Man muss schon genau sein, wenn es ums Wienerische geht: Ein „Pallawatsch“ ist ein Durcheinander oder Unsinn, erklärt André Heller. „Bahöö“ ist eher ein Aufruhr. Und „Remassuri“ heißt: Da ist was los! Würde also alles passen zum neuen Programm des großen Tausendsassas der Austro- und Weltkultur. Nun heißt es aber „Remassuri“, und diese Revue mit Wiener Liedern steigt nach ihrem Dauererfolg im Stadttheater Walfischgasse gleich bei der Oper nun erstmals außerhalb: in der Black Box im Fat Cat in München, wo Heller schon mit riesigen Projekten wie „Flic Flac“, „Afrika! Afrika!“, „Magnifico“ oder dem Fußballglobus zur WM 2006 (er erfand das Motto: „Die Welt zu Gast bei Freunden“) gastierte. Sein Remassuri kommt für Heller’sche Verhältnisse bescheiden daher, mit ein paar Musikern, zwei Schweizer Pantomimen von „Mummenschanz“ und zwei ORF-Kinderhelden namens Petzi-Bär und Kasperl.
SZ: Als Wiener haben Sie vor einem Jahr in der Hamburger Elbphilharmonie ein Festival unter ein Zitat von Karl Valentin gestellt, eines Münchner Komikers …
André Heller: Was heißt Komiker? Er ist ein Genie! Eine der kostbarsten Figuren, die Bayern je hervorgebracht hat.
Hätte es Karl Valentin mit seiner dunklen Seite auch in Wien zu etwas bringen können?
Wir haben unsere eigenen Dadaisten, aber er wäre sicher bejubelt worden. Weil wir eine große Affinität zum Absurden haben.
Noch etwas ganz Ungewöhnliches gab es in Hamburg: Sie haben wieder gesungen.
Ich glaube, das erste Mal seit 1874.
Na ja, nicht ganz so lange her, aber doch etwa 40 Jahre. Wie hat es sich angefühlt?
Ich habe mir gesagt: Tu’s! Die Karriere kannst du eh nicht mehr vernichten.
Warum blieb es bei der Ausnahme, warum singen Sie in Ihrer Revue „Remassuri“ nicht selbst?
Ohne Hochmut: weil ich mich auch noch um einige andere Projekte kümmern muss. Mein Motto ist: sich lernend verwandeln. Bring dich in Situationen, wo du am Ende sagst, du hast weder deine Zeit noch dein Talent geschwänzt. Also, ich habe einst erfolgreich meine Lieder gesungen, aber ich bin gerade noch rechtzeitig abgesprungen. Als irgendwann in meinem italienischen Wohnsitz ein Paparazzo aufgetaucht ist, wusste ich: Investier’ nicht mehr in größere Popularität, sondern räume neuen Abenteuern Platz ein, zum Beispiel Gärten. Sie sind Schönheit, Genauigkeit, Duft, Farbe, Heilung, Spiritualität.

Und wie passt dazu nun die Revue rund um das Wiener Lied?
„Remassuri“ habe ich auch nur gewagt, weil es das in dieser Form noch nie gab.
Was ist denn Neues für Sie dabei?
Altes neu wiederentdeckt. Meine Shows und andere Projekte waren immer sehr aufwendig. Jetzt wollte ich wissen, ob es noch einmal sein kann wie in meiner Anfängerzeit, in einem Kellertheater am Naschmarkt. Damals waren wir fünf auf der Bühne, und manchmal gab es nur sechs im Zuschauerraum, da musste alles durch Improvisation und gegenseitige Hilfe wahr werden. Ich wollte wissen, ob ich das mit 78 in der ehemaligen Kargheit auch noch kann. Du musst nicht mit 60 Balletttänzern auftrumpfen, sondern kannst mit zwei Pantomimen faszinieren.
Noch einmal zurück zum Valentin-Zitat: Was bedeutet „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ für Sie?
Am fremdesten habe ich mich jahrzehntelang im André Heller gefühlt. Ich musste es mühsam lernen, mich mit mir selbst zu befreunden. Wenn man in jemandem aufwacht, den man nicht leiden kann, wird es schwierig, den Tag zu genießen. Ich komme aus einer Familie, wo der Vater vor den Nazis fliehen musste, und unser Motto war: Wir sitzen immer auf gepackten Koffern. Insofern war die Fremde eine unserer Normalitäten.

