Altstadt/Neuperlach Hello, Hallo, Ola!

Emmy Horstkamp bringt Münchner Künstler zusammen. Die promovierte Juristin bezeichnet sich als "digital girl, artist, writer and creator".

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Die Amerikanerin Emmy Horstkamp hat die Gruppe "Munich Artists" gegründet. Nun bringt sie Hundert von ihnen für ein Ausstellungsprojekt in der Neuperlacher Quiddestraße zusammen

Von Renate Winkler-Schlang, Altstadt/Neuperlach

"Hello": Emmy Horstkamp bittet freundlich herein in ihr Atelier-Büro in einem Hinterhof an der Blumenstraße. Auf Englisch und Deutsch, mit Mimik und Gesten, und vor allem mit sprühender Leidenschaft erzählt sie, wie dieses "Hello" für sie zum Motto, zum Programm geworden ist - und wie es nun Titel eines Gemeinschaftskunstprojektes der "Munich Artists" im temporären "Kunsttreff" an der Quiddestraße in Neuperlach werden konnte. Vor allem ein Wort kommt in ihrem Bericht immer wieder vor: "Spaß". "Es muss Spaß machen. Dann ist es leicht. Dann ist es keine Arbeit", sagt sie und strahlt.

Emmy Horstkamp ist in Wisconsin, USA, aufgewachsen mit einem deutschen Vater und einer kolumbianischen Mutter. Zum ersten Mal kam sie nach Deutschland, als ihre Tochter noch klein war, denn sie wollte gerne, dass diese die Sprache ihres Großvaters erlernen sollte. Nach einigen Jahren in Singapur zog sie erneut nach München, sie war "in Liebe mit einem bavarian man". Sie sind nicht mehr zusammen, doch bei ihr und ihrer heute 14-jährigen Tochter wurde es eine Liebe zu Bayern, zu München. Horstkamp, die viel jünger wirkt, als sie ist, versteht sich als Künstlerin, ohne Kunst studiert zu haben. An der Uni hatte die vielseitige Frau Kunstgeschichte belegt und in Jura promoviert. Doch sie besuchte Malkurse und bildete sich selbst künstlerisch weiter. Ihren Lebensunterhalt verdient sie heute als Social- Media-Expertin mit Texten, Fotos, Grafiken, Videokunst und Installationen.

Doch sie wollte mehr, wollte Menschen finden, die wie sie "Künstler im Herzen" sind, ganz unabhängig von Etiketten wie "Hobbykunst" oder "seriöse Kunst". Sie besuchte Ateliers, kam mit Künstlern ins Gespräch, dank der Möglichkeiten von sozialen Medien wie Facebook wurde daraus schnell ein großes Netzwerk: Rund 600 Künstler zählen laut Horstkamp mittlerweile zu der von ihr gegründeten Gruppe "Munich Artists". Sie hatte dabei nicht in erster Linie eine Kunstvermarktungsplattform im Sinn, denn davon gibt es viele. Ihr Traum war eher eine Kontaktbörse für die Künstler untereinander und ebenso für Künstler und potenzielle Kunstfreunde mit der weit verbreiteten Schwellenangst vor großen, edlen Galerien. Von ihrem deutschen Vater, einem Ingenieur, hat sie gelernt, dass alles funktionieren kann, wenn man es nur will und offen ist. Das "Hello" ist für sie ein Synonym für diese Offenheit.

Ihre Werke zeigen - das wollen alle Künstler, weiß Emmy Horstkamp aus eigener Erfahrung. Und sie sorgt mit witzigen Projekten dafür, dass sie das können: Vor zwei Jahren stellte sie 50 Künstler in Haidhausen entlang der Trambahnstrecke auf, ein jeder hielt ein Werk hoch, die Fahrgäste lachten und winkten und freuten sich.

Nun bringt sie Künstler zusammen mit dem Projekt "500 Artists Say Hello": Ihnen allen hat sie eine strenge Vorgabe gemacht, damit sich aus vielen Einzelobjekten leichter ein harmonisches Ganzes komponieren lässt: Jeder Beitrag durfte nur 30 auf 30 Zentimeter groß sein und möglichst nur in Blau, Weiß und Schwarz gehalten - und er sollte der Welt "Hello" sagen. 100 Künstler haben sich anstecken lassen von der Idee und sich der Vorgabe gebeugt, auch wenn sie sonst großformatig arbeiten - darunter Elke Reis, Liz Walinski und Verena Friedrich vom Künstlerprojekt LOT62. Sie haben Fotografien in Horstkamps Altstadtatelier abgegeben, Ölbilder, Schmuckkunst und Aquarelle, Collagen und Zeichnungen. Ob Hello auf Englisch oder das deutsche Hallo, auf Spanisch Ola oder auf Kroatisch Bok, ob gedruckt oder gepinselt, auf dreidimensionaler Unterlage oder nur als wortlose Botschaft im Motiv - alles ist dabei, eine wunderbare Mischung.

Im temporären "Kunsttreff" in einer früheren, dem Abbruch geweihten Ladenpassage an der Neuperlacher Quiddestraße 45 hatte die dortige Organisatorin Berit Opelt nicht nur eine Wand frei - sie war so angetan von dem Hello-Projekt, dass sie selbst das 101. Bild beisteuerte. Horstkamp weiß längst, wie sie die Einzelbilder hängen will. Sie hat sich inspirieren lassen von Neuperlacher Streetart: Die Gruppe "Der blaue Vogel" hat in der Unterführung unter der Quiddestraße einen blauen Riesenvogel mit einem langen Schwanz an die Betonwände gesprüht: Diesen Schwung will Horstkamp aufgreifen für die Anordnung der Einzelbilder zum Gesamtkunstwerk.

Zur Vernissage sollen alle Künstler da sein. Das hat sie sich erbeten, denn so ist das Konzept. Sie werden sich überraschen lassen von den Beiträgen der anderen, von der Hängung, werden beim Buffet aus mitgebrachten Speisen fachsimpeln, neue Projekte entwickeln, mit Besuchern ins Gespräch kommen. Für Emmy Horstkamp, die auch das schön-schlichte Begleitbuch gemacht hat, wird es am Ende viel ehrenamtliche Arbeit gewesen sein - aber sie wird es nicht so empfinden: "Es macht Spaß. Sonst würde ich es nicht machen." Und so soll es auch bei den künftigen Aktionen sein: Geplant ist ein Schafkopf-Deck, von Künstlern gestaltet und in einem Turnier gleich eingesetzt, und die Gestaltung eines Schaufensters am Odeonsplatz, in der die Kunst im "Jackpot" stecken wird: Emmy Horstkamp und die Munich Artists haben viele Ideen. Aber Hallo!

"500 Artists Say Hello": Quiddestraße 45. Vernissage mit den Künstlern, Samstag, 23. April, 14 bis 18 Uhr. Künstlergespräch mit Emmy Horstkamp (auf Englisch), Sonntag, 24. April, 14 bis 16 Uhr. Zu sehen bis Samstag, 30. April, jeweils 15 bis 19 Uhr.