Altstadt:Kleine Mittel, große Wirkung

Lesezeit: 3 min

Die "Initiative Prannerstraße" will Alternativen zur bisherigen Nutzung des öffentlichen Raums aufzeigen

Von Nicole Graner, Altstadt

Die Abwasserdeckel sind rosa, die Gullys gelb. Und auf Holzbänken, die stabil in nigelnagelneue Rad-Umlaufabsperrungen eingefasst sind, sitzen Menschen. Lesen, unterhalten sich über ihre Einkäufe, machen Pause. Überhaupt sieht die Prannerstraße, die gerade auch eine große Baustelle ist, auf Höhe des jüngsten Stadttors Münchens anders aus. Bevor es durch das Maxtor in Richtung Maximiliansplatz geht, ist der Straßenbelag nicht grau, sondern bunt. "Ist das Kunst?", fragt ein Passant, der die Ornamentik auf Asphalt skeptisch begutachtet. "Sieht lustig aus!", sagt er und wischt mit dem Fuß über den Belag.

Was tatsächlich wie eine Kunstinstallation aussieht, wie ein abstraktes gelb-grünes und rosa-blaues Blütenmuster, ist aber ein temporäres, urbanes Pop-up-Projekt. Oder, wie Architekt Julius Streifeneder, Mitglied von Urban Standards und Unterstützer der "Initiative Prannerstraße", sagt, ein "Real-Labor". "Wir wollen mit diesem alternativen Straßenlayout zeigen, was mit wenig Mitteln möglich ist, um ein Straßenbild schnell zu verändern." Zu Gunsten von mehr Raum für die Menschen und weniger Verkehr. Die bunten Flächen markieren, wie viel Platz verkehrstechnisch zur Verfügung stehen könnte. Ergänzend dazu gibt es ein Abendprogramm, Diskussionen mit Bürgern, Gästen und den Initiatoren - mitten auf der Straße.

Altstadt: Eine gelb-grüne und rosa-blaue Pop-up-Piazza: Die markierten Flächen vor dem Maxtor zeigen, wie man den Raum künftig urban nutzen könnte.

Eine gelb-grüne und rosa-blaue Pop-up-Piazza: Die markierten Flächen vor dem Maxtor zeigen, wie man den Raum künftig urban nutzen könnte.

(Foto: Robert Haas)

Die breite Prannerstraße schöner zu machen, aus einer Park-, Lade- und Durchgangszone eine Straße mit Aufenthaltsqualität zu machen, ist der Wunsch, den die Initiative mit gut durchdachten Ideen schon länger verfolgt. Schon einmal hat sie dem Bezirksausschuss Altstadt-Lehel im Rathaus die Ideen vorgestellt, die nicht nur dort gut angekommen sind, sondern auch beim Münchner Mobilitätskongress, der neun bürgerschaftliche Projekte für die Mobilität der Zukunft unterstützt hat. Die Prannerstraße war eines davon. 25 000 Euro hat die Initiative, wie Streifeneder sagt, dafür erhalten, um die Menschen mit dieser bunten Intervention auf die Engstelle am Maxtor aufmerksam zu machen, darauf, wie urbane Räume aussehen könnten. Und sie zeigt auf, dass man Veränderungen mit wenig Geld erfolgreich Schritt für Schritt umsetzen kann.

Die Engstelle. Ein Lieferwagen, der Wäsche zum Hotel Bayerischer Hof bringt, will in die Prannerstraße einfahren. Doch das geht nicht. Ein anderer Lkw möchte hinaus. Es wird rangiert. Der nachfolgende Pkw will über die Rochusstraße abkürzen, doch die ist an diesem Tag gesperrt. Auch er muss rangieren. Dazwischen Radfahrer, Fußgänger. Es ist was los am Tor. "Wir wollen das Maxtor wieder in den Fokus rücken", sagt Streifeneder und zeigt schmunzelnd auf die nächste Rangieraktion. Die lästige Engstelle habe mehr verdient als nur eine lästige Engstelle zu sein. Man wolle die Schwelle von der Altstadt in die Vorstadt neu erlebbar machen. Später vielleicht, so plant es die Initiative, mit einem Trinkbrunnen, mit Sitzplätzen und Steckdosen. Ein Platz soll es werden mit zeitgemäßer Infrastruktur und "ohne Konsumzwang". Jetzt sei es zunächst eine Pop-up-Piazza.

Altstadt: Mehr Aufenthaltsqualität wünscht sich Architekt Julius Streifeneder.

Mehr Aufenthaltsqualität wünscht sich Architekt Julius Streifeneder.

(Foto: Robert Haas)

Es werden inzwischen immer mehr Menschen, die auf den Holzbänken sitzen und sich eine Auszeit nehmen. Wenn es jetzt noch einen Brunnen gäbe und etwas Grün! Man kann sich den neuen Raum vor dem Maxtor bereits vorstellen. Der Verkehr nimmt am Nachmittag aber ebenfalls zu. Und die Rangier- und Wendemanöver. Zum neuen Konzept der Initiative gehört, dass Autofahrer, die aus der Rochusstraße kommen, nicht mehr links in die Prannerstraße abbiegen sollen. Ein Verkehrsschild zeigt, dass es nur geradeaus weitergeht oder rechts durchs Maxtor. Doch es gibt Autofahrer, die sich darum nicht scheren - sie biegen links ab und nehmen schimpfend fast die Abgrenzungen der bunten Fläche mit.

In ein paar Tagen wird es diese bunten Flächen nicht mehr geben. Dann wird die Folie wieder von der Straße abgezogen, die vor einer Woche aufgebracht worden war. Farbe direkt auf die Straße zu pinseln, war nicht erlaubt. So hat sich die Initiative mit bemalter, recht strapazierter Folie beholfen. Und mit schnell abmontierbaren Sitzgelegenheiten. Gerade diese Flexibilität begeistert Sybille Stöhr. Die Grünen-Stadträtin, die gerade vorbeikommt, um sich ein Bild vom Real-Labor in der Prannerstraße zu machen, findet diese variablen Sitzgelegenheiten toll, wie überhaupt das Bunte an dem Ort.

In ein paar Tagen also ist wieder alles grau. Doch wenn es nach Julius Streifeneder geht und nach den Vorstellungen der Initiative Prannerstraße, dann wäre es schön, dass die bunten Flächen mitsamt Bänken bald wieder hinkämen. Als erster Schritt sozusagen, um die Prannerstraße zu verändern, die Freiraumplanung zu gestalten. Ohne große Kosten, aber mit viel Wirkung.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB