Amoklauf am OEZ David S. und sein Weg in den Amoklauf

Vier Jugendliche sitzen vor dem Olympia-Einkaufszentrums.

(Foto: dpa)
  • Die Sonderkommission OEZ verfolgt im Moment mehrere Ermittlungsstränge.
  • Bisher ist nicht klar, woher David S. die Waffe hatte.
  • Vor der Tat setzte er seine Medikamente ab.
  • Ein anderer Ermittlungsstrang führt zu dem 16-jährigen Freund des Attentäters.
  • Auch die vielen Trittbrettfahrer sind noch ein Problem.
Von Martin Bernstein und Susi Wimmer

Der Münchner Amokläufer David S. befand sich im vergangenen Jahr zwei Monate wegen Depressionen im Klinikum Harlaching, war anschließend in ambulanter Behandlung und er sollte Antidepressiva einnehmen. Eine erste toxikologische Untersuchung allerdings zeigte jetzt: Der 18-Jährige hatten nur noch leichte Spuren des Medikaments im Blut, das heißt, er hatte die Tabletten gegen Depressionen vor dem Amoklauf offenbar eigenhändig abgesetzt.

Sein 16-jähriger Freund aus Laim, den er in der Klinik kennengelernt hatte und mit dem er sich kurz vor der Tat am OEZ getroffen hatte, ist unterdessen in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht. Ein Ermittlungsrichter hat erneut einen Haftbefehl gegen ihn abgelehnt. Die Staatsanwaltschaft will das jedoch nicht hinnehmen und geht in die nächste Instanz: Die Akte sollte noch am Freitag dem Landgericht vorgelegt werden, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch.

Amokfantasien reichen nicht für einen Haftbefehl

Zwei Jugendliche hatten Kontakt mit dem Amokläufer von München und ähnliche Gewaltfantasien. Trotzdem kommen sie nicht in Haft. Aus gutem Grund. Kommentar von Wolfgang Janisch mehr ...

Nach wie vor verfolgt die sechzigköpfige Sonderkommission OEZ mehrere Ermittlungsstränge. Zum einen muss geklärt werden, wo David S. die Waffe Glock 17 sowie die dazugehörige Munition erworben hatte, mit der er am Freitag vor einer Woche in Moosach neun Menschen erschoss, ehe er sich selbst richtete. Offenbar hatte er im Darknet, einem verborgenen Teil des Internets, nach Waffen gesucht. Dass er dort auch fündig wurde, ist aber eher unwahrscheinlich.

Die Ermittler gehen bislang nur davon aus, dass er die Glock 17 irgendwie in seinen Besitz gebracht hat. Der 18-Jährige soll sich im Netz auch über andere Waffenarten unterhalten haben. Zehn Wochen vor dem Attentat änderte der 18-Jährige auch seinen Namen: Anfang Mai, kurz nachdem er volljährig geworden war, ließ er von einer Behörde seinen Vornamen Ali löschen und durch David ersetzen.

Ein anderer Ermittlungsstrang führt zum Freund des Attentäters. David S. hatte ihn zwei Stunden vor dem Anschlag ans OEZ vor das McDonalds-Restaurant bestellt. Der 16-Jährige wusste von der Glock 17, er wusste von den Amokfantasien seines Freundes. Trotzdem sah ein Ermittlungsrichter keinen Grund für eine Haft. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein, aber am Freitag bestätigte der Richter seine Entscheidung. Nun wird das Landgericht über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft entscheiden.

Nach Informationen der SZ wurde der 16-Jährige in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht, auf Anraten des Münchner Jugendamtes. Dazu sagt Frank Boos vom Sozialreferat lediglich, dass das Jugendamt einen Schutzauftrag habe: Man müsse das Kind in Obhut nehmen, wenn sein Wohl in Gefahr sei. Dazu bedürfe es immer einer Zustimmung des Familiengerichts. Und offenbar war auch ein Gericht der Meinung, dass der 16-Jährige behandelt werden müsse.

David S. und seine gefährlichen Freunde

In einem Freund des Amokläufers von München sehen Ermittler eine "tickende Zeitbombe" - und er ist offenbar nicht der Einzige. Mit Rechtsextremismus hatte David S. aber nichts zu tun. Von Martin Bernstein und Susi Wimmer mehr ...

Auch der 15-jährige Schüler aus Gerlingen, den die Ludwigsburger Polizei in der Nacht zum Dienstag festgenommen hatte, ist weiter freiwillig in der Psychiatrie. Er hatte offenbar konkrete Pläne für einen eigenen Amoklauf in seiner Schule - und Kontakt zu David S. im Internet. Ob die beiden sich auch persönlich trafen, können die Münchner und die Stuttgarter Ermittler, die in engem Austausch stehen, noch nicht sagen. Gerlingen, wo der Schüler lebt, ist nur 25 Kilometer von Winnenden entfernt. Im Mai letzten Jahres hatte David S. Winnenden besucht. Es war eine Art Amok-Tourismus. Im Jahr 2009 hatte ein 17-Jähriger dort 15 Menschen ermordet und sich selbst getötet. Nach SZ-Informationen gibt es auf dem Rechner von David S. Fotos von diesem Besuch, die den Münchner zeigen, aber von einer anderen, bisher unbekannten Person gemacht wurden.

"Ich kannte David S. aus München"

Trotz offenbar sehr weit gediehener Pläne des Gerlingers für einen Amoklauf an seiner Schule - der 15-Jährige hatte bereits Fluchtpläne angefertigt und sich Waffen, Chemikalien zum Bombenbau und eine Schutzweste besorgt - hieß es zunächst, der Junge habe sich inzwischen von seinen Amoklauf-Ideen distanziert. Auch konkrete Kenntnis, was sein Münchner Chat-Partner vorhatte, habe er nicht gehabt. Eine Pistole wurde bei der Durchsuchung nicht gefunden.

Ein Internet-Experte, der die Polizei erst auf die Spur des 15-Jährigen gebracht hatte, berichtet in seinem Blog jedoch, der Gerlinger habe noch am Tag vor dem Münchner Amoklauf das Bild einer Pistole ins Netz gestellt mit dem Kommentar: "Was macht mehr Spaß als ein bisschen im Wald zu trainieren." Am Montag berichtete der Berliner dann, der 15-Jährige habe nach dem Münchner Amoklauf sein Profil geändert. "Ich kannte David S. aus München", soll der Gerlinger auf Englisch geschrieben haben. Für die Ermittler ist es allerdings zunehmend schwierig, die Authentizität der vielen Spuren im Internet zu bewerten - vor allem auch die Frage, wann Einträge tatsächlich entstanden sind.

Ein anderes Problem sind weiterhin die vielen Trittbrettfahrer. Das Münchner Polizeipräsidium macht in einem Eintrag, der momentan in den sozialen Netzwerken heftig diskutiert wird, eine Kostenrechnung für "dieses widerliche Verhalten" auf. Wer absichtlich und grundlos einen Polizeieinsatz auslöse, müsse die Kosten dafür übernehmen: "Es gibt dabei keine finanzielle Obergrenze." Für jeden eingesetzten Beamten werden pro Stunde 54 Euro in Rechnung gestellt, für einen Hubschrauber 3460 Euro pro Stunde. Das gelte natürlich nur für wissentliche, absichtliche Falschmeldungen. 22 Ermittlungsverfahren gegen Trittbrettfahrer hat die Polizei deshalb schon eingeleitet.

Ali und David

Er wechselte seinen Namen, weil er sich selbst nicht mochte. Über einen, der Wirklichkeit und Wahn nicht unterscheiden konnte. Von M. Bernstein und S. Wimmer mehr...