SZ-Serie: Alles im Griff, Folge 2"Da kommt es schon auf die Hand an"

Lesezeit: 3 Min.

Andreas Fritsch bei der Arbeit.
Andreas Fritsch bei der Arbeit. (Foto: Robert Haas)

Andreas Fritsch ist Uhrmachermeister, er muss feinste Gegenstände exakt platzieren, etwa Schrauben, die kleiner als Mohnsamen sind.

Von Martina Scherf

Die Lupe vors rechte Auge geklemmt, die Pinzette zwischen Daumen und Zeigefinger, beugt sich Andreas Fritsch über den Arbeitstisch. Greift vorsichtig ein winziges Rädchen vom Tisch und setzt es an die richtige Stelle in der geöffneten Taschenuhr. Insgesamt rund 200 Mal wird seine Hand diese Bewegung ausführen, denn so viele Teile hat das edle Stück aus dem 19. Jahrhundert. Ein Familienerbstück, das ihm ein Kunde zur Reparatur anvertraut hat. "Das Auseinanderbauen ist natürlich einfacher als das Wiederzusammenbauen", sagt Fritsch und lacht.

Doch der Uhrmacher weiß genau, was wohin gehört. Seine Hand ist nicht gerade filigran, eine schöne, kräftige Männerhand - kaum zu glauben, wie er damit diese diffizile Arbeit leistet. Mit sicherem Griff fügt er Zahnrädchen, Federchen und winzige Wellen zusammen. Zieht mit einem Miniaturschraubendreher Schräubchen kleiner als ein Mohnsamen fest. Setzt mit der Pinzette die "Hemmung" und die "Stundenstaffel" an ihren Platz. Die Hemmung ist ein kleiner Greifarm, der in die zwölf Zacken der ausgesägten Stundenstaffel rutscht. Die Zacken sind auf Zehntelmillimeter geschliffen, mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Doch auf sie kommt es an, damit die Uhr exakt die Stunden anzeigt.

Newsletter abonnieren
:München heute

Neues aus München, Freizeit-Tipps und alles, was die Stadt bewegt im kostenlosen Newsletter - von Sonntag bis Freitag. Kostenlos anmelden.

Ist das nicht wahnsinnig anstrengend? "Ach was", sagt Fritsch, "man gewöhnt sich dran." Der Uhrmacher ist ein fröhlicher Mensch. Wenn er die Lupe abnimmt, setzt er seine bunte Brille auf, damit er die Umgebung scharf sieht. Sein Kinnbart ist akkurat gestutzt, seine Augen umgeben Lachfalten. Er liebt seinen Beruf, das ist nach wenigen Minuten zu spüren. Und er erzählt gerne davon.

Beim Bayerischen Fernsehen ist er als Uhren-Experte bei "Kunst und Krempel" gefragt. In seiner Werkstatt nahe dem Deutschen Museum in München gibt er Uhrenseminare. Dort können sich Kundinnen und Kunden unter seiner Anleitung ihre eigene Armbanduhr zusammenbauen.

Es braucht vor allem eine ruhige Hand. Und Geduld.

Was macht einen guten Uhrmacher aus? Anders als erwartet, antwortet Fritsch zuerst bescheiden: "Wir haben hier für alles Maschinen." Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Betrieben stellt der Handwerker fast alle Teile, die er braucht, selbst her. Zeiger und Zahnrädchen, Stifte und Stundenstaffeln. Aber Maschinen kann sich jeder in die Werkstatt stellen. Natürlich braucht es vor allem eine ruhige Hand. Und Geduld.

Andreas Fritsch.
Andreas Fritsch. (Foto: Robert Haas)

Andreas Fritsch, 1968 in München geboren, gehört zu den seltenen Menschen, die schon als Kind wussten, was sie einmal werden wollen. Sein Vater, er ist Veterinärchirurg, hatte einmal vor seinen Augen die alte Kuckucksuhr des Opas zerlegt und wieder zusammengebaut. "Das fand ich faszinierend", erzählt Fritsch. Uhrmacher, das wär's doch, dachte sich der Zwölfjährige damals. Ein Berufspraktikum in der achten Klasse bestätigte ihn in seinem Entschluss. Nach der Meisterprüfung ging er dann zwei Jahre in die Schweiz, ans renommierte Internationale Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds und ließ sich dort zum Restaurator für antike Uhren weiterbilden. Vor mehr als 20 Jahren machte er sich selbständig. Seither ist das Restaurieren wertvoller alter Uhren seine Spezialität.

