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Gefährliche Insektenstiche:Zu wenig Mittel gegen Bienen- und Wespen-Gift

Wespe auf Marmeladenbrot

In diesem Sommer gibt es besonders viele Wespen, die sich an menschlichen Mahlzeiten gerne beteiligen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
  • In vielen Münchner Apotheken gibt es nicht ausreichend Medikamente für Allergiker auf Bienen- und Wespenstiche.
  • Teils werden gar Wartelisten geführt.
  • Das liegt nicht an erhöhter Nachfrage, die Mittel sind einfach nicht verfügbar.

Ein plötzlicher Schmerz, dann eine Schwellung und gerötete Haut, dazu ein Jucken: Das sind normale Abwehrreaktionen des Körpers, wenn eine Biene oder Wespe zugestochen hat. Es kann aber auch weitaus heftiger kommen. Extreme Schwellungen, sogar Atemnot oder Kreislaufversagen, meist schon in den Sekunden oder Minuten nach dem Stich - dann ist schnelle medizinische Hilfe nötig, denn im Extremfall kann es zu einem anaphylaktischen Schock kommen. Etwa fünf Prozent der Deutschen sollen allergisch sein gegen Bienen- oder Wespengift. Mediziner und Apotheker haben sich darauf eingestellt, es gibt spezielle Medikamente für den Notfall. Doch die sind ebenso rar in diesem Sommer wie die Insekten zahlreich.

"Es gibt immer noch nichts!" Peter Sandmann ist Betreiber mehrer Apotheken in der Stadt und im Landkreis München, er hat gerade auf der Medikamentenliste nachgesehen. Autoinjektoren, also adrenalinhaltige Spritzen, "die man sich selbst in den Oberschenkel jagen kann", sowie spezielle Cortisonpräparate für die Notfallsets der Insektengift-Allergiker würden im Moment nicht geliefert. Das habe nichts mit einer erhöhten Nachfrage wegen der vielen Bienen und Wespen dieses Sommers zu tun, die Medikamente seien "einfach nicht verfügbar". Man habe dafür sogar schon eine Art Warteliste eingeführt, sagt der Sprecher der Münchner Apotheker. "Zwischendurch" seien doch einige solcher Medikamente bei einem Großhändler lieferbar, und dann informiere man die Kunden auf der Liste.

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Zum Glück seien das Einzelfälle, sagt Sandmann, denn das Bewusstsein, dass man Allergiker sei, die nötigen Gegenmittel aber nicht bekommen könne, steigere die Furcht zusätzlich. Dabei würde ein solches Notfallset vielen Allergikern im Ernstfall schon reichen, wie Franziska Ruëff, Leitende Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie und Leiterin des Allergiezentrums, weiß. Es sei generell ein Problem, dass manche Medikamente einfach nicht in erforderlicher Menge hergestellt würden, sagt die Medizinprofessorin, manchmal aus wirtschaftlichen Überlegungen. Teilweise würden die Arzneien auch in Indien produziert, wo "unsagbare Zustände" herrschten, so dass sie unbrauchbar seien. Das könne aber auch an behördlichen Vorgaben liegen, die einen pharmazeutischen Betrieb einschränken oder zeitweise lahmlegen. Das sei erst bei einer deutschen Firma geschehen, die Medikamente für die Hyposensibilisierung gegen Insektengifte herstelle.

Diese Behandlungsmethode gegen Insektengiftallergien nennt Franziska Ruëff den "Star aller Hyposensibilisierungen". Allein 200 von etwa 500 Patienten, die sich im Allergiezentrum jährlich beraten lassen, werden damit pro Jahr behandelt, praktisch alle erfolgreich. Man gibt ihnen geringe Mengen des Gifts in gesteigerten Dosen. Zum Schluss, so sagt die Medizinerin, könne man "die Probe aufs Exempel" machen, manche Patienten ließen sich dann freiwillig stechen und zeigten keine Überreaktion mehr. Ruëff führt als Beispiel Imker an, die öfter gestochen würden und sich so selbst gegen das Gift immunisierten.

Eigentlich ist es natürlich, dass ein Körper, der mit solchen Giften in Berührung kommt, sich dagegen wehrt. "Phänomene, die dem Schutz dienen", seien das, sagt Ruëff. "Wenn aber der Körper "Schnellschüsse" abfeuere gegen das Gift "und man bewusstlos am Boden liegt", sei das ein "Eigentor der Abwehr", beschreibt die Medizinerin die Überreaktion. Leider wüssten Patienten erst dann, dass sie allergisch auf die Stiche reagieren. Als Allergologe könne man nur handeln "wie die Feuerwehr, wenn's schon gebrannt hat". Denn bei Blutuntersuchungen weise jeder vierte Erwachsene bestimmte Auffälligkeiten in Sachen Antikörper auf, das sage aber noch nichts aus über die konkrete Reaktion auf Stiche. Das größte Risiko besteht laut Ruëff bei Menschen, die innerhalb einer Woche mehrmals gestochen würden. Auch die Einnahme von Medikamenten oder bestimmte Krankheiten könnten das Allergierisiko steigern.

Wenn nicht schnell geholfen wird, kann ein Stich lebensbedrohlich sein. Das sei zum Glück selten, so Ruëff. Trotzdem empfänden die Patienten diese Form vom Allergie als sehr bedrohlich. "Sie verwandeln sich und können nichts dagegen tun." Neben dieser Angst führe das zu einem Verlust an Lebensqualität. Mittlerweile müssten Allergiker auch in einer Stadt wie München aufpassen, da es viele Bienen gebe, dazu habe dieser Sommer eine große Wespenpopulation hervorgebracht.