Haben Sie Ihre Nähe zum Wiener Lied auch von daheim?
Der Vater hat durchaus gern Wiener Lieder gehört, auch in Paris, wo er nach dem Krieg lebte. Bei seinen seltenen Besuchen in Wien wurden zumindest einmal in der Woche mit einem Korrepetitor und seiner exzentrischen Stimme populäre Dialektlieder gesungen. Zum Beispiel: „Hobt’s es ned mein Schani g’sehn, der ausschaut wia sei Vota …“. Ich habe dann gefragt: Was ist das mit dir und dem Wiener Lied? Ich habe es in der Tausendstel Sekunde verstanden, wie er es ausgesprochen hat: Das Wiener Lied ist eine transportable Heimat, genauso wie die jiddische Musik.
Das Wiener Lied ist in München durchaus präsent in der Kleinkunstszene.
Kleinkunst ist das nicht, sondern eher eine innige Liebesgeschichte.
Wie würden Sie es definieren?
Es ist ein Eisberg, der 150 Jahre lang nicht erforscht wurde. Touristen sind beim Heurigen damit nur in der Vorstadt konfrontiert worden, mit Melodien von Schrammel-Formationen. Und ich denke mir seit 30 Jahren, das müsste man zunächst den Wienern so bekannt machen, außerhalb von Grinzing, dass sie begreifen, das ist unser Flamenco, unser Fado. Das ist die eigentliche unsterbliche Volksmusik dieser angeblichen Welthauptstadt der Musik.
Was macht das Wiener Lied so wertvoll?
Wiener Lieder sind von einer erstaunlichen Qualität, manchmal auch von einer erstaunlichen textlichen Banalität. Das muss man separieren und muss sich verbeugen vor der genauen Beobachtung und dem Zauber der gelungenen Lieder. Dafür habe ich zwei erstklassige Verbündete gefunden, die Uschi Strauß, eine Ausnahmeschauspielerin und Sängerin, und den Ernstl Molden, der ist in den vergangenen 15 Jahren in diesem Genre zu einem Hero aufgestiegen.

Der Molden ebenso wie Voodoo Jürgens oder der Nino aus Wien haben das Wiener Lied tatsächlich hip gemacht.
Diese Neuen sind das Herzass, das sind die Trümpfe an Anregung. Der Voodoo Jürgens ist einzigartig in den Texten, als sei er aus einer Rippe Ödön von Horváths entsprungen. Auch durch sie habe ich mich für das alte Wiener Lied neu interessiert. Dann hatte ich auch selbst wieder Lust an neuen Text- und Ton-Wagnissen, das hatte auch mit dem Tod meiner Mutter zu tun, die mit 104 Jahren gestorben ist.
Sind Lieder von Ihnen in „Remassuri“ mit drin?
Ja, zum Beispiel „Wean, du bist a Taschenfeitl“.
In dem Lied von 1974 vergleichen Sie Wien mit einem Taschenmesser.
Ja, das steckte bei den Buben in der Lederhose drin. Da ist Wien ein „Burenheitl, auf dass I ned haas bin, aber trotzdem steh“. Das ist auch so eine Wienerische Haltung: Ich kann dich nicht leiden, aber ich bete dich an. Das habe ich in den Siebzigern für den Qualtinger geschrieben. Der Helmut war eine Vaterfigur für mich, und ich eine Sohnfigur für ihn. Er hat immer gesagt: Schreib was und wir führen das dann auf! Und dabei sind einige Merkwürdigkeiten herausgekommen, die offenbar zeitlos sind. Auch so eine Volkshymne in Österreich, die man den Münchnern nicht gleich beim ersten Mal zumutet: „Bei mir seid’s alle im Oasch dahaam“.

Die Wiener halten also mehr aus?
Der Qualtinger sagt in einem unserer Werke: „Der echte Wiener geht nicht unter, aber er kommt auch nie hinauf.“ Er war halt in dieser sehr scharfen Wiener Cabaret-Szene der Sechzigerjahre ein Gott, aber damals sind die Dialekt-Chansons nur heftig ironisiert vorgekommen: „Die alte Engelmacherin vom Diamantengrund“. Aber der Helmut und ich, und vor allem der unübertreffliche Poet HC Artmann mit seinen grandiosen schwarzen Gedichten wollten das Wiener Lied ernst nehmen, nicht abwatschen. Sondern beweisen, dass es ein Transportmittel für tiefe, unverlogene Gefühle, Abschiedsunverblümtheiten, wunderbare Ratlosigkeiten und Selbstzweifel sein kann.
Ist das Wiener Lied auch politisch?
Häufig! Ein Beispiel: Ich habe ein Lied geschrieben, da heißt es: „Zuerst hab I di verlor’n, dann hab’ I mi verlor’n, und aufm Fundamt hat se nemad g’riart.“ Das ist ein Lied über Armut, über Verelendung. Es heißt im Refrain: „Allaasein is ärger ois Ratznfressn“. Das berührt jeden Strotter, jeden Obdachlosen, und sollte auch uns berühren.

Bei Ihnen passt selbst ein Strauss-Walzer auf die kleine Bühne.
Ja, wir haben ja nur diese vier Schrammeln: zwei Geiger, einen Ziehharmonikaspieler und einen Kontragitarristen. Aber die spielen Strauss-Walzer in einer Qualität, die man sonst nur beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker hört.
Wird alles durch die Schrammeln zum Wiener Lied?
Es ist ein Gespür, das man hat oder nicht hat.
Und was bitte unterscheidet das bei Ihnen zu hörende Dudeln vom Jodeln?
Das Dudeln gab es früher als das Jodeln. Es hat andere Nuancen und Wendungen. Bei uns singen das oft zwei oder drei Damen in einer Art Raserei des Wettbewerbs. Unsere Primadonnen können das atemberaubend. Es gibt eben diese Untergrundszene, in der sich solche Sensationen vorbereitet haben, die ich lange Zeit gar nicht wahrnahm. Da verwirklichen Könner ihre geheimsten Sehnsüchte.
Stimmt es, dass ursprünglich auch ein Falco-Song in Ihrer Wiener-Lieder-Revue auftauchte?
Den haben wir drinnen gehabt und zwei Tage vor der Premiere herausgenommen. „Amadeus“ ist natürlich irgendwie auch ein Wiener Lied, aber ich habe mit meinen Verbündeten nicht die richtige Form für die Instrumentierung gefunden, damit das ganz anders und trotzdem wirksam geklungen hätte.

Natürlich ist Wolfgang Ambros dabei. Er nimmt selbst Bezug auf dieses Genre, im „Zentralfriedhof“ singt er vom „Fiakerlied“ und den walzernden Schrammeln. So verwebt sich das.
Er hat ein paar geniale Lieder geschrieben. Wo man aber auch den Hut ziehen muss vor dem Joesi Prokopetz und seinen Texten. „Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten“, das ist wirklich römisch eins. Da ist die Ironie auf den Punkt gebracht, die nicht idiotisch oder verräterisch ist gegenüber der Verantwortung zum Wiener Lied.
Im Zentralfriedhof tanzen Juden mit Arabern. War das Wiener Lied immer so multikulturell, offen, dass können Sie vielleicht als christlicher Jude sagen. Alle vereint?
Ja. Einige der unsterblichsten Wiener Lieder haben Juden geschrieben, das „Fiakerlied“ zum Beispiel. Das kommt bei uns auch vor. Girardi und Paul Hörbiger haben es berühmt gemacht, da dachte ich: Wie verwenden wir das jetzt? Die Lösung lautet, bei uns singt das eine Frau! Es gibt beim Stephansdom mindestens vier oder fünf Fiakerkutscherinnen. Und die hat noch nie jemand mit diesem Lied geehrt. Das hat zu großem Erstaunen geführt.
Auch zu Protest?
Es waren Fiaker in der Show. Die haben gesagt: Herr Heller, wie können’S denn so was machen, das ist unsere Hymne! Dann habe ich gekontert: Das ist nicht eure Hymne, das ist die Hymne von allen, die euren Beruf haben. Dann haben sie eingelenkt: Ah, jo, wenn Sie’s so sagen … Die Kutscher sind ja relativ tolerant, weil sie immerzu mit Fremden in Berührung kommen.

Peter Alexander und Johnny Cash fuhren mal für eine ORF-Show im Fiaker und sangen Englisch und Wienerisch. Sind Sie bei Ihrem Radio-Interview mit John Lennon Fiaker gefahren?
Nein, aber als ich ihn zum Flughafen brachte, kamen wir am Zentralfriedhof vorbei. Da habe ich zu ihm gesagt: Da liegt die größte Versammlung von Musikgenies: Mozart, Beethoven, Johann Strauss, Schönberg. Er sagte: Stopp! Ich mahnte: Du hast es ziemlich eilig zu deinem Flieger. John antwortete: Gehen wir geschwind dorthin! Wir sind also die Allee hinuntergerannt. Dann zeigte ich aufs Grab vom Schubert: Das ist der bedeutendste Liederschreiber vor dir! Daraufhin hat er ein Schuhbandel aus seinen Sportschuhen gefädelt und es auf das Grab gelegt, statt Blumen.
Jetzt zu zwei Berühmtheiten, die in „Remassuri“ dabei sind. Für alle, die als Kinder im ORF-Empfangsgebiet aufgewachsen sind, sind der Kasperl und der Petzi-Bär – „jöh!“ – Helden.
Die kommen mit. Das Urania-Theater mit den Puppen gehört ja jetzt mir, weil ich nicht wollte, dass es zugrunde geht. Und wir sind – ta da da dah – das meistbesuchte Theater Österreichs. Die Auslastung liegt bei über hundert Prozent! Wissen Sie, wieso? Weil, die Kinder sitzen am Schoß ihrer Eltern, und das wird auch gezählt.
Was hat Kasperl heute mehr zu sagen als „Seid Ihr alle da?“
Nach wie vor bieten er und seine Mitspieler den Kindern den ersten Kontakt mit dem lebendigen Theater. Bei uns in der Urania sitzen sogenannte feine Kinder aus Nobelbezirken neben Arbeiterkindern aus Floridsdorf. Und das eine Kind schreit: „Achtung, Gefahr, Kasperl!“ Das andere: „Geh scheißn, du Trottel, tu unserem Kasperl ja nix.“
Wie geht das nun mit dem Wiener Lied zusammen?
Ich hätte halt, kindisch wie ich bin, gern eine Sammlung von Wiener Wahrzeichen. Wenn man das Riesenrad kaufen könnte, würde ich mich sofort darum bemühen, aber man kann nicht alles im Leben haben.
„Remassuri“, die Wiener-Lied-Revue von André Heller, Montag bis Mittwoch, 1. bis 3. Dezember, 20 Uhr, München, Black Box im Fat Cat (ehemaliger Gasteig)

