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Alternative Energieerzeugung:Die nächste Windkraft-Debatte

Forstenrieder Park bei München, 2017

Energiegewinnung im Wald, konkret im Forstenrieder Park, bringt angesichts der Höhe technisch fortschrittlicher Windräder meistens eine veränderte Optik mit sich. Zumindest die Abstandsfrage dürfte allerdings in diesem Fall keine Rolle spielen.

(Foto: Catherina Hess)

Im Hofoldinger Forst werden nach langen Diskussionen wohl drei Rotoren gebaut. Nun muss der Kreis entscheiden, ob er auch die Pläne der Gemeinden Pullach und Neuried im Forstenrieder Park unterstützt

Von Martin Mühlfenzl, Neuried/Pullach

Jahrzehntelang wurde um den Forstenrieder Park ein erbitterter Kampf geführt. Es ging stets darum, ob durch den Staatsforst - zwischen Baierbrunn und Pullach auf der östlichen sowie Neuried auf der westlichen Seite - der Südring der A 99 geführt werden sollte. Verwirklicht wurde der höchst umstrittene Ringschluss nie - eben weil der Widerstand in den Kommunen im Süden der Landeshauptstadt so groß war und auch heute noch ist.

Diese Debatte könnte bald von einer anderen, ebenfalls hoch emotional aufgeladenen Streitfrage abgelöst werden: Sollen in dem Naherholungsgebiet Windräder gebaut werden? Einen entsprechenden Antrag zur Gründung einer "Arbeitsgemeinschaft Windenergie Forstenrieder Park" haben die Gemeinden Pullach und Neuried, namentlich die Bürgermeister Susanna Tausendfreund (Grüne) und Harald Zipfel (SPD), an den Kreistag gestellt. Der Ausschuss für Energiewende, Landwirtschaft und Umweltfragen wird sich in seiner Sitzung am Montag, 7. Juni, von 14 Uhr an mit diesem Ansinnen beschäftigen.

Wie hitzig eine Debatte um den Bau von Windrädern verlaufen kann, ließ sich in der jüngeren Vergangenheit etwas weiter östlich im Landkreis bestaunen. Eigentlich hatten sich die vier Gemeinden Aying, Brunnthal, Sauerlach sowie Otterfing im Nachbarlandkreis Miesbach in der Arbeitsgemeinschaft Hofoldinger Forst (Arge) zusammengetan, um in besagtem Waldgebiet bis zu fünf Rotoren zu errichten. Doch insbesondere in Brunnthal wurde schnell Widerstand gegen die Rotoren laut, im November 2019 standen sich Gegner und Befürworter vor einer Gemeinderatssitzung bei Demonstrationen im Fackelschein gegenüber. Aber auch im Gemeinderat selbst wuchsen mit der Zeit die Bedenken gegen das Projekt, im März dieses Jahres schließlich entschied das Gremium, aus der Arge auszutreten. Die verbliebenen drei Partner indes halten weiter am Bau der Windräder fest, allerdings sollen nun nur noch drei errichtet werden.

Ruhiger verläuft die Debatte in der Arge Höhenkirchner Forst, in der sich die Gemeinden Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Oberpframmern und Egmating sowie die Landkreise München und Ebersberg zusammengeschlossen haben. Auf drei Konzentrationsflächen planen die Partner die Errichtung von drei Rotoren.

Wie viele Windräder es im Forstenrieder Park werden könnten, steht in den Sternen. Die politischen Voraussetzungen dürften indes gar nicht so schlecht sein. Der Park, etwas mehr als 37 Quadratkilometer groß, befindet sich großteils im Eigentum des Freistaats. Zwar hat die CSU-Alleinregierung im Jahr 2014 die Hürden für den Bau von Windkraftanlagen in Bayern mit der sogenannten 10-H-Regel deutlich nach oben gesetzt - sie besagt, dass Windräder einen zehnfachen Mindestabstand ihrer Höhe zu Wohngebäuden aufweisen müssen. Allerdings hat Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) unlängst im Vorfeld des Bürgerentscheids im Landkreis Ebersberg über die Errichtung von Rotoren im Ebersberger Forst verlauten lassen, er befürworte derartige Projekte in Wäldern. Die Ebersberger stimmten knapp für den Bau von fünf Windrädern.

Die Gemeinden Pullach und Neuried sind unlängst dem Aufruf von Aiwangers Ministerium gefolgt und haben sich für die Initiative der sogenannten regionalen Windkümmerer beworben, mit deren Hilfe potenzielle Standorte für Windräder ermittelt werden können. Die vom Wirtschaftsministerium finanzierten Windkümmerer unterstützen die Gemeinden auch bei planungsrechtlichen Verfahren. Laut Tausendfreund und Zipfel haben zudem erste Voruntersuchungen einen "wahrscheinlich wirtschaftlichen Betrieb von Windenergieanlagen im 10-H-konformen Gebiet des Forstenrieder Parks" ergeben. Aus Sicht der beiden Bürgermeister gehört die Windenergie zu den "zentralen Faktoren" der Energiewende und könne einen wichtigen Beitrag zur "Dekarbonisierung unserer Energieversorgung" leisten.

Vor allem mit der Wirtschaftlichkeit, aber auch der Umweltverträglichkeit von Windkraftanlagen werden sich die Kreisräte beschäftigen, wenn es um die geplanten Rotoren im Hofoldinger Forst geht. Ein Jahr lang fand dort 2020 eine Windmessung statt, deren Ergebnisse dem Kreistag präsentiert werden. Und die zentrale Botschaft dabei lautet: Mit modernen, auf die speziellen Windverhältnisse ausgerichteten Anlagen sei ein wirtschaftlicher Betrieb darstellbar. Projiziert wurde dabei der Betrieb mit drei Windrädern, die eine Nabenhöhe von 164 bis 169 Metern Höhe aufweisen und auf eine Gesamthöhe von etwa 240 Metern kommen. Die mittlere Windgeschwindigkeit wird dabei mit 5,7 Metern pro Sekunde angegeben, Hauptproduktionszeiten sind der Herbst und Winter. Wenig überraschend ist dabei die Erkenntnis: "Die Windgeschwindigkeit nimmt mit zunehmender Höhe deutlich zu." Die Gesamtinvestitionen für die drei Rotoren im Hofoldinger Forst beziffern die Planer mit etwa 19 Millionen Euro. Auch eine artenschutzrechtliche Prüfung kommt zu dem Ergebnis, dass das Projekt realisiert werden könne, da es "mit den naturschutzfachlichen Belangen vereinbar" sei. Zu nahezu identischen Ergebnissen auch hinsichtlich der Kosten kommen Berechnungen für die geplanten Windräder im Höhenkirchner Forst.

Die Projekte sind weiter gediehen als jenes im Forstenrieder Park. Den Gemeinden Pullach und Neuried geht es jetzt am Anfang darum, "transparent, raumverträglich und unter Wahrung der Interessen der einheimischen Bevölkerung aller angrenzenden Kommunen" in die Planungen einzusteigen. Es geht aber auch um Rechtssicherheit und natürlich ums Geld - daher soll der Landkreis München mit ins Boot geholt werden. Denn, so Susanna Tausendfreund und Harald Zipfel, für kleine Kommunen sei ein Projekt dieser Größenordnung allein kaum zu stemmen.

© SZ vom 07.06.2021
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