Am Rande der Gesellschaft:Raus aus der Unsichtbarkeit

Anna Mamdou schlug sich jahrelang illegal durch, dann hörte sie vom "Café 104". Die Mitarbeiter dort halfen ihr zurück in ein geregeltes Leben

Von Bernd Kastner

Anna Mamadou ist sichtbar, das war nicht immer so. Noch vor ein paar Jahren wollte sie unsichtbar sein; es war, als sie illegal in Deutschland lebte. Sie hatte keine Papiere und kein Aufenthaltsrecht. Trotzdem ist sie geblieben und hat im Verborgenen gelebt. Anna Mamadou (Name geändert) ist heute 29, sie ist afrikanischer Herkunft, spricht sehr gut Deutsch, lebt wieder im Legalen, arbeitet in der Pflege. Sie sitzt neben Birgit Poppert auf dem Sofa und berichtet, dass sie einen Brief von der Ausländerbehörde bekommen hat; ihr Status ist nun noch sicherer. Wieder ein Schritt nach vorne. Beide Frauen lachen und strahlen.

"Kein Mensch ist illegal!" Dieser Slogan ist Popperts Antrieb. Sie kümmert sich um scheinbar aussichtslose Fälle. Auf 15 000 bis 20 000 schätzt Poppert die Zahl der Menschen ohne Aufenthaltstitel, allein in München. Wenn dies jemand annähernd weiß, dann die Frau, die 1998 das "Café 104" gegründet hat und heute noch ehrenamtlich leitet. Münchens wohl ungewöhnlichstes Café ist eine Beratungsstelle, hier beginnt die Integration derer, die keine Chance haben. Eigentlich.

Mamadou ist wie viele Migranten reingeschlittert ins Illegale. Vor neun Jahren, erzählt sie, kam sie als Au-pair nach Deutschland, hängte ein freiwilliges soziales Jahr an, heiratete, doch die Ehe scheiterte. Sie wollte nicht zurück, aus familiären Gründen, sie blieb, und irgendwann war sie "illegal aufhältig", wie die Behörden dies nennen. Über Monate zog sie von einer Bleibe zur nächsten, immer war sie auf der Hut. "Jedes Mal, wenn ich ein Polizeiauto sah, dachte ich: Jetzt bin ich dran." Sie aß zu wenig, hatte keine Arbeit, kaum Geld, dafür Schulden. Sie war verzweifelt. Da hörte sie von diesem Café.

Die 104 im Namen stammt noch vom ersten Domizil, es ist die Hausnummer vom "Tröpferlbad", Treffpunkt der linken Szene. Seither ist die Beratungsstelle mehrfach umgezogen, zuletzt in die Dachauer Straße, Name und Charakter blieben: Es ist ein Büro mit Sofa, gleich neben den Räumen der "Ärzte der Welt". Ärzte sind wichtig für "Illegale", weil sie nicht krankenversichert sind und auf ehrenamtlich tätige Mediziner angewiesen sind.

Wie überhaupt das Leben in der Unsichtbarkeit anstrengend sei, sagt Poppert. "Rechtlos" seien diese Menschen. Nicht, weil sie ohne Rechte sind, sondern weil sie kaum eine Chance hätten, sie durchzusetzen. Viele würden in der Arbeit schlecht behandelt, ausgenutzt, ausgebeutet. "Geh doch zur Polizei, wenn dir was nicht passt!" Das bekämen sie zu hören, wenn sie sich wehren wollten, wohl wissend, dass Menschen ohne Papiere nicht zur Polizei gehen. Sie wollen ja in Deutschland bleiben. Deshalb wollen sie nichts falsch machen, fahren nie schwarz, gehen Streit aus dem Weg. "Sie sind besonders gute Staatsbürger", sagt Poppert.

Die Strategie von Poppert und ihren wenigen Mistreitern besteht aus vielen kleinen Schritten, um die Menschen in einen legalen Status zu bringen. Viele von ihnen sind psychisch krank, das aber müsse erst ein Psychiater bescheinigen. Erkennt er, dass der Patient nicht reisefähig ist, kann ein Gutachten vor der Abschiebung bewahren. Erster Schritt. Es folgen weitere, immer im Gespräch mit der Behörde. Oft begleitet Poppert ihre Klienten aufs Amt. Ihre Maxime ist, mit offenen Karten zu spielen und so Vertrauen aufzubauen. Die Behörden tolerieren und unterstützen diese Arbeit, um die "Illegalen" nicht ganz im Untergrund zu verlieren.

Das "Münchner Modell" habe sich bewährt, sagt Birgit Poppert, auch bei Anna Mamadou. Nach vielen Gesprächen habe sie Papiere bekommen, Grenzübertritts- und Fiktionsbescheinigung heißen die. Später folgte die Ausbildungsduldung. Mamadou lernte Altenpflegerin, absolvierte eine Weiterbildung zur außerklinischen Pflege, heute betreut sie Wachkomapatienten. Bald will sie ein Online-Studium beginnen, Gesundheits- und Sozialmanagement. Sie war illegal, jetzt ist sie integriert und arbeitet dort, wo Arbeitskräfte fehlen, in der Pflege.

© SZ vom 22.02.2020
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