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Nachwuchsorganisation:Das Gesicht der jungen AfD in München

Halbzeitpause beim EM-Spiel Deutschland gegen Polen vor drei Wochen: Christoph Steier nutzt sie, um für die AfD zu werben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Christoph Steier will "deutsche Werte" verteidigen. Schwulen-Ampeln ärgern ihn - und dass Mesut Özil die Nationalhymne nicht mitsingt.

Halbzeitpause. Deutschland spielt gegen Polen bei der Europameisterschaft. Drei Wochen ist das jetzt her, und eines der vielen Public Viewings des Spiels hat die Nachwuchsorganisation der Alternative für Deutschland (AfD) veranstaltet. Pause also, gerade zeigt das ZDF das "Heute-Journal", aber was Claus Kleber sagt, will hier keiner der gut 30 Anwesenden hören, der Ton ist ausgeschaltet. Stattdessen steht ein 25-Jähriger im blauen Sakko am Rednerpult und ruft: "Ich liebe Deutschland."

Es ist Christoph Steier, Vorsitzender der Jungen Alternative (JA) München. "Junge Alternative", das klingt nach freier Liebe und Weltoffenheit. Der Name ist so missverständlich wie seine Abkürzung, denn eigentlich sagt die JA ziemlich häufig Nein. Nein zum Euro, Nein zur Islamisierung und Nein zum Gender-Mainstreaming. Da unterscheidet sich der Parteinachwuchs kaum von seiner Mutterpartei, der AfD.

"Mir stoßen ein paar Dinge sauer auf", ruft Steier vom Rednerpult. Er klingt empört, ein echter Haudrauf ist Steier aber nicht. Sein Aussehen ist adrett, gegeltes Haar, buschiger Bart. Der Dachauer studiert Betriebswirtschaftslehre im Dualstudium. Politisch engagiert er sich schon länger. "Einfach nur meckern gilt nicht", findet er. "Man muss selbst aktiv werden, wenn einem etwas nicht passt." Diese Haltung hat ihn zunächst zur FDP geführt. Als junger Liberaler (Juli) machte er 2013 Wahlkampf. "Aber bei den Julis hat mir einfach der Patriotismus gefehlt", so erklärt Steier seinen Parteiwechsel.

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Nun steht er also in einer umfunktionierten Box-Trainingshalle im Münchner Norden und erklärt seine Auffassung von Heimatliebe. "Deutsche Werte, deutsche Traditionen. Damit sind wir ja bisher immer gut gefahren", sagt Steier. Im Publikum sitzen unter anderem: ein junger Mann, gehüllt in Deutschlandfahne mit Plastik-Pickelhaube auf dem Kopf, ein pensionierter ostdeutscher Lehrer und einer mit sehr kurzen Haaren im Deutschlandtrikot.

Die Spitzenvertreter der AfD halten viele für fremdenfeindlich. So etwas sucht man hier aber vergeblich. Der pensionierte Lehrer erzählt, er habe jahrelang in Marokko gelebt und Marokkaner zum Studieren nach Deutschland gebracht. Ein Parteikollege von Steier erzählt, er sei Halbgrieche und gerade wegen der Griechenlandpolitik in die AfD eingetreten. Steier selbst arbeitet ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim. Außerdem sind die jungen Alternativen zwar national, aber keine Sozialisten. Den Mindestlohn lehnen sie ab, laut Parteiprogramm sind sie für die Freiheit der Märkte, gegen autoritäre Strukturen und gegen Antisemitismus.

Das sehen nicht alle so: Es gibt sowohl Antifaschisten, die der AfD Faschismus vorwerfen, als auch Neonazis, die sie genau dafür feiern. Auch Steier selbst macht immer wieder die Erfahrung, dass sein Eintreten für das, was er deutsche Werte nennt, von einigen Deutschen als blanker Rassismus empfunden wird. Vor Kurzem hat die JA eine Hochschulgruppe gegründet, die Campus Alternative. Die wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität zunächst abgelehnt und musste dann doch zugelassen werden. Dagegen demonstrierten andere Hochschulgruppen am Geschwister-Scholl-Platz. Steier kam auch - "um mir anzuhören, was die zu sagen haben". Als einige Demonstranten ihn erkannt hätten, sei er getreten, bespuckt und davongezerrt worden, erzählt er. Und das sei nicht das einzige Mal, dass er wegen seines Engagements Schwierigkeiten bekommen habe: "Im Job schadet es mir sicher, dass ich mit der AfD in Verbindung gebracht werde", sagt er. Auch seine Familie ist davon alles andere als begeistert. Dennoch, er findet: Das muss es wert sein.

Steier whatsappt mit enorm vielen Smileys

Was Steier so ärgert und antreibt, dass er all diese Nachteile in Kauf nimmt, das ruft er in der Halbzeitpause durch die Boxhalle: die gleichgeschlechtlichen Ampelmännchen im Glockenbachviertel. Dass Mesut Özil die Nationalhymne nicht mitsingt. Und dass jetzt überall "Die Mannschaft" steht und nicht mehr "Deutsche Nationalmannschaft". Das, so Steier, sei doch auch "irgendwie gegendert".

Dass seine Partei bei vielen als rechtsradikal gilt, liegt Steiers Meinung nach auch am Bild, das die Medien über sie verbreiten. Er sagt nicht "Lügenpresse", Steier ist ausgesprochen höflich, er whatsappt mit enorm vielen Smileys, drückt sich gewählt aus. Dennoch: Dass über die AfD falsch berichtet wird, findet nicht nur Steier. In der Boxhalle reagieren fast alle Gesprächspartner gleich auf Journalisten: Augenbrauen hoch, die Nase etwas rümpfen. "Aha". Die Skepsis ist spürbar. In den Augen der jungen Alternativen verzerren die Medien das Bild der Partei. Auf Facebook, Youtube und auf ihrer Internetseite entwerfen sie daher ihr eigenes Bild. Das entspricht allerdings erst recht nicht immer der Wahrheit: Ein Video von einem BR-Puls-Beitrag über die AfD wurde nach dem Geschmack der Partei gekürzt und damit inhaltlich zurechtgebogen, bevor es auf einem AfD-Account bei Youtube gepostet wurde.

Boxer würden so etwas einen Schlag unter die Gürtellinie nennen, eine unfaire Methode. Aber genau wie sie nutzt Steier die Halle, um für größere Kämpfe zu trainieren: Er wird wohl im Herbst ohne Gegenkandidat zum Landeschef der JA Bayern gewählt. Nächstes Jahr ist Bundestagswahl, ein Jahr später die bayerische Landtagswahl. Dann werden weit mehr als 30 Zuhörer seine Meinung hören.

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