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Alte Akademie München als Prüfstein für die Politik:Flanierraum, geopfert auf dem Altar des Kommerzes

Wieviel Baurecht darf sich ein Investor für ein Baudenkmal herausnehmen? Bei der Alten Akademie in München ist das gerade sehr umstritten.

(Foto: Robert Haas)

SZ-Leser fordern den Stadtrat dazu auf, die Überbauung der Arkaden keinesfalls zu erlauben, weil's ein grober Verlust fürs Stadtbild wäre

"Paragrafen und Arkaden" vom 14./15. Oktober:

Wer bestimmt da eigentlich?

Der Bericht versäumt darauf hinzuweisen, dass die Arkaden der Alten Akademie den Rechtsstatus des "öffentlichen Raums" haben, der in den 1950er Jahren zwischen dem Freistaat Bayern als Eigentümer und der Stadt München vertraglich und planungsrechtlich gesichert worden ist. Der Investor, die Wiener Signa AG, hat mit dem Abschluss des Erbbaurechtsvertrags mit dem Freistaat 2013 dieses anerkannt, will aber im Nachgang nun Maximalansprüche durchsetzen. - Man kann Frau Michail nicht genug danken, dass sie mithilfe des Architekten-Urheberrechts ihres verstorbenen Vaters Josef Wiedemann die Interessen des Gemeinwesens und der Stadtgesellschaft am allemal begrenzten öffentlichen Raum in der Münchner Innenstadt verficht. Die für diese Aufgabe zuständigen Gremien und Institutionen haben sich längst auf die Seite des Investors geschlagen: Das Landesamt für Denkmalpflege ist ein Totalausfall, und ein vorbereiteter Beschluss des Münchner Stadtrats für Mai dieses Jahres, dessen Mehrheit wohl bereit ist, auf die Arkaden weitgehend zu verzichten, wurde durch die Intervention von Frau Michail um Haaresbreite ausgesetzt - eines Stadtrates, der vor zwei Jahren in seinem "Innenstadtkonzept" selber festgelegt hat, dass Arkaden ein wesentliches städtebauliches Gestaltungselement der Münchner Altstadt darstellen und deshalb zu erhalten sind.

Es ist empörend und nicht anders als ein Skandal zu nennen, dass es einer älteren Dame überlassen bleibt, das öffentliche Recht und Interesse am geschichtsträchtigen denkmalgeschützten Gebäudekomplex auf eigene zeitliche und finanzielle Lasten zu verfechten, während Politik und Verwaltung, also die dafür zuständigen Vertreter der Stadtgesellschaft, längst mit dem Investor kungeln - einem Investor, dem neben der Alten Akademie auch Karstadt-Oberpollinger nebenan einschließlich des Hertie-Komplexes gehört und der dabei ist, mit der angestrebten Übernahme des Kaufhof-Konzerns auch am Stachus und Marienplatz zu dominieren. Dann spätestens wird Münchner Stadtentwicklungspolitik nicht mehr im Münchner Rathaus, sondern in der Wiener Konzernzentrale gemacht. Dr. Detlev Sträter, München

Banalisierung eines Denkmals

Brigitta Michail gebührt größter Dank dafür, dass Sie durch ihr unnachgiebiges Verhalten gegenüber dem Investor Signa bisher einen Stadtratsbeschluss aufgeschoben hat und der Debatte über den Umgang mit den Arkaden weiteren Raum gegeben hat. Es zeugt letzten Endes von der kleingeistigen Denkweise des Investors, wenn er pedantisch auf die Überbauung der Arkadenflächen besteht und nicht deren Wert als unwiederbringliche Vorzone der Geschäfte und als Flanierraum der Münchner Bürger begreifen kann, der auch die Attraktivität seines gewünschten Einzelhandels fördern könnte. Stattdessen denkt er nur in vermietbarer Fläche, also in Zahlen statt in Qualität.

