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Alternative Antriebe:Sonne im Tank

Mit einer großen Show präsentiert das Münchner Start-up Sono Motors sein erstes Elektroauto - inklusive Moosfilter und Solarantrieb

Wenn Laurin Hahn mit dem amerikanischen Elektroauto-Pionier Elon Musk verglichen wird, winkt der 23-Jährige ab: "Der ist schon 'ne andere Nummer." Und dennoch: Es ist die große Show für den ganz großen Traum, die der Münchner an diesem Donnerstagabend mit seinem Team von Sono Motors aufbietet: Ein neues, nachhaltiges Elektroauto soll den europäischen Markt erobern. Gut 700 Menschen drängen zu Pop-Klängen und veganen Häppchen in das Foyer des Münchner Technologiezentrums MTZ. Sie alle wollen dabei sein, wenn Gründer Hahn hier gleich nach Silicon-Valley-Art - ein Mann, eine Bühne, ein Produkt - den Prototyp des "Sion"-Kompaktvans vorstellt.

Über der Bühne, die mit schwarzem Theatervorhang ausgekleidet ist, hängt eine riesige weiße Kreisfläche mit acht Scheinwerfern am Rand. Im Laufe der Show werden darauf Infografiken und Live-Bilder des Fahrzeugs projiziert. Bei der Überlegung, wie man den Sion positiv in Szene setzen könnte, sei man auf die weiße Kreisform als Symbol für die Sonne gekommen, sagt die 27-jährige Ann-Sophie Scharrer, die sich bei dem Münchner Start-up um das Veranstaltungsmanagement kümmert. Ein Elektroauto, das einen Teil seines Stroms in den Sommermonaten selbst produziert, das ist schließlich eine der wichtigsten Innovationen, die das Team von Sono Motors in den vergangenen vier Jahren entwickelt hat.

700 Gäste bestaunten den Kompaktvan Sion mit seinen Solarzellen auf Dach, Motorhaube und Seitentüren.

(Foto: Robert Haas)

Für Fahrten von bis zu 30 Kilometern muss der Sion bei gutem Wetter nicht aufgeladen werden, den Strom dafür liefert die Sonne. Dazu wurden so viele Solarzellen wie möglich in der Karosserie des grauschwarzen Prototyps verbaut. Dicht an dicht sitzen die küchenfliesengroßen, dunkelblau schimmernden Solarmodule auf Dach, Motorhaube und den Seitentüren. Das prägt auch das Design des Fünf-Sitzers, der von vorne ein wenig an den Smart Forfour erinnert, während das wuchtige, scharf aufragende Heck Assoziationen mit dem Mini Cooper Clubman weckt. "Funktional und einzigartig wie German Bauhaus-Architektur" nennen sie diesen Stilmix bei Sono Motors.

Mehrmals brandet während Laurin Hahns Rede spontan Beifall und Jubel im Foyer auf, nicht zuletzt beim Preis für den Sion. Mit 16 000 Euro bei einer Reichweite von 250 Kilometern hat das Münchner Elektroauto mit das beste Preis-Leistungs-Verhältnis auf dem Markt. Dazu kommt allerdings noch die Solar-Batterie, die aktuell 4000 Euro kosten soll. Sobald Sono Motors 5000 Vorbestellungen für den Elektro-Kompaktvan hat, soll der Sion im Jahr 2018 in die Serienproduktion gehen.

Das Auto fährt nicht nur elektrisch, man kann mit dem Strom auch Handwerksgeräte betreiben, wie Gründer Laurin Hahn demonstriert.

(Foto: Robert Haas)

Dass die relativ günstig sei, liege auch daran, dass das kleine Start-up mit seinen 21 festen Mitarbeitern unabhängig von den großen Autobauern sei, sagt Jona Christians, einer der drei Gründer und CEOs von Sono Motors. So könne man bei großen Autozulieferern viel günstiger sogenannte Aftermarket-Produkte einkaufen. Das sind im Fall von Sono Motors neuwertige Autoteile wie Blinker oder Scheibenwischer, die aber ohne ein Markenlabel daherkommen: "Dadurch kann bis zu ein Drittel des Fahrzeugpreises wegfallen", sagt Christians.

Der Sion will aber weit mehr sein als ein innovatives Auto mit einem günstigen Preis, das wird an diesem Abend deutlich. Ein Produkt ist nur so stark wie die Geschichte, die sich damit erzählen lässt, und bei Sono Motors, das vor vier Jahren in der Garage von Jona Christians' Eltern in München geboren wurde, haben sie das früh verstanden. So kommen sie an diesem Abend dann doch wieder auf den Branchenguru Elon Musk und dessen E-Auto-Firma Tesla zu sprechen: "Wir sind eigentlich der Anti-Tesla", sagt Thomas Meichsner, der als Chefberater für den Bereich Fertigung bei Sono Motors zuständig ist. Denn der Sion sei eben gerade kein Luxusauto, sondern ein Auto für alle, die eine ökologische Lebenseinstellung haben. Das Einkommen spiele dann keine entscheidende Rolle mehr, das sei die Nische, die das Start-up besetze, sagt Meichsner. Das hat neben den gut 1000 privaten Kleininvestoren, die über ein Crowdfunding-Projekt mehr als 600 000 Euro für den Prototyp gegeben haben, auch drei Großinvestoren aus der Zuliefer- und E-Mobilitätsbranche überzeugt.

Als Luftfilter verwenden die Macher natürliches Moos, das in verschiedenen Farben angestrahlt werden kann.

(Foto: Robert Haas)

Was braucht es, um die Energie und den Willen aufzubringen, ein solches Projekt durchzuziehen? "Vertrauen in sich selbst", platzt es aus Jona Christians heraus. Vor einem Jahr seien sie noch zu dritt gewesen, jetzt beschäftigen sie 100 Auftragsfertiger. Dass sich die jungen Münchner Automacher trotzdem einen realistischen Blick auf ihr Projekt bewahrt haben, zeigt sich bei ihrer Einschätzung, wie viel des Weges sie bereits geschafft haben, bevor der E-Kompaktvan in Münchner Garagen stehen kann: "Der Prototyp war ein Meilenstein", sagt Meichsner, aber "was die technische Seite angeht, haben wir noch ein großes Stück vor uns", erst "etwa 30 Prozent" seien bereits zurückgelegt.

Das Interesse an diesem Projekt - das zeigt sich an diesem Abend - ist groß. Neben Anzugträgern stehen junge Start-up-Unternehmer im T-Shirt, dahinter viele ältere Menschen, die sich schon lange für das Thema E-Mobilität begeistern. "Der Gedanke, dass der mit der Sonne fährt", der lasse ihn nicht mehr los, sagt der 65-jährige Magnus Albrecht, Trachtenjanker, grauer Schnurrbart und auf dem Kopf ein Trachtenhut. Alleine im Laufe des Abends gibt es 26 Vorbestellungen für das Auto. Als gegen Mitternacht der Strom derer, die einen Blick auf den grauschwarzen Prototyp erhaschen wollen, ein wenig nachlässt, bleibt Zeit für eine letzte Frage an Laurin Hahn: Was er jetzt, nach diesem fulminanten Erfolg, noch vorhat? "Vielleicht ein Bier, dann gibt's noch unsere Team-Nachbesprechung." Keine ausgelassene Feier. Morgen früh um neun steht der nächste Termin an, noch in diesem Monat startet die Testfahrten-Tour durch ganz Europa mit dem Sion-Prototyp.

© SZ vom 29.07.2017

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