Alkoholleichen auf dem Oktoberfest:Bis zum Umfallen

Notaufnahme des Klinikums der Universität München

Für Ärzte sind Alkoholvergiftungen keine anspruchsvollen Fälle. Wenn der Patient aber keine Reaktion mehr zeigt, kann es durchaus gefährlich werden.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Was macht der Alkohol mit den Menschen? Geht es einem Oktoberfest-Besucher richtig schlecht, bringen ihn Sanitäter in die Notaufnahme der Medizinischen Klinik. Selbst für hartgesottene Krankenschwestern ist das, was sie dort mit den Betrunkenen erleben, oft zu viel.

Von Stephan Handel

Die Krankenschwester hat gewiss schon viel gesehen in ihrem Berufsleben, aber wenn sie an den vergangenen Donnerstag denkt, dann reicht es ihr immer noch. Sie hatten extra alles vorbereitet, Eimer hingestellt, Putzzeug bereitgelegt - doch was die vier Patienten dann veranstaltet haben, das ist sogar ihr zu viel geworden. Alle Arten von Körperausscheidungen landeten in den Eimern - oft genug auch daneben -, der Australier zog sich die Infusionsnadeln aus der Vene und saute alles voll mit seinem Blut. Als die Nacht vorbei war, wunderte sich die Schwester wieder einmal, was der Alkohol macht mit den Menschen.

Jetzt ist es gerade noch recht ruhig in der Notaufnahme der Medizinischen Klinik in der Ziemssenstraße, Luftlinie nicht einmal zwei Kilometer zur Theresenwiese: Mittwoch, kurz vor 20 Uhr, da wird es noch dauern bis zum ersten Andrang. In der Notaufnahme landen all jene, die es gar zu sehr übertrieben haben mit dem Wiesn-bier - bei denen es nicht mehr reicht, sie nur irgendwo ihren Rausch ausschlafen zu lassen. Die sich im wahrsten Sinne des Wortes bewusstlos gesoffen haben.

"Medizinisch ist das nicht sehr anspruchsvoll", sagt Markus Wörnle, der Leiter der Notaufnahme. "Die größte Herausforderung ist die Logistik." Die Alkoholleichen werden auf der Wiesn eingesammelt und zunächst zur Sanitätsstation im Behördenhof gebracht. Dort beurteilen Notärzte den Zustand der Patienten: Ist es wirklich nur das Bier, gegen das es kein Medikament gibt als die Zeit? Dann werden sie am Ort auf Liegen gepackt zum Ausschlafen.

Oder steckt eine andere Krankheit dahinter? Ist die Alkoholvergiftung so schlimm, dass der Patient ärztlich überwacht werden muss? "Wenn er nicht mehr erweckbar ist, keine Reflexe und Reaktionen mehr zeigt, dann kann es gefährlich werden", sagt Wörnle. "Allein schon durch das Risiko des Aspirierens, also des Einatmen von Erbrochenem." Diese Klienten bringt der Sanka dann in die Ziemssenstraße.

Vier Behandlungsplätze gibt es in der Notaufnahme. Wenn die nicht mehr reichen, wird ein Stockwerk höher ein Krankensaal zum Ausnüchterungsraum umgebaut. Etwa zehn Patienten werden pro Tag angeliefert - mit Spitzen am Wochenende, erstaunlicherweise aber auch an den Mittwochen, auch wenn nicht, wie in dieser Woche, ein Feiertag die Erklärung liefert für erhöhten Andrang.

Die Patienten sind im Durchschnitt 20 Jahre alt, der Promillewert liegt deutlich über zwei - aber nicht immer: Ein 18-Jähriger zeigte alle Anzeichen eines schweren Rausches, die Blutprobe ergab aber nur 0,68 Promille, ein Wert, bei dem für andere der Durst erst anfängt. Der junge Mann hatte die erste Maß seines Lebens getrunken, weil er Alkohol nicht gewöhnt war, hatte das für ihn gereicht.

Manchmal allerdings geschieht die Überraschung auch andersrum: Ein älterer Herr war bewusstlos aufgefunden worden. Die Ärzte tippten auf einen Herzinfarkt - aber nichts davon: Der Mann war schwerst betrunken, vom übermäßigen Genuss des Wiesnbiers hatten ihn auch seine beiden Enkel, sechs und vier Jahre alt, nicht abgehalten, die nun etwas ratlos herumstanden, bis die Eltern sie abholten.

Ein großes Problem, sagt Markus Wörnle, ist die wachsende Zahl der After-Wiesn-Partys: Zum einen hören die Leute nicht mit dem Trinken auf, wenn die Zelte schließen - zum anderen fehlt dann die Filterfunktion der Wiesnärzte. Am vergangenen Wochenende kam die letzte Patientin um 6.30 Uhr an, sie war auf dem Parkplatz vor dem P1 gefunden worden, mit 2,6 Promille. Sie war mehr oder weniger bewegungsunfähig, was nicht immer so ist: Ein Patient wehrte sich gegen die Behandlung, taumelte durch den Raum und beschädigte dabei ein Ultraschallgerät, Wert 35.000 Euro.

"In Deeskalation geschult"

Während der Wiesn gibt es auch die ansonsten nicht nötige Einrichtung der Putzbereitschaft, denn der alkoholbedingte Kontrollverlust betrifft ja oft alle möglichen Körperöffnungen. Wenn jemand renitent wird, dann stehen zwei Security-Mitarbeiter bereit, und die Polizei ist im Verteidigungsfall auch schnell da. "Die Mitarbeiter sind aber auch in Deeskalation geschult", sagt Markus Wörnle. "Das Motto ist: Bevor ich umfalle, fällt lieber der Patient um."

Den Australier aus dem Ausnüchterungsraum wurden sie am nächsten Tag dann doch nicht so schnell los, wie sie gehofft hatten: Zwar fanden sie im Handy die Nummer des Bruders und riefen ihn an - der meinte jedoch, es gehe ihm nicht so gut, er sei ja auf der Wiesn gewesen. Seinen Bruder werde er dann morgen holen.

© SZ vom 04.10.2013/segi
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