Süddeutsche Zeitung

Alkoholmissbrauch:Vorsicht, hier ist Bier drin!

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Die Promillegrenzen sollen gesenkt, Behältnisse mit Warnhinweisen versehen werden - Brauer und Wirte laufen dagegen Sturm.

Astrid Becker

Kurz vor Wiesnbeginn laufen Brauer, Wirte und Händler Sturm: Die Bundesregierung plant massive Maßnahmen gegen den Konsum von Alkohol jeglicher Art. Ziel des vom Drogen- und Suchtrat entwickelten "nationalen Aktionsprogramms zur Alkoholprävention" ist es, den durchschnittlichen Konsum der Bevölkerung zu senken. Die einschlägigen Interessenverbände sehen darin jedoch keine Lösung des Missbrauchsproblems. Auch der bayerische Gesundheitsminister Ottmar Bernhard lehnt die Pläne entschieden ab.

Bereits am 15. September sollen im Rahmen einer Anhörung in Berlin die Empfehlungen des Drogen- und Suchtrates für dieses Programm diskutiert werden. Vorgesehen ist darin, den derzeit durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum von Reinalkohol von rund zehn auf acht Liter im Jahr zu reduzieren. Um dies zu erreichen, soll die Promillegrenze von derzeit 0,5 schrittweise abgesenkt werden: auf zunächst 0,2 und dann, langfristig, auf null Promille.

Zudem soll jegliche Werbung für Alkohol ebenso wie Sponsoringmaßnahmen der Alkoholindustrie, zum Beispiel wie die der Paulaner-Brauerei für den FC Bayern oder auch für kleine Vereine auf dem Land, verboten werden.

Wiesn-Maßkrüge mit Warnhinweisen

Empfohlen wird außerdem, dass, wie auf den Zigarettenschachteln, sämtliche Behältnisse für alkoholische Getränke mit Warnhinweisen versehen werden müssen. Sollte die Bundesregierung dem folgen, müssten demnach künftig auch auf Wiesn-Maßkrügen entsprechende Aufschriften stehen.

Ferner ist davon auszugehen, dass nicht nur die Preise für Wein oder Schnaps, sondern auch fürs Bier hierzulande explodieren werden. Denn der Drogenrat fordert eine "Harmonisierung" der Steuersätze für Alkohol auf EU-Ebene - was angesichts weitaus höherer Steuersätze beispielsweise in Norwegen (etwa 200 Euro pro Hektoliter Bier mehr als in Deutschland) nichts anderes bedeutet, als dass sämtliche alkoholischen Getränke hierzulande wesentlich teurer würden. Zudem sollen, ähnlich wie in Amerika, Verkaufsstellen und -zeiten für Alkohol reduziert werden.

Für Wiesnwirte-Sprecher Toni Roiderer "unmöglich und unnötig": "Wir haben in Bayern, dem Tourismusland Nummer eins, eine gewachsene Tradition. Wir trinken zu den Weißwürsten nun mal kein Mineralwasser." Er hält die bestehende Gesetzeslage für ausreichend: "Wenn das so weitergeht, müssen wir in fünf Jahren zum Lachen ins Ausland fahren - gegen dieses Alkoholverbot muss man sich noch mehr wehren als gegen ein striktes Rauchverbot."

"Hier braucht es mehr Augenmaß"

Der Bayerische Brauerbund, die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, die Industrie- und Handelskammer, der Hotel- und Gaststättenverband und der bayerische Einzelhandel haben damit bereits begonnen und das Aktionsprogramm scharf kritisiert. Alkoholmissbrauch könne nicht wirksam durch die Senkung des Durchschnittskonsums bekämpft werden. Der Alkoholkonsum sei bereits seit der Wiedervereinigung um 20,1 Prozent gesunken, der Missbrauch, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, jedoch größer geworden.

Damit sei der überwiegende Teil der Bevölkerung zwar am Konsum beteiligt, aber nur ein kleiner für den Missbrauch verantwortlich. Es könne nicht sein, dass die Mehrheit den Alkohol maßvoll genieße, aber trotzdem durch alkoholpolitische Maßnahmen, die sich gegen eine Minderheit richten sollten, mitbestraft werde.

Ähnlich sieht dies auch Gesundheitsminister Otmar Bernhard. Mit einem "überzogenen Feldzug gegen jegliche Form von Alkoholkonsum" sei dem Phänomen Komasaufen nicht beizukommen, so der Minister. Jugendliche müssten lernen, mit Alkohol verantwortungsvoll umzugehen. In Bayern gebe es bereits wirkungsvolle Präventiv-Projekte: "Bei der Drogenbeauftragten des Bundes, Sabine Bätzing, hat man den Eindruck, dass sie Alkohol und nicht Alkoholmissbrauch bekämpfen will", sagt er. Das Programm sei daher kontraproduktiv: "Hier braucht es mehr Augenmaß. Es kann nicht um ein Glas Bier oder Wein gehen."

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SZ vom 11.09.2008/af
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