Süddeutsche Zeitung

Alte Statuen neu präsentiert:Zeus' Zukunft

Für die Sommerspiele 1972 wurde eine berühmte Skulpturengruppe aus Olympia rekonstruiert und im Deutschen Museum gezeigt. Dann verschwand sie mehr als 40 Jahre lang in einem Depot. Nun soll sie im renovierten Wilhelmsgymnasium ein würdiges Asyl finden

Von Johan Schloemann

Ertüchtigung, das ist ein altmodisches, aber schönes Wort. Das humanistische Wilhelmsgymnasium im Lehel, Thiersch-/Ecke Maximilianstraße, wird gerade umfassend saniert und umgebaut. Wenn alles gut geht, kann die Schule, bis dahin in Container ausgelagert, im nächsten Jahr wieder einziehen. Zu der aufwendigen Renovierung, die mehr als 50 Millionen Euro kostet, kommt jetzt aber noch eine "statische Ertüchtigung" im dritten Stock hinzu. Der Grund dafür ist, dass dort auch noch ein paar sehr schwere Griechen aufgenommen werden sollen. Für sie werden eigens Stahlträger eingezogen, damit die neu gemachte, altehrwürdige Lehranstalt nicht gleich wieder zusammenkracht.

Die gewichtigen Griechen wiederum haben ihrerseits viel mit Ertüchtigung zu tun. Auch wenn sie 41 Jahre lang in einer Dachkammer eingesperrt waren, weggeschlossen von der Öffentlichkeit. Es ist eine kuriose, in Vergessenheit geratene Münchner Geschichte, die da jetzt im Wilhelmsgymnasium ihr glückliches Ende finden wird, oder besser: Die ein neues Kapitel schreibt.

Als München im Jahr 1972 die Olympischen Spiele ausrichtete, gab es nicht nur Sport, eine einzigartige, weltoffene Architektur und den Schock des Olympia-Attentats mit insgesamt 17 Toten. Es fand auch ein begleitendes Kulturprogramm statt. Im Deutschen Museum wurde damals eine Ausstellung über das antike Olympia gezeigt. Deutsche Archäologen hatten dort 100 Jahre zuvor mit ihren Ausgrabungen begonnen, an der Geburtsstätte der olympischen Idee in Griechenland. Dazu gehörte auch der berühmte Zeus-Tempel aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, dessen Götterstatue im Altertum als eines der sieben Weltwunder galt. Die Reste des marmornen Skulpturenschmucks vom Zeustempel, die von 1875 an zu Tage traten, sind bis heute eine touristische Hauptattraktion im Museum von Olympia. Am bekanntesten ist die frühklassische Statue des Gottes Apollon, der mit einer stolzen Geste einem wilden Kampfgeschehen Einhalt gebietet: Ordnung statt Chaos, ist die Botschaft.

Für die Spiele von München nun wurde zum ersten Mal eine Rekonstruktion dieses Westgiebels des Zeustempels im Maßstab eins zu eins angefertigt. Man baute sie mit Hilfe von Bauforschern der Technischen Universität in den Aufgang zur Bibliothek des Deutschen Museums ein, eine wuchtige Konstruktion aus Stahl und Stuck, 30 Meter breit, die dreiecksförmig angeordneten Skulpturen an der höchsten Stelle 3,5 Meter hoch. Als dann alle Medaillen vergeben waren, sollte die Parade aus kämpfenden Leibern als olympische Erinnerung an Ort und Stelle verbleiben. Das fand jedenfalls Willi Daume, Sportfunktionär und Präsident des Olympia-Organisationskomitees, und es fanden eigentlich auch alle anderen. Nur Theo Stillger, der 1982 gestorbene Generaldirektor des Museums, war entschieden anderer Meinung: Antike Kunst habe in einem technischen Museum nichts verloren, den technischen Meisterleistungen des antiken Tempelbaus zum Trotz. In der Münchner Presse wurde 1973 lange und heftig darüber debattiert, Archäologen unterzeichneten internationale Protestaufrufe, und doch kam es zum Abbruch, "welcher in den Annalen des Deutschen Museums keine Ruhmesblatt darstellt", wie der Schöpfer der Giebel-Kopie, Peter Grunauer, damals beklagte.

Nachdem sich für die Kopien kein anderer Standort in München gefunden hatte, wanderten sie 1976 in die Abguss-Sammlung der Ludwig-Maximilians-Universität, die damals wiederbelebt wurde. Aber eben unters Dach ins Magazin, wo sie bis heute geparkt sind, denn für das 30 Meter breite Ensemble ist in der Ausstellung im Lichthof des "Hauses der Kulturinstitute" an der heutigen Katharina-von-Bora-Straße kein Platz. Nur den Apollon hat man einzeln vor ein paar Jahren ans Licht gelassen.

Um zu den Figuren zu gelangen, muss die Leiterin des Abguss-Museums, Ingeborg Kader, einen lauten, staubigen Lastenaufzug mit dem Schlüssel aufsperren. Diese Gefängnis-Atmosphäre steht auf jeden Fall im Widerspruch zu einem heiligen Wert der griechischen Kultur, den der Westgiebel von Olympia eigentlich ausdrückt: Gastfreundschaft. Die Skulpturengruppe zeigt nämlich, wie die Kentauren, betrunkene Mischwesen, auf einer Hochzeit versuchen, die gastgebenden Frauen zu vergewaltigen - und wie die Götter dazu entschlossen "Stopp!" sagen.

Die insgesamt 21 Figuren wären im Verhau weggesperrt geblieben, hätte nicht ein früherer Schüler des Wilhelmsgymnasiums und Archäologiestudent in einem Telefonat mit Kader die Idee aufgebracht, in der renovierten Schule ein würdiges Asyl zu schaffen. "Das nahm dann Fahrt auf", erzählt sie. Olympische Begeisterung ergriff alle Beteiligten, die Universität, die Schulleitung, den Elternbeirat und am Ende auch den Bildungsausschuss des Stadtrates, der vergangene Woche dem Umzug der Skulpturen zugestimmt hat. Das jahrhundertealte altsprachliche Gymnasium ist zwar ein staatliches, die Stadt München ist aber als "Sachaufwandsträgerin" fürs Gebäude und die Ausstattung zuständig. Von den 150 000 Euro Umbau- und Transportkosten sind bislang 20 000 Euro durch Spenden zusammengekommen, und es sieht so aus, als würde das Projekt am Restbetrag nicht mehr scheitern.

Mit zur Idee gehört ein pädagogisches Konzept: Die Schüler sollen diesen Höhepunkt griechischer Kunst, den sie täglich vor Augen haben werden, in den Unterricht einbeziehen und die Skulpturen ganz konkret als "Klassenpaten" vor Vandalismus schützen. Und sie sollen mitnehmen, dass Olympia für Ertüchtigung, aber auch für ein Friedens-Ideal steht. Und dies, sagt Ingeborg Kader, "bleibt solange aktuell, bis alle Kriege vorbei sind".

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Quelle:
SZ vom 28.02.2017
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