Theater:Tor des Monats

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Theater: Alkmene (Anna Klimovitskaya) bewundert ihren Fußballgott, doch dieser ist nicht Amphitryon, sondern Jupiter (Tjark Bernau), der sich für Amphitryon ausgibt, worauf die beiden viel Spaß haben. Die Zuschauer auch.

Alkmene (Anna Klimovitskaya) bewundert ihren Fußballgott, doch dieser ist nicht Amphitryon, sondern Jupiter (Tjark Bernau), der sich für Amphitryon ausgibt, worauf die beiden viel Spaß haben. Die Zuschauer auch.

(Foto: Konrad Fersterer)

Anne Lenk inszeniert Kleists "Amphitryon" am Staatstheater Nürnberg ebenso klug wie rasant.

Von Egbert Tholl, Nürnberg

In Kleists Komödie "Amphitryon" geht Jupiter mal wieder strawanzen. Diesmal hat er es auf Alkmene abgesehen, der Gattin des thebanischen Feldherren Amphitryon, der im Krieg weilt. Also verwandelt er sich in diesen, nimmt auf die Unternehmung Merkur mit, der schon mal sein Kommen ankündigen soll. Alkmene ist vom unerhofft frühen Wiedersehen entzückt, Gott und Gattin verbringen eine sensationelle Nacht miteinander, derweil sich Merkur um Charis kümmert, Ehefrau des Sosias, dabei aber keineswegs seine Macht so ausnutzt wie der Chef. Es folgt ein fantastischer Wirrwarr, dem auch einiger Schmerz innewohnt, am Ende hat Jupiter ein Einsehen und erzählt die Wahrheit. Aber da hat er schon sehr viel angerichtet.

Vor zwei Jahren machte sich Anne Lenk am Staatsschauspiel Nürnberg daran, den Stoff zu inszenieren, nun kam ihre wundervolle Umsetzung endlich heraus, und zwar so frisch und munter, als hätte sie sich eben erst darangemacht. Sie hat die Pandemie unbeschadet überstanden. Schon damals, nicht erst unter dem Eindruck der grässlichen Geschehnisse der vergangenen Wochen, entschied sie sich, den Krieg als Folie auszublenden, weil sie ihn als Hintergrund einer letztlich doch Komödie für schwierig hielt. Als Kleist sein Stück schrieb, war das Militär in der Gesellschaft allgegenwärtig, jetzt ist dies etwas anderes. Fußball. Also ist ihr Amphitryon der Kapitän der thebanischen Fußballmannschaft, die eben den Weltcup gewonnen hat und dort noch festhängt, Sosias ist Amphitryons Referent, die beiden Götter spielen dies nach.

Erst einmal sieht man ein wirklich lustiges Video, das sich auch auf der Bühne die vom Erfolg des Gatten begeisterte Alkmene anschaut. Es ist eine leicht durchgeknallte Version jener Pressekonferenzen unmittelbar nach großen Sporterfolgen, ein plüschiges Maskottchen tapert vorbei, der Trainer (Justin Mühlenhardt) ist eine prägnante Ruhrpottikone handwerklich direkten Fußballertums, das Volk wird vertreten von einer Journalistin, edel verkörpert von Annette Büschelberger - sie alle tauchen am Ende auch auf der Bühne auf.

"Vom Dribbeln sprech' ich" - Kleist war also auch ein Fußballexperte

Das wirklich Tolle an diesem Treiben ist: Es geht wunderbar auf. Die Dramaturgin Andre Vilter vertauschte ein paar Worte im Stück, "vom Dribbeln sprech' ich dreist und Schießen", Kleist war also auch ein Fußballexperte, jedenfalls kann man die passenden Jamben bei ihm gut einpassen. Und da das Stück durchaus ein Mechanismus von Irrungen und Wirrungen, vom Verlust der Identität und deren mühsamen Wiederfinden ist, ist die Bühne ein blassrosa Kasten mit einer Rückwand, die man vor- und zurückschieben kann, die von den Darstellenden herumgedreht wird, links ist dann der, der rechts als anderer der Gleiche ist, und wenn das noch nicht ausreicht, springt einer durch eine der Seitenwände aus drehbaren Lamellen - das hat Judith Oswald sehr schön gebaut.

Der Gott steigt also herab als Fußballgott, und Tjark Bernau macht das mit so viel verspieltem Witz, dass es dauert, bis man Jupiters verliebten Übermut als verantwortungsloses Spiel mit der Macht entlarvt. Zaubern kann er auch, dann funkelt das Licht so lustig wie die herumwurmende Musik von Camill Jammal. Das Kunststück Anne Lenks, bei allem stupendem Handwerk, ist letztlich, wie federleicht und doch prägnant sie das Fluidum von Machtmissbrauch in ihre Inszenierung einwebt. Amphitryon, Sascha Tuxhorn, versteht bald die Welt nicht mehr, Janning Kahnert und Yascha Finn Nolting feiern das Zusammenfallen ihrer Sosias-Merkur-Identität mit grandios präzisem, überdrehten und rhetorisch wertvollen Aberwitz. Das allein macht jeden Besuch dieser gescheiten Aufführung notwendig, aber da sind ja noch die Frauen, die blitzend lebenskluge Lea Sophie Salfeld als Charis und Anna Klimovitskaya. Sie spielt die Spielerfrau Alkmene mit saukomischer, unverblümter Direktheit, strahlt über den besten Sex in deren Leben, ist selbstironisch und liebesweh zugleich und trägt am Ende doch alle bittere Wahrheit in sich. Ihr letztes "Ach!" öffnet eine Welt.

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