München als stark anwachsende Stadt darf in dieser Situation nicht der Sichtweise des Investors auf den Leim gehen und sollte die Arkaden als ein Stück Großstadt-Flair erkennen, das München an dieser Stelle auszeichnet. Das Flanieren durch eine Arkade gehört zu den grundlegenden städtischen Eindrücken, wir kennen es aus den Metropolen der Welt. Dieser Raum gehört den Münchner Bürgern und sollte jedermann zugänglich sein.

Die Argumentationsweise des Investors beziehungsweise seiner Juristen, die Arkaden seien rein dem damaligen Verkehrszweck geschuldet und daher entbehrlich, gehen in eine gefährliche Richtung. Mit dieser Sichtweise ließen sich sämtliche Arkaden der Kaufinger- und Neuhauserstraße dicht machen. Wollen wir als nächstes auch die Arkaden der Bebauung seitlich des Karlstores schließen? Oder vielleicht den Durchgang unterhalb des Alten Rathauses? Was für die Stadt am Ende wichtig ist, ist rein der aktuelle Zustand und sein Nutzen für die Bürger, ein Raum zum Flanieren, unabhängig vom Grund seiner früheren Entstehung. Zudem haben die Arkaden auch heute eine Verkehrsfunktion, da die Einwohnerzahl im Laufe der letzten 60 Jahre stark gewachsen ist und künftig weiter stark ansteigen wird. Auch die Zahl der Besucher unserer Stadt ist gestiegen, und so erhöht sich stetig die Frequenz der Passanten in der Fußgängerzone. Der Bereich vor dem Hettlage-Bau ist eine Engstelle in der Fußgängerzone, ebenso wie der Bereich in der Kapellenstraße, der von Norden in die Fußgängerzone führt. Daher sind die Arkaden eine wichtige Erweiterung des Bewegungsraumes. Außerdem geht es um die Frage des "Wie?". Hier handelt es sich sehr wohl um eine gestalterische Entscheidung des Architekten, "wie" die Arkaden gestaltet sind, die sich nicht allein bereits durch den Verkehrszweck herleiten lässt. Der Wiedemann'sche Arkadenraum hat unter der Vernachlässigung der vergangenen Jahre und missgestalteten Einbauten leider Teile seines Charmes verloren, zeugt jedoch in der Gestaltung der Böden und der Säulen noch immer von der gediegenen Noblesse der 50er Jahre und hat angenehme und großzügige Raumproportionen. Durch eine einfühlsame Planung ließe sich daraus wieder ein hochattraktiver Raum schaffen, nicht jedoch durch die vom Investor bisher vorgeschlagenen Entwürfe. Der Investor Signa wirbt als Ersatz für die Arkaden mit der Öffnung des Schmuckhofes: Dieser Hof wird jedoch kein wahrer öffentlicher Raum sein, sondern eine kontrollierte Fläche des Betreibers, der über diesen Bereich bestimmen kann und diese Fläche als Erschließung der geplanten Geschäfte und der Gastronomie nutzen möchte. Dass der Investor hier nun ein Aldi-Bistro aufstellen ließ, gibt schon einen treffenden Vorgeschmack auf die künftige Banalisierung der Alten Akademie.

Aus all dem folgt, dass es ein großer Fehler wäre, wenn die Stadt München an dieser zentralen Fläche öffentlichen Raum zugunsten der kommerziellen Nutzung eines Investors aufgibt und diese Räume damit für die nächsten 65 Jahre verliert und der Öffentlichkeit entzieht. Die Angelegenheit ist nicht nur eine privatrechtliche Frage von Urheberrechten, hier geht es um den Umgang mit dem öffentlichen Raum in München - und dies ist eine wichtige politische Frage. Es wäre an der Zeit, dass auch die Münchner Architektenschaft sich stärker in die Debatte einmischt und einen sorgfältigeren Umgang mit dem Erbe der 50er Jahre einfordert. Auf keinen Fall darf diese Frage nur von Juristen bewertet werden! Martin Rössler, München

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