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Altstadt:Idyll statt Ödnis

(honorarfrei bei Namensnennung)

Bach, Wiese, Bänke: Die Herzog-Wilhelm-Straße soll ein Ort zum Verweilen werden. Simulation: Ingenieure Patscheider und Partner

Aktionstage erinnern daran, dass die Herzog-Wilhelm-Straße samt Mini-Park verkehrsberuhigt und verschönert werden soll

Von Julian Raff, Altstadt

Als ruhige Grünoase am Rand der Altstadt würde sich die Herzog-Wilhelm-Straße schon rein geografisch anbieten: Wie eine natürliche Fortsetzung des Sendlinger-Tor-Platzes, zieht sie sich auf 45 Metern Breite und knapp 300 Metern Länge als Mini-Park nach Norden. Darunter fließt, in Rohre gezwängt, der westliche Stadtgrabenbach, während sich der große Verkehrsstrom nebenan über die Sonnenstraße wälzt. Die Realität zeigt sich weniger idyllisch: Autofahrer auf Parkplatzsuche quälen sich über die engen Fahrbahnen beidseits des Grünstreifens, wo Alkohol- und Drogenabhängige ein Refugium gefunden haben, weshalb mancher Passant aufs schmale Trottoir ausweicht.

Den künstlerisch-politischen Ausblick in eine schönere Zukunft wollen die Aktivisten von Green City e.V. und andere Initiativen gemeinsam mit den Münchnern von diesem Donnerstag, 8., bis Samstag, 10. Oktober, wagen. Im Zentrum der Aktionstage steht die Verkehrsberuhigung der Straße, vor allem aber die Idee, den Bach ans Licht zu bringen und in einen neu gestalteten Park zu integrieren. Die technische Möglichkeit, einen Teil des Gewässers mit turbinengetriebenen Pumpen, also mit Hilfe seiner eigenen Fließenergie, aus vier Metern Tiefe nach oben zu holen, hatte ein Bozener Ingenieurbüro 2017 in einer Machbarkeitsstudie aufgezeigt. Von 3000 Litern Wasserdurchfluss pro Sekunde könnten so beim Sendlinger Tor 70 an die Oberfläche geleitet werden und 300 Meter weiter nördlich in den Untergrund zurückfließen.

Die Veranstaltungsreihe beginnt am Donnerstag um 17 Uhr bei der Evangelischen Stadtakademie, Herzog-Wilhelm-Straße 24, mit einem Open-Air-Auftritt der Münchner "Hochzeitskapelle". Um 18 Uhr eröffnet in der Akademie eine Ausstellung mit landschaftsarchitektonischen Entwürfen für eine neue Herzog-Wilhelm-Straße, dazu ein Ideenaustausch mit deren Planern. Draußen im Park folgt eine Stunde später die nächste Vernissage und damit der Einstieg in die "künstlerische Intervention" zur Belebung der hiesigen "Wüste": Der Musik- und Poesieperformer Florian Kreier alias "Angela Aux" kommentiert den Ort, indem er, unterschiedliche Rollen annehmend, seine Eindrücke in spontane Gedichte fasst, die -per Notizzettel an ungewöhnlichen Orten im Gelände verteilt - auf neugierige Besucher warten. Schwergewichtige Akzente setzt Steinbildhauer Ludwig Hauser. Seine über den Park verteilten Skulpturen knüpfen an "Lichtsteine" an, die er 2006 zum 1200. Ingolstädter Stadtjubiläum gestaltete. Direkt mit den Stadtbächen setzt sich Fotokünstlerin Franziska Schrödinger auseinander. Unter dem Motto "Keine Surfer - keine Enten. Vom Plätschern, Sprudeln und Glucken eines Baches", fangen ihre großformatigen Bilder Münchner Bachlandschaften ein, im Spannungsfeld zwischen organischer Form und menschengemachter Geometrie.

Am Freitag, 9. Oktober, zwischen 15 und 17 Uhr nimmt die Veranstaltungsreihe mit einer Podiumsdiskussion in der Evangelischen Stadtakademie dann wieder die politische Perspektive ein. Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin Andrea Gebhard und der städtische Verkehrsplaner Tobias Steurer liefern mit Impulsvorträgen zur Freiraumentwicklung der Altstadt Diskussionsstoff für ein vierköpfiges Podium, bestehend aus Stadtbaurätin Elisabeth Merk, dem Leiter des Baureferates/ Gartenbau, Florian Hochstätter, dem stellvertretenden BA-Vorsitzenden Wolfgang Püschel (SPD) und dem Vorsitzenden des Künstlerverbandes BBK München und Oberbayern, Corbinian Böhm. Anschließend können sich die Besucher mit einer weiteren künstlerischen Arbeit auseinandersetzen. Für seine interaktiven Installation "Erzählung" setzt das Künstlerduo "portmanteau" (Gerald Schrank und Christian Heiß) einen Wasserkreislauf in Gang, mit dem der Betrachter über einen Lichtsensor interagieren kann. Eine Führung mit Künstlergespräch startet um 17 Uhr im Referat für Arbeit und Wirtschaft, Herzog-Wilhelm-Straße 15. Ein weiterer Gang durch die landschaftsarchitektonische und künstlerische Ausstellung startet am Samstag, 10. Oktober, 17 Uhr, im Bayern-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Herzog-Wilhelm-Straße 1, ehe um 19 Uhr eine Klang- und Lichtinstallation des "Video-, Geräusch- und Rumpelkünstlers" Anton Kaun den Schlusspunkt setzt. Corona-bedingt ist bei einigen Veranstaltungen eine Voranmeldung obligatorisch, Informationen gibt es unter www.greencity.de, "Startseite Verein".

© SZ vom 08.10.2020

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