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Amoklauf:"Wir werden den Mörder nicht über die Menschlichkeit triumphieren lassen"

Sibel Leyla musste abbrechen, die Tränen überkamen sie. Eine Freundin las ihre Botschaft weiter, in der auch Anklage mitschwang: So gerne würde sie ihre Wut gegen jemanden richten können, jemanden, der verantwortlich sein muss für die Tat des 18-jährigen David S. "Ich mag nicht glauben, dass ein einzelner Täter verantwortlich ist", vielmehr glaube sie, "dass das System versagt" habe. "Ich mag nicht glauben, dass diese Tat nicht hätte verhindern werden können", hieß es im Redetext von Sibel Leyla weiter.

Damit spielte sie auf die rechtsextreme Gesinnung von David S. an. Der war psychisch krank, litt an Depressionen und an Folgen gezielten Mobbings durch Mitschüler. Die Ermittlungen hatten aber auch ergeben, dass er einem kruden Rechtsextremismus anhing und neben Hitler den rechtsradikalen Attentäter von Utøya verehrte, der auf der norwegischen Ferieninsel einen Massenmord verübt hatte - auch an einem 22. Juli.

Die Tatwaffe hatte sich David S. über das Darknet bei einem Waffenhändler aus Hessen besorgt, bei dem die Staatsanwaltschaft ebenfalls rechtsextreme Tendenzen festgestellt hat. Dennoch gehen die Ermittlungsbehörden weiter davon aus, das David S. ein Einzeltäter war, keine Hintermänner hatte und auch keinem rechtsextremen Netzwerk angehörte.

Amoklauf in München Der Brüller vom Balkon
Amoklauf in München

Der Brüller vom Balkon

Thomas Salbey schleuderte vor einem Jahr dem Münchner Amokläufer Kraftausdrücke und eine leere Flasche entgegen. Die einen feierten ihn, andere zeigten ihn an. Noch heute erhält er Drohungen.   Porträt von Anna Hoben

Oberbürgermeister Dieter Reiter ging in seiner Rede darauf ein: "Es gilt mehr denn je: Wir müssen auch weiter gemeinsam gegen jede Form von Extremismus, Rassismus und menschenverachtende Gewalt aufstehen." Und: "Wir werden den Mörder nicht über die Menschlichkeit triumphieren lassen." Ministerpräsident Seehofer forderte dazu auf, trotz allem "den Hass in Herzen zu überwinden". Nur wenn das gelinge, siege die Demokratie und eine tolerante, plurale Gesellschaft.

Seehofer und Reiter waren bereits fast eine Stunde vor der Trauerfeier mit den Familien der Angehörigen in einem Zelt zusammengekommen, das die Stadt nahe dem Gedenkort aufgestellt hatten. Dort führten die Politiker sehr vertrauliche und persönliche Gespräche mit den Betroffenen. Im gesamten vergangenen Jahr hatten sie den Kontakt zu den Familien gehalten, wofür Arbnor Segashi bei seiner Rede ausdrücklich dankte. "Das hat uns allen die nötige Kraft gegeben."

Amoklauf in München "Wir hätten es nicht besser machen können" Video
Polizei München

"Wir hätten es nicht besser machen können"

Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins zieht ein Jahr nach der Münchner Amoknacht Bilanz: Über einige Abläufe ärgern sich die Polizisten aber heute noch.

Gemeinsam mit den Angehörigen gestaltete die Künstlerin Elke Härtel auch den Gedenkort, ein "Ring, der uns verbindet in der Trauer und gegen den Hass, den wir trotz allem in uns nicht aufkommen lassen werden", wie Landtagspräsidentin Barbara Stamm sagte.

Die offizielle Feier endete mit einem beeindruckenden religiösen Statement: Die Vertreter der Religionsgemeinschaft beteten mit den 2000 Besuchern gemeinsam und gleichzeitig das "Vater unser" und die Sure 29, jeder in seiner Sprache, Imam Asllan Tahiraj auf Arabisch und Albanisch - mehrere der Opfer stammten aus dem Kosovo. Und viele ihrer Freunde und Klassenkameraden nutzten die Gedenkfeier, um noch einmal Abschied zu nehmen - sie waren die ersten, die nach den Angehörigen und den Politikern Blumen und Kerzen am neuen Gedenkort niederlegten.

Amoklauf in München Ohne Armela, ohne Selçuk, ohne Roberto, ohne Sevda

Amoklauf in München

Ohne Armela, ohne Selçuk, ohne Roberto, ohne Sevda

Ein Jahr nach dem Amoklauf in München hören Betroffene immer noch Schüsse. Auch Menschen, die die neun Opfer nicht kannten, brauchen Hilfe.   Von Anna Hoben