Allach/Untermenzing Die Ersatzfamilie

Seit 30 Jahren ermöglicht das betreute Beschäftigungsprojekt Abba schwer Vermittelbaren den Einstieg ins Berufsleben. Gegründet wurde es als Reaktion auf Massenentlassungen in den Achtzigerjahren. Inzwischen gehört es zur Arbeiterwohlfahrt, der Trägerverein löst sich jetzt auf

Von Anita Naujokat, Allach/Untermenzing

Ein Ruheständler kommt nach zwanzig Jahren immer noch vorbei und repariert mit Hingabe Schaufeln. Auch im Buchladen sind Rentner ehrenamtlich aktiv oder betätigen sich als "Aufstocker", verdienen sich also etwas zur Rente dazu. Für viele ist das betreute Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekt Abba (Arbeit für Behinderte, Benachteiligte und Arbeitslose) im Lauf der vielen Jahre zu einer Art Familie geworden, etwa wenn sie wegen ihrer Erwerbslosigkeit den Kontakt zu Familie und Freundeskreis verloren haben.

Die Abba-Betriebe Garten- und Landschaftsbau, Häckseldienst, Haushalts-Auflösungen, Entrümpelungen, Altwaren, Internetbuchhandel und Zweitbuchladen hat der Trägerverein "Arbeitslosentreff München-West" bereits vor drei Jahren der Arbeiterwohlfahrt (Awo) übergeben. Nun löst sich auch der Verein um den Gründungsvorstand Reinhard Biller nach 31 Jahren selbst auf. Tragende Säulen waren die evangelischen Kirchengemeinden im benachbarten Karlsfeld im Landkreis Dachau und in Allach-Untermenzing. Drei der vier Noch-Vorstandsmitglieder leben in Allach und Untermenzing, von Anfang an gehörte unter anderem die evangelisch-lutherische Epiphaniaskirche in Allach dazu. Doch der Grundstein wurde in Karlsfeld gelegt.

Als Reinhard Biller, mittlerweile im Ruhestand, 1985 sein Amt als Pfarrer an der evangelischen Korneliuskirche in Karlsfeld antrat, fühlte er sich aus seiner "Wohlfühlzone herausgerissen," wie er selbst sagt. Anlass der Krise waren die damaligen Massenentlassungen bei den Großfirmen MAN, MTU und Krauss-Maffei nebenan in Allach, weswegen sein Vorgänger bereits den "Gesprächskreis Arbeitslosigkeit" in Kornelius ins Leben gerufen hatte. Diesem Projekt folgten 1987 der Trägerverein und eine Arbeitslosenberatungsstelle in Pasing mit Beratungsstunden in der Korneliusgemeinde.

Der Zweitbuchladen an der Perlacher Straße, im Bild eine Mitarbeiterin mit Projektleiter Hermann Mohr, ist nur eines der Abba-Projekte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Akteure, darunter der einstige Sozialpolitiker und SPD-Landtagsabgeordnete Max Weber, erkannten, dass es mit einer reinen Beratung nicht getan sein würde und gerade gering Qualifizierte, Ältere, Berufsrückkehrer und Menschen mit körperlichen, sozialen oder geistigen Einschränkungen kaum Chancen auf dem normalen Arbeitsmarkt haben. Einen der Gründe dafür sieht Biller auch im gesellschaftlichen Wandel: Einfache Tätigkeiten wie Brotzeit holen oder Höfe kehren hatten sich schon damals überlebt.

Zwei Jahre später gründete der Verein dann Abba. Das betreute Beschäftigungsprojekt sollte schwer Vermittelbare passgenau und individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten den Einstieg in ein "normales" Berufsleben ermöglichen. Erster Standort war an der Dachauer Straße in Moosach, erstes Qualifizierungsprojekt war der Gartenbau: Die Mitarbeiter sammelten auf den Münchner Friedhöfen Plastik ein.

Nach und nach kamen andere Betätigungsfelder hinzu. Mit dem Verkauf von Arbeitskleidung aus größeren Restposten etwa war Abba sogar Vorläufer der Discounter auf diesem Sektor. "Wichtig war, ein lebendiges Beziehungsgeflecht für Menschen zu schaffen, die an den Rand gedrängt wurden", sagt Biller. Stellvertreter Harald Knobloch, der mit Übernahme des Pfarramts vor zwei Jahren in Epiphanias sozusagen auch den Trägerverein mitübernommen hat, ergänzt noch den Aspekt: "Mir ist wichtig, dass Kirchengemeinden die Not sichtbar und deutlich machen, gerade in gut situierten Vierteln und einer Stadt wie München." Kirche neige manchmal dazu, sich um sich selbst zu drehen, sei eine Art Wohlfühlzentrum. "Wir müssen aber zeigen, dass wir auch einen diakonischen Auftrag haben."

Die Vermittlungsquote von Abba lag Biller zufolge in den ersten zehn Jahren bei einem Drittel, um die Jahrtausendwende trotz immer mehr Mitarbeitern mit sehr schweren Beeinträchtigungen immerhin noch bei einem Viertel. Und das Besondere: Die Menschen bei Abba arbeiten nicht in geschützten Werkstätten, sondern gehen zu ihren Kunden. Diese Sonderstellung habe Abba als fünfte eigene Gesellschaft unter der Perspektive München GmbH auch bei der Arbeiterwohlfahrt behalten, sagt Biller. Der Awo sei Abba überantwortet worden, weil deren Konzepte mit den Zielen des Vereins übereingestimmt hätten.

Das betreute Beschäftigungsprojekt sollte schwer Vermittelbare passgenau und individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten den Einstieg in ein "normales" Berufsleben ermöglichen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dass jetzt der Trägerverein - 2004 hatte die Arbeitslosenberatung schon schließen müssen, da die Stadt lieber in Arbeit als in Beratung investieren wollte - als die eigentliche Wurzel von Abba abgewickelt wird, hat verschiedene Gründe. Zum einen seien die Vorstandsmitglieder bis auf Pfarrer Knobloch ebenfalls in die Jahre gekommen. Und nachdem das Kerngeschäft bei der Awo lag, "waren wir regelrecht unterbeschäftigt", weshalb man sich nicht groß um Nachfolger bemüht habe.

Sei auch die Massenarbeitslosigkeit nicht mehr so in Erscheinung getreten wie in jener Zeit und in den Kirchengemeinden nicht mehr so als Notlage vermittelbar, zeigen sich Biller und Knobloch dennoch überzeugt: Der Bedarf sei trotz anderer ähnlicher Projekte nach wie vor groß.