An diesem Donnerstagmorgen kommen viele Menschen mit einer besonderen Erwartung zum neuen Hauptsitz von Amazon im Münchner Norden. Sie hat nur am Rande mit Onlinehandel zu tun. Natürlich geht es bei der Eröffnung um 45 000 Quadratmeter Bürofläche, um 2500 Arbeitsplätze, um Alexa, Prime Video und Amazon Music – und um die Frage, wie ein Konzern, der fast alles verschickt, sich in München architektonisch inszeniert.
Zunächst aber geht es um zwei Männer auf einer Bühne, deren Zusammentreffen das Publikum mit mindestens ebenso viel Neugier betrachtet wie das neue Atrium. Markus Söder (CSU), bayerischer Ministerpräsident, und Dominik Krause (Grüne), Münchens designierter Oberbürgermeister, absolvieren hier ihren ersten offiziellen Auftritt zu zweit. Also gilt es, genau hinzuhören – was angesichts der schlechten Akustik im hohen Atrium gar nicht so einfach ist. Kommt ein Seitenhieb? Ein vergiftetes Kompliment? Ein politischer Rempler? Nichts davon. Stattdessen wird gelächelt, geneckt und kooperiert: für den Wirtschaftsstandort München, für Bayern, für das Bild nach außen.
Das passt zum Gastgeber. Amazon eröffnet hier nicht bloß ein neues Büro, sondern seine neue Deutschland-Zentrale. Das sechsstöckige Gebäude an der Anni-Albers-Straße, entworfen von GSP Architekten, ist von der Bauhaus-Bewegung inspiriert und soll Klarheit, Offenheit und Zukunftsgewandtheit ausstrahlen. Im Inneren öffnet sich ein großer Raum bis unter das Dach, mit Platz für 600 Menschen; von den umliegenden Etagen schauen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Glasfronten auf die Veranstaltung hinunter. Sie findet dort statt, wo sonst die Kantine ist und große Gläser mit Kimchi und anderen Fermenten auf einer glänzenden Anrichte stehen.
Das Ambiente wirkt wie eine Mischung aus Technologiecampus und Wohlfühlambiente. Wenig klassische Schreibtischfläche, viel Raum für Gemeinschaft: Küchen, Konferenz-, Gebets- und Yogaräume, dazu ein eigenes Kino, elf begrünte Dachterrassen, ein Musikhörraum für das Amazon-Music-Team, 800 Fahrradstellplätze, E-Bike-Ladestationen, Duschen, drei Bienenstöcke in den Innenhöfen und sogar Besprechungsräume, in denen Hunde ausdrücklich willkommen sind. Man kann darin einfach ein Bürogebäude sehen. Man kann es aber auch als sorgfältig entworfene Erzählung darüber lesen, wie modernes Arbeiten heute aussehen soll.

Rocco Bräuniger, Deutschland-Chef von Amazon, macht aus diesem Anspruch kein Geheimnis. Er spricht davon, dass das Unternehmen nun erstmals 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter einem Dach versammle. Bisher seien die Teams in München auf verschiedene Gebäude verteilt gewesen, nun entstehe ein „kreativer Ort“, an dem Begegnung und Austausch möglich seien und an dem unter anderem an „innovativen Lösungen für Alexa“ gearbeitet werde. Tatsächlich sitzen hier Teams von Alexa, Prime Video, Amazon Music und anderen Bereichen. Amazon will von diesem Standort aus also nicht nur verwalten, sondern entwickeln, vernetzen und seinen Deutschland-Auftritt bündeln.
Bräuniger unterlegt den Anspruch mit Zahlen. Amazon habe seit 2010 rund 20 Milliarden Euro in Bayern investiert, sagt er, mehr als 6000 Arbeitsplätze im Freistaat geschaffen; man wolle weiter in Logistik und Infrastruktur investieren. In Bayern verkaufen nach Unternehmensangaben inzwischen mehr als 8000 kleine und mittelgroße Unternehmen über Amazon zusammen mehr als 25 Millionen Produkte im Jahr.

Im neuen Gebäude sollen regelmäßig Händlerseminare stattfinden. An diesem Tag ist etwa ein Hersteller von Hollywood-Schaukeln aus dem Landkreis Altötting zu Gast, der mithilfe von Amazon sein Geschäft internationalisieren will. Auch das gehört zur Selbsterzählung des Konzerns: Amazon als Plattform für den Mittelstand, nicht bloß als riesige Paketmaschine.
Söder nimmt die Vorlage dankbar auf. „Bayern ist Heimat der Global Player“, sagt der Ministerpräsident. Amazon sei ein „Innovationstreiber“, das passe „perfekt zu Bayern“. Dann folgt eine Passage, wie man sie aus Söders wirtschaftspolitischem Repertoire kennt: Hightech, Start-ups, künstliche Intelligenz, Spitzenuniversitäten, Milliarden für Zukunftstechnologien. Und weil bei einem solchen Termin ein wenig Münchner Selbstbewusstsein nicht fehlen darf, liefert Söder noch den Satz, der im Saal zuverlässig funktioniert: „Uns ist egal, wer Hauptstadt in Deutschland ist – das Zentrum Deutschlands ist München.“
Interessanter ist, wie Krause darauf reagiert. „Viel ist geredet worden über das erste Zusammentreffen des Ministerpräsidenten und des neuen Oberbürgermeisters“, sagt er. Er freue sich, dass es heute stattfinde. Amazon zeige, „wie fruchtbar es ist, wenn Stadt und Freistaat zusammenarbeiten“.
Und dann folgt doch noch der kleine, sauber gesetzte Seitenhieb: „Wir in München sind fast so bescheiden wie der Ministerpräsident.“ Der Saal hat seinen Spaß daran, und Krause hat halb im Scherz genau das geliefert, was an diesem Morgen von ihm erwartet wird: Selbstbewusstsein zeigen, ohne Krawall zu machen.

