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Am Hart:Teurer Schnellschuss

Wegen der vielen Flüchtlinge unter Druck, hat die Stadt gegen alle Widerstände den Bau einer Unterkunft an der Thalhoferstraße durchgesetzt. Jetzt verschwinden die niemals genutzten Container, der Park wird wieder hergestellt

Nutzlos: Unterkunft und Umzäunung werden wieder abgebaut.

(Foto: Catherina Hess)

An der Thalhoferstraße wird kein Flüchtlings je in einer Unterkunft wohnen: Der Standort, der Wohnraum für 200 Flüchtlinge bieten und schon im Juni/Juli 2016 hätte fertiggestellt sein sollen, wird von der Stadt München aufgegeben. Die bereits bestehende Anlage wird zurückgebaut, die Grünflächen werden wieder hergestellt. Wann der Abbau der Containeranlage beginnt, darüber kann die Stadt, so teilt das Baureferat der SZ auf Anfrage mit, noch keine Angaben machen.

Irgendwie hat man es geahnt. Seit Monaten ging auf der Baustelle nichts mehr weiter, die grünen Container standen ungenutzt auf ihrem steinernen Fundament. Hin und wieder tauchte ein Handwerker auf oder ein Gärtner, der den Rasen mähte, die Sträucher beschnitt. Dann seit Herbst vergangenen Jahres: Stillstand. Die Container, die der mit der Errichtung der Unterkunft beauftragte Generalunternehmer aufgestellt hat, entsprechen, wie das Sozialreferat München mitteilt, "in keiner Weise den Qualitätsanforderungen". Der Innenbau entspreche nicht den Brandschutzanforderungen, die Elektroinstallationen seien mangelhaft, der Kleber "nachweislich" schadstoffhaltig. Auch sei, so informiert die Stadt weiter, die "Gebäudehülle" nicht dicht.

Die Container wurden aus diesen Gründen von der Stadt nicht abgenommen, dem Generalunternehmer wurde gekündigt. Von dieser Zeit an tat sich nichts mehr auf der Baustelle. Zwischendurch machten sich die Anwohner sogar Gedanken, weil das Tor des Bauzauns oftmals offen stand und die Container zugänglich waren. Die Stadt, so das Sozialreferat weiter, habe noch geprüft, ob eine Sanierung der Anlage möglich wäre; der Aufwand aber sei "unverhältnismäßig". Ein weiterer Grund, die Unterkunft nicht fertigzustellen, sei der Rückgang der Zahl von Asylsuchenden. Ein Neubau an dieser Stelle, so das Referat, "ist nicht mehr zwingend erforderlich".

Holger Freese, der direkt an der Baustelle wohnt und seit Bekanntwerden der Standortplanung immer seine Bedenken geäußert hat, kann es nicht fassen - und ist erst einmal ganz still. Monatelang hat er von seinem Wohnzimmer aus auf einen Erdwall geschaut, der aufgeschüttet wurde, um Unterkunft und direkt anliegende Grundstücke räumlich zu trennen. Ein Blick, an den er sich mittlerweile gewöhnt hat. "Jetzt bin ich wirklich platt", sagt er. Auch er hatte sich allerdings immer wieder Gedanken gemacht, warum es auf der Baustelle, die doch zunächst so schnell hochgezogen wurde, nicht mehr weiterging: "Vor allem bei den Investitionen, die schon gemacht wurden, ist das doch ein Wahnsinn." Da habe man wirklich Geld in den Sand gesetzt. Die zu schnelle Vorgehensweise, die Planungen und die schlechte Informationspolitik, die vor allem die Anwohner rund um den Bernays-Park sehr verärgert hat - "da", so Freese, "sind einfach extreme Planungsfehler passiert". Der tägliche Blick auf den Erdwall ist für Holger Freese nun bald Geschichte. Er wird von seinem Wintergarten aus endlich wieder auf die freie Wiese des Parks schauen können.

Auch der Vorsitzende des Bezirksausschusses, Fredy Hummel-Haslauer (SPD), ist erleichtert: "Ich bin froh, dass die Unterkunft wieder abgebaut wird." Ihm persönlich war der Bau an dieser Stelle in einer der wenigen Grünanlagen von Milbertshofen nie recht. Allerdings weiß er auch um den großen Druck auf die Stadt München im Jahr 2015, da habe so vieles sehr schnell gehen müssen. "Und dann passieren eben Dinge, die nicht niet- und nagelfest sind", zeigt der Vorsitzende des Bezirksausschusses Verständnis.

Die direkten Anwohner, die die Grünanlage hatten schützen wollen und sogar Klage gegen die Stadt eingereicht hatten, dürften sich besonders freuen - hatten sie doch unter anderem mit der Begründung verloren, dass der Park nach der Nutzung der Anlage einst wieder seiner alten "Zweckbestimmung zugeführt" würde.

Das Kapitel Thalhoferstraße ist aber noch nicht geschlossen. Formal zumindest. Denn die Stadt München wird mit Sicherheit rechtliche Schritte gegen den ursprünglichen Generalunternehmer einleiten. "Alle anfallenden Kosten, einschließlich der Kosten für den Rückbau der Anlage", so teilt das Sozialreferat mit, "werden vom gekündigten Generalunternehmer zurückgefordert".