Kinderbuchautor Ali MitgutschWer war der Erfinder der Wimmelbücher?

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Sein Look hatte etwas Ikonisches: Ali Mitgutsch zeigte sich in seinen späteren Lebensjahren nie anders als mit orientalischer Mütze auf dem Kopf, dazu sein weißer Walrossbart.
Sein Look hatte etwas Ikonisches: Ali Mitgutsch zeigte sich in seinen späteren Lebensjahren nie anders als mit orientalischer Mütze auf dem Kopf, dazu sein weißer Walrossbart.
Stephan Rumpf

Als Schuljunge litt er unter Demütigungen, als Erfinder der Wimmelbücher machte Ali Mitgutsch später Millionen Kinder glücklich: Erinnerungen an einen Künstler, der jetzt mit einer Ausstellung in München gewürdigt wird.

Von Barbara Hordych

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Seine eigene Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit war von Hunger, Vertreibung und Demütigungen geprägt. Dennoch schenkte er als Erwachsener Kindern eine leuchtend bunte Alltagswelt: Ali Mitgutsch hat als Erfinder der großformatigen Wimmelbücher zu Stadt, Land, Gebirge und Wasser mehrere Generationen durch ihre Kindheit begleitet. Seine Bücher mit den zahlreichen, detailliert gezeichneten Gemeinschaftsszenen, in die man beim Betrachten regelrecht hineinknien kann, sind seit 50 Jahren Klassiker, die sich weltweit acht Millionen Mal verkauft haben. Es sind Bücher ohne Texte, die nie auserzählt sind.

Seine eigenen drei Kinder mussten nach seinem Tod im Jahr 2022 jedoch erst einmal mehrere Prozesse gewinnen, um den an verschiedenen Orten verstreuten Nachlass ihres weltberühmten Vaters in einem Archiv zusammenzuführen. Aus dem jetzt Christiane Raabe schöpfen konnte als Kuratorin der ersten umfassenden Werkschau „Augen auf! Ali Mitgutsch und das große Gewimmel“ in der Internationalen Jugendbibliothek.

In seinem Wimmelbuch-Erstling „Rundherum in meiner Stadt“ zeichnete Ali Mitgutsch sich und seine Frau Karin auf einem Tandem im Park.
In seinem Wimmelbuch-Erstling „Rundherum in meiner Stadt“ zeichnete Ali Mitgutsch sich und seine Frau Karin auf einem Tandem im Park.
Illustration: Ali Mitgutsch

„Durch Leiden und Mitleiden“ sei seine humorvolle, warme und immer zutiefst menschliche Sicht auf die Welt und die kleinen Missgeschicke zwischen ihren Bewohnern entstanden, sagte Mitgutsch einmal bei einem Besuch vor elf Jahren in seiner Wohnung in der Türkenstraße. Die 200 Quadratmeter große Wohnung lag im vierten Stock eines Schwabinger Altbaus. Sie offenbarte ein Gewusel von Reiseandenken, Tüchern, Pinseln und Papieren in Wohn- und Arbeitszimmer.

In der Küche dann servierte der Künstler den Besuchern eine Tasse Tee. Und er zeigte, womit er beschäftigt war: in seinen späten Lebensjahren zumeist mit dem Bau kleiner hölzerner Guckkästen, die er selbst seine „Traumkästen“ nannte. Dioramen, in denen er seine auf Reisen gefundenen Schätze zu kleinen Geschichten für Erwachsene arrangierte.

Leiden war aber nicht unbedingt die erste Assoziation, die man als Gegenüber von Mitgutsch hatte. Der rüstige Herr trug wie immer sein orientalisches Mützchen auf dem buschigen Haupthaar, der weiße Walrossbart wackelte bei jedem seiner Worte. Doch Mitgutsch machte nie einen Hehl aus seiner von Armut geprägten Kindheit mit dem autoritären und verbitterten Vater und der tief religiösen Mutter. „Sie nahm uns Kinder auf Wallfahrten mit, unterhielt uns mit unglaublich bildhaft erzählten, gruseligen Heiligengeschichten mit oft qualvollen Toden“. Einmal gab es eine Geschichte, in der jemand nur zum Schein gestorben war, erinnerte sich Mitgutsch. Von da an hatten seine Schwester und er den Schlüssel, diese schlimmen Erzählungen abzuändern. „Gell, der war nur scheintot?“, bettelten sie die Mutter an. Und sie habe sich darauf eingelassen. Es gab zwar „keine heile, aber eine heilbare Welt“, sagte Mitgutsch rückblickend über diese Erfahrung.

Im letzten Kriegswinter dann die schmerzhafte Zäsur. Weil sie in der Maxvorstadt ausgebombt waren, wurden der damals neunjährige Ali, seine Mutter und die beiden älteren Schwestern in ein kleines Dorf im Allgäu in Sicherheit gebracht. Was wie der Auftakt einer idyllischen Lebensphase klingt, entwickelte sich für den eher schmächtigen, schwarz gelockten, zur „Träumerei“ neigenden Jungen zur Tortur. Er litt an Legasthenie, wurde von einem sadistischen Lehrer drangsaliert, von den Dorfkindern gehänselt und geschlagen, fühlte sich fremd und war ausgestoßen. Es sei sehr ungewöhnlich, dass er diese Episoden seelisch und körperlich gut und ohne Verbitterung überstanden habe, attestierte ihm ein befreundeter Psychiater Jahrzehnte später.

Die IJB-Direktorin will jetzt den künstlerischen Weg Ali Mitgutschs durch seine Biografie greifbar machen. „Ich erkenne in seinen frühen Büchern sehr deutlich die Verarbeitung seiner Kindheitserlebnisse“, sagt Raabe. In „Nico findet einen Schatz“ (1960) und „Kraxenflori“ (1963) gestaltete Mitgutsch Geschichten von Außenseitern, die auf wunderbare Weise Abenteuer bestehen und nach ihrer Rückkehr, beladen mit Geschenken, von der Gemeinschaft willