Amoklauf in München "Ihr Leben ist wichtig. Autos sind absolut unwichtig."

19.45 Uhr: Das Zwischengeschoss der S-Bahn-Station Marienplatz ist fast menschenleer. Plötzlich Rufe: "Weg, weg, weg!" Zu sehen ist ein Mann, ein paar Meter entfernt: groß, schlank, schwarz gekleidet. Über der Schulter trägt er ein Maschinengewehr. Dann ein Geräusch, das wie ein Schuss klingt. Leute verstecken sich hinter Säulen, laufen quer durch das Zwischengeschoss, zu einer Treppe, die wieder hinab zur S-Bahn geht. Unten fährt eine Bahn ein, Menschen drängen hinein. Sie halten diejenigen, die hier aussteigen wollen, davon ab. Die S-Bahn fährt los. Am Ostbahnhof steigen Menschen aus. Warum hält bei dieser Lage überhaupt noch eine S-Bahn am Marienplatz? "Jetzt hält sie nicht mehr", sagt ein Bahnmitarbeiter.

19.55 Uhr: Im Café des Gloria-Filmpalasts am Stachus in der Münchner Innenstadt sitzen die Gäste und verfolgen im Fernsehen, was in der Stadt um sie herum passiert. Viele von ihnen haben Einkaufstüten, ein junges Mädchen weint. Drei Schülerinnen, sie kommen aus Crailsheim in Baden-Württemberg, waren gerade in der U-Bahn, als Menschen um sie herum zu rufen und zu rennen begannen. Mehrmals sei das Wort "Attentat" zu hören gewesen. Die drei 16-Jährigen versteckten sich zunächst in einem Parkhaus und gelangten durch den Hinterausgang in die Nähe des Cafés, von dem aus sie nun ihre Familien kontaktieren. Wie sie in ihre Jugendherberge zum Rest ihrer Klasse kommen, wissen sie noch nicht.

20.35 Uhr: An der Ecke Pelkovenstraße/Oskar-Barnack-Straße stehen mehrere Polizisten mit Motorrädern und sichern einen der Südeingänge des Einkaufszentrums. Der Polizeifunk läuft. Alle paar Sekunden kommen neue Meldungen herein. Passanten wollen Schüsse an einer Tankstelle gehört haben, an einer U-Bahn-Station im nördlichen Stadtteil Hasenbergl, es gebe eine Geiselnahme in einem Fitness-Center. Stets sagt die Einsatzleitung: Wir schicken Kräfte hin und erkunden die Lage. Polizeizüge, zum Teile ganze Hundertschaften, werden angefordert, verlegt, an verdächtige Orte beordert. Es geht hin und her. "Das ist chaotischer als jeder Tatort mit Til Schweiger", sagt einer der Beamten. Da kommt die Meldung, dass ein Mann sich wenige Straßen nördlich von hier selbst in den Kopf geschossen haben soll. Zeugen hätten das beobachtet, heißt es über den Funk.

Der Mann, der ruhig bleibt

Marcus da Gloria Martins ist Pressesprecher der Münchner Polizei - und tritt als einer der wenigen glaubwürdig und souverän auf. Von Carolin Gasteiger mehr ...

20.55 Uhr: An der Ecke Hanauerstraße/Pelkovenstraße ist alles abgesperrt. Das OEZ ist in Sichtweite. Die Stimmung ist gespannt. Eine Polizistin in Leuchtweste versucht, auf sehr freundliche Weise, Notwendiges zu erklären und Unvermeidliches durchzusetzen. Sein Auto parke da drüben, sagt ein Mann und weist in die Sperrzone. Er wolle das jetzt holen. "Vergessen Sie Ihr Auto", sagt die Polizistin bestimmt. "Ihr Leben ist wichtig. Autos sind absolut unwichtig." Und heute kann hier garantiert keiner mehr sein Auto holen. Plötzlich Hektik. Von Norden kommen Polizisten mit Maschinenpistolen, hinter ihnen etwa 100 Menschen, die die vergangenen ein, zwei Stunden in einem Elektromarkt zugebracht haben. Sie werden nun aus der Sperrzone gebracht. Auf der anderen Straßenseite, etwa 70 Meter entfernt, ist auf einmal ein Mann in Jeans und schlabbrigem blauen T-Shirt zu sehen, in sein Handy starrend. Sofort legen zwei Polizisten ihre Maschinengewehre an. Andere Beamte rufen und schreien, der Mann hört offenkundig nichts, geht weiter direkt auf die Sperre zu. Bis er plötzlich aufmerkt und erschrocken die Hände hebt: keine Waffe. Die Züge der Polizisten entspannen sich.

21.05 Uhr: Nun setzt sich an der Ecke Hanauerstraße/Pelkovenstraße ein eigenartiger Zug in Bewegung. Es dämmert, es nieselt, die Polizei geleitet etwa 100 Menschen zu einem Kentucky-Fried-Chicken-Restaurant etwa 300 Meter weiter. Der nächste Sammelpunkt. Personalien aufnehmen, Aussagen sammeln, Probleme klären. So ungefähr erklärt das eine Polizistin. Es ist nicht der einzige Zug. Genau eine halbe Stunde später laufen wieder Menschen in Richtung Restaurant, die ebenfalls aus der Sperrzone gebracht worden sind. Wieder dürften es etwa 100 sein.

21.10 Uhr Einige Männer, die im Erdgeschoss des OEZ in einem Geschäft arbeiten, dürfen in Begleitung eines Polizeibeamten durch einen der Eingänge in das Gebäude und ihre Sachen herausholen. Offenbar ist das Gebäude inzwischen gesichert. Einer Frau, die an der Südseite des OEZ in Richtung Olympiapark gehen will, sagen die beiden Polizisten an der Ecke Pelkoven-/Oskar-Barnack-Straße: "Gehen Sie langsam und lassen Sie die Hände oben. Es gibt hier keinen Täter mehr, aber viele nervöse Polizeibeamte".

22.05 Uhr: In der Hanauer Straße. Es ist dunkel geworden, immer wieder kreisen Hubschrauber in der Luft. Vor einem Azubi-Wohnheim stehen die Bewohner. Soeben ist der vierte Zug mit etwa 100 Menschen aus der Sperrzone vorbeigegangen. Auf den Handys sehen sich die Jugendlichen die Videos des Abends an. Sie chatten und telefonieren und erzählen, was sie selbst erlebt haben. Das Wohnheim steht vielleicht 500 Meter südlich des Einkaufszentrums. Gegen 19.20 Uhr soll ein Mann es betreten haben, er soll eine Plastiktüte mit Blutspuren darauf getragen haben, erzählen die Jugendlichen. Die Polizei kommt kurz darauf. Weg von den Fenstern, schreien die Polizisten, fünf Minuten später trifft auch ein Spezialeinsatzkommando ein. Es stürmt mit schweren Waffen das Gebäude, blockiert sofort die Aufzüge, einen davon mit einem Teppich, den anderen mit einem Feuerlöscher. Sie gehen Appartement für Appartement ab, finden offenbar nichts. Wen suchten sie? Unklar. Inzwischen ist in dem Wohnheim wieder alles ruhig, zu ruhig. Da kriegt einer der Jugendlichen eine Videonachricht aufs Handy. Eine weinende Frau erzählt von den schrecklichen Stunden zuvor. "Au Scheiße", sagt der junge Mann und geht in die Knie, die Hände hinter dem Nacken verschränkt. "Das war eine Freundin von mir."