Bis zu 200 kleinste Teile sind in so einer wertvollen Uhr verbaut.
Bis zu 200 kleinste Teile sind in so einer wertvollen Uhr verbaut. (Foto: Robert Haas)

Ob Wanduhr mit Pendel, Tischuhr mit vergoldeten Rokoko-Putten oder Taschenuhr mit winzigem Schlagwerk - Fritsch ist kein Auftrag zu kompliziert. Er will die Uhren wieder zum Laufen bringen. Für ihn sind die edlen Stücke aber nicht nur Zeitmesser. "Es stimmt schon, ohne die Erfindung der Uhr wäre unsere Industrialisierung unmöglich gewesen", sagt er. Fritsch begeistert sich aber vor allem für die Ästhetik des Handwerks in früheren Zeiten.

Er klappt das Gehäuse einer Taschenuhr von 1880 auf. Die Lager bestehen aus winzigen Rubinen. "Und schauen Sie mal: alles poliert", sagt Fritsch. "Das wäre nicht nötig gewesen. Der Uhrmacher von damals wollte aber, dass es glänzt und höchsten Ansprüchen genügt. Er hat in jedem Stück seine eigene Handschrift verewigt."

Erst mit der Lupe erkennt man die Feinarbeit, die da jemand vor mehr als 150 Jahren geleistet hat. Weit mehr als 100 Stunden mag der Handwerker allein für die Verzierung aufgewendet haben. Damals war Zeit noch nicht so sehr Geld wie heute. Selbst die winzigen Zahnrädchen sind noch mit Wölkchenschliff versehen. "Von außen sieht das niemand", sagt Fritsch, "aber wir wissen es, und unsere Kunden auch."

Die Hände von Uhrmachermeister Andreas Fritsch.
Die Hände von Uhrmachermeister Andreas Fritsch. (Foto: Robert Haas)

Die Schönheit hat ihren Preis. Mehrere tausend Euro kostet die Restaurierung einer solchen Taschenuhr auf jeden Fall, je nachdem, wie groß der Aufwand ist. Doch wenn ein Kunde es wünscht, schleift natürlich auch Andreas Fritsch schöne Muster ins Metall, wenn das dem Original entspricht. Und er poliert selbstverständlich die Teile, die er selbst herstellt. Bei der Finissierung, sagt er, also dem letzten Schliff, bevor alle Teile fixiert werden und das Gehäuse wieder geschlossen wird, "da kommt es dann schon auf die Hand an." Fritsch jedenfalls freut sich jedes Mal selbst an der Schönheit, die ein solch antikes Uhrwerk darstellt. Bevor ein Kunde oder eine Kundin ihr edles Stück abholen, wird es noch auf die Zeitwaage gelegt. Die ist elektronisch und misst die Schwingungen. Da kommen Abweichungen von Zehntelsekunden ans Licht. Präzision ist also alles bei diesem Handwerk.

Im Schaufenster von Fritschs Laden-Werkstatt steht sein ganzer Stolz: "Le cercle", eine selbst entworfene und gebaute Raum-Uhr. Gläserner Zylinder, feststehende Zeiger, sich drehende Ziffernringe aus Keramik; vergoldetes Uhrwerk und Schlaghämmerchen. Diese Uhr trägt nun wirklich ganz seine eigene Handschrift.

Jede(r) braucht in seinem Beruf den Kopf zum Arbeiten. Manche benötigen darüber hinaus aber auch noch eine sehr spezielle Fingerfertigkeit. In unserer neuen Serie stellen wir in loser Folge Menschen in München vor, die einer besonderen Hand-Arbeit nachgehen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ-Serie: Alles im Griff
:Ruhiger Puls trotz Explosionsgefahr

Maik Klingenberg ist Sprengstoffentschärfer beim LKA. Er braucht Fingerspitzengefühl - und muss wissen, wo er eben nicht hinfasst.

Von Susi Wimmer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: