Bauprojekt:Streit über Standort von Allacher Flüchtlingsunterkunft

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In Allach ist an der Servetstraße eine Flüchtlingsunterkunft vorgesehen. (Foto: privat)

Etwa 290 Schutzsuchende sollen künftig in einen Neubau an der Servetstraße ziehen. Die Bedenken von Anwohnern sind groß: Sie führen vor allem die Versiegelung einer Grünfläche an - doch manche vermuten andere Gründe hinter dem massiven Widerstand.

Von Ellen Draxel

Der geplante Bau einer Flüchtlingsunterkunft auf einer Wiese zwischen Stummer- und Servetstraße stößt in Allach-Untermenzing nach wie vor auf Widerstand. Gut 200 Menschen waren am Dienstagabend dem Aufruf der Bürgerinitiative "Allach Living" gefolgt und in die Sitzung des Bezirksausschusses gekommen, um gegen die Versiegelung der als wichtigen Frischluftschneise und Versickerungsfläche erachteten Wiese zu protestieren. Es war nicht das erste Aufbegehren: Bereits in der März-Sitzung war Kritik gegen das Vorhaben laut geworden.

München muss, das ist die Herkulesaufgabe der Kommune, trotz Raum- und Wohnungsknappheit aufgrund eines Verteilungsschlüssels 5625 Plätze für Geflüchtete bereitstellen, 4500 davon sollen mittel- bis längerfristig nutzbar sein. Daraus folge, so Gerhard Mayer, der Leiter des Amtes für Wohnen und Migration am Dienstagabend, "dass wir mindestens 20 Standorte schaffen müssen". Diese zu ermitteln sei Aufgabe einer referatsübergreifenden Taskforce. "Seit 2022 sind schon mehr als 160 Standorte geprüft worden", erklärte Mayer. "Bestandsgebäude, Bauerwartungsland, Grünflächen, alles wird untersucht." Grünflächen seien nur möglich mit Siedlungsanbindung. "Wir versuchen schon, Rücksicht auf die Nachbarn zu nehmen", versicherte der Amts-Chef. "Aber mangels ausreichend vorhandener Flächen ist das leider nicht immer möglich."

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Auf der Grünfläche an der Servetstraße ist laut aktuellem Standortbeschluss eine Unterkunft für rund 290 Schutzsuchende vorgesehen. Ein Modulbaukomplex in Holzständerbauweise mit Holzverkleidung, maximal zehn Meter hoch, mit einem Abstand von 30 Metern zu den Nachbargebäuden. Und mit einer 24-Stunden-Betreuung, fünf Vollzeitstellen sind dafür einkalkuliert. Laufzeit des Hauses "aus Kostengründen": zehn Jahre. "Die Höhe werden wir uns allerdings nochmal genauer anschauen", betonte Mayer. "Vielleicht machen wir statt Erdgeschoss und zwei weiteren Stockwerken nur ein Obergeschoss."

Die Nutzung der Wiese an sich aber sei aufgrund des Drucks, die Menschen unterbringen zu müssen, "unausweichlich". Vom Stadtteilgremium und Bürgern bereits vorgeschlagene Alternativstandorte am Allacher Friedhof, bei Krauss-Maffei oder auf dem Areal des ehemaligen Allacher Sommerbads habe man bereits geprüft, sagt Mayer, sie kämen allesamt nicht in Frage. "Entweder fehlt die Siedlungsanbindung, die Immissionen sind zu hoch oder es sind, wie beim Bad, Naherholungs- und damit Tabu-Zonen."

Viele Allacher dagegen fragen sich, ob bei all dem auch die Umweltauswirkungen mit begutachtet wurden? "Diese Fläche an der Servetstraße ist ungeeignet, Allach glüht jetzt schon", begründete der Sprecher der Initiative, Peter Ziegler, die Kritik an dem städtischen Vorhaben. An die Politik gewandt fragte er: "Werden Sie den Bürgerentscheid Grünflächenerhalt akzeptieren - oder wollen Sie diese Stadt weiter verbrennen?"

Nicht alle Redebeiträge blieben in der BA-Sitzung sachbezogen

Ausgerechnet während der Sanierung des Allacher Tunnels, in dessen Phase beim Verkehr besonders viel auf das Viertel zukomme, argumentierte eine direkte Nachbarin der Wiese, solle diese Frischluftschneise nun auch noch zugebaut werden. "Deshalb fordern wir Schadstoffmessungen auf der Mariensäule an der Eversbuschstraße." Andere verwiesen auf die "Wohnqualität" und die "Interessen der Anwohner", die es zu erhalten gelte. Das Ganze, erklärte Mayer, sei ein "klassischer Zielkonflikt: Wir müssen die Nutzung der Grünfläche mit der Unterbringung für die Geflüchteten abwägen".

Sachbezogen blieben nicht alle Redebeiträge. Der Rückbau sei "eine Märchenstunde", meinte eine Anliegerin unter Beifallsbekundungen, auch müsse die "Zuweisungsquote überprüft" werden. Schließlich fragte sie auch noch provokativ, ob "bei uns wie in Ostdeutschland erst eine Flüchtlingsunterkunft brennen muss", bis die Politik reagiere. Es kam zu tumultartigen Szenen, Befürworter der Unterkunft werteten den Satz als Drohung, woraufhin AfD-Stadtrat Daniel Stanke ihnen wiederum mit strafrechtlicher Verfolgung wegen Beleidigung drohte.

Eine Gruppe warf "der Allacher Bürgerschaft" vor, den Grünschutz nur vorzutäuschen, in Wahrheit aber die Asylsuchenden abzulehnen. Weil sich eine Teilnehmerin dieser Gruppe wiederholt lautstark echauffierte, verwies Gremiumschef Pascal Fuckerieder (SPD) sie nach mehrfacher Zurechtweisung des Saales - um wieder Ruhe einkehren zu lassen. Dass der Vorsitzende angesichts des Besucherandrangs anfangs eine Redezeit von zwei Minuten vorgeschlagen hatte, wurde ihm von einem Allacher als "undemokratischer Taschenspielertrick" angekreidet.

"Einer unser Kritikpunkte ist, dass uns Politik und Verwaltung komplett ignorieren", monierte Bürgerinitiativen-Sprecher Ziegler. Die Bürgerinitiative hat einen vierseitigen, kleingedruckten Fragenkatalog formuliert, der bislang nicht beantwortet wurde. Stadträtin Anna Hanusch (Grüne) versprach, die Infos zu liefern und die Einwände zu prüfen. Bis zum entscheidenden Finanzierungs- und Umsetzungsbeschluss im September aber liefen die Planungen weiter. "Wir sind in sehr schwierigen Abstimmungsprozessen, die wir uns sicher nicht leicht machen", betonte sie. "Eine so große Kommune wie München kann sich bei der Frage der Unterbringung von Flüchtlingen auch nicht einfach wegducken."

Derzeit ist vorgesehen, mit dem Bau des Hauses an der Servetstraße Mitte 2024 zu beginnen, sodass die Bewohner ein Jahr später einziehen können. Die Bürgerinitiative kündigte ein Bürgerbegehren gegen das Vorhaben an.

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