

Der niederländische Violinist spielt beim Konzert in der Olympiahalle selbst kein Solo. Aber wenn André Rieu seinen Geigenbogen als Zeremonienstab schwingt, herrscht Stimmung wie am Nockherberg.

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„Träumen Sie davon und es wird passieren“, ruft André Rieu in die Olympiahalle. Wovon die meisten hier träumen, ist klar: von einem Abend mit André Rieu. Mehr als 25 Mal bereits ist der Geiger mit der Föhnfrisur und der Goldbrosche am weißen Halstuch hier aufgetreten, mit mehr als zehntausend Besuchern ist die Halle in der bestuhlten Variante auch diesmal ausverkauft. Die meisten wissen offensichtlich bereits, wie ihr Traum aussehen wird. Vom rhythmisch beklatschten Einzug des Orchesters bis zu den goldenen, himmelblauen und türkisfarbenen Ballkleidern der Orchesterdamen, von der hochgezogenen Augenbraue Rieus für die zu spät Kommenden am Beginn bis zum Zugabenblock, in dem ihm das Publikum die vorgespielte Müdigkeit nicht durchgehen lassen darf: alles Ritual, bei dem wie in der Kirche auch die Gemeinde ihren Part kennt. Dass zum Donauwalzer in den Gängen getanzt werden darf, müsste Rieu kaum mehr eigens ansagen.

„An der schönen blauen Donau“ ist außer den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ der einzige Walzer von Johann Strauss (Sohn), den das „Johann Strauss Orchester“ spielt. Ansonsten geht es musikalisch quer durch die Genres, von der Opernarie bis zur Operettennummer, vom Musical bis zur italienischen Canzone, vom Pop-Evergreen bis zum Karnevalsschlager. Das Einzige, was sämtliche Titel verbindet, ist ihr Wiedererkennungswert. Keine unbekannte Melodie stört den Traum, die Arrangements erst recht nicht.

Immer spielt das gesamte Orchester, fast immer schaltet sich irgendwann der Background-Chor zu. Ein bisschen Stand-up-Comedy ist auch meistens dabei, vermeintlich spontan arrangiert für die passenden Kameraausschnitte. Zum „Schneewalzer“ beginnt es zu schneien, bevor über einige Besucher eine ganze Lawine herunterbricht. Die Großbildleinwände zeigen die verdutzten Gesichter, auch Schadenfreude ist eine Freude.

Nach einem ausgiebigen Solo wird der Orchesterflötist niedergeschlagen, im Zugabenblock trinkt der Posaunist eine Flasche Sekt alleine aus. Im Publikum haben sich da längst Schlangen zur Saal-Polonaise geformt und es herrscht eine Stimmung wie sonst nur beim Starkbierfest am Nockherberg. „Rosamunde“ schallt es aus allen Mündern und „Oh! Oh! Oh!“ zu „Sweet Caroline“. „Was euch auch immer im Leben passiert“, erinnert Rieu im grammatisch nur leicht schiefen Holländerdeutsch, „glauben Sie immer fest an die Kraft der Musik!“ Ihm glaubt man jedenfalls, dass er meint, was er sagt.

Inzwischen hilft die KI mit bei den Videokulissen und lässt die Farben noch bunter wirken.
Inzwischen hilft die KI mit bei den Videokulissen und lässt die Farben noch bunter wirken. Robert Haas

Dabei geht es wohl weniger um die Kraft der Musik, als um die der Gemeinschaft, für die Musiken jeder Art eher Anlass sind. Eine Gemeinschaft, die nichts und niemanden ausschließt, wie Rieu immer wieder betont. 18 Nationalitäten sind im Orchester vertreten, drei schon mit den drei Tenören, die  „Tiritomba“ singen. Unter den sonstigen Solisten findet sich die Opernsängerin ebenso wie der Zitherspieler, die Musical-Diva wie der Akkordeonist, alle vereint zum harmonisch kraus arrangierten „Freude schöner Götterfunken“. Keiner wird vom Applaus ausgeschlossen, nicht mal die Techniker, die den Tisch für die Zither bringen.

Im Publikum sitzen Menschen aller Altersgruppen, mit deutlicher Tendenz zu den höheren. Wer es schwer hat im Leben, bekommt erst recht seinen Platz: die ukrainisch-deutsche Sängerin Anna Reker, die in Tracht ein Volkslied der kriegsgeplagten Ukraine vorträgt, der Panflötist Michel Tirabosco, der ohne Hände geboren wurde. Mit seinem konzentrierten Flötenton sorgt der italienisch-schweizerische Musiker für den einzigen intimen Moment, ganz ohne das Wabern, das nicht nur sein Instrument, sondern auch die überlaute Klangregie ansonsten an sich haben.

Eine Stimmung wie beim Starkbierfest herrscht in der Olympiahalle.
Eine Stimmung wie beim Starkbierfest herrscht in der Olympiahalle. Robert Haas

Nur Rieu selbst spielt kein Solo, allenfalls gelegentlich spielt er mit im Klangganzen. Die Geige in seiner Hand bleibt Staffage wie der Flügel, der sich kaum aus dem Orchester heraushören ließe, der Geigenbogen ein Zeremonienstab, Rieu sein eigenes Monument, 75 Jahre alt geworden im vergangenen Oktober.

Vor fast vierzig Jahren, er sagt es gleich zweimal, hat er das „Johann Strauss Orchester“ gegründet. Zwei Gründungsmitglieder sind noch dabei. Und noch vierzig Jahre soll es so weitergehen oder jedenfalls „bis ans Ende meines Lebens“. Der Traum wird schöner mit jedem Tag wie die Hintergrundprojektionen, an denen inzwischen auch KI mitarbeitet. Sie lässt die Wiesen und Wälder noch saftiger wirken und den Regenbogen darüber noch bunter als die Natur selbst. Es mag Menschen geben, die sowas für einen Albtraum halten. Für die Fans von André Rieu ist es Ostern und Silvester und Kindergeburtstag gleichzeitig, begrenzt nur von den äußeren Umständen auf drei Stunden. Dann fallen Luftballons von der Decke und werden von Platz zu Platz geworfen, vermutlich bis zum nächsten Konzert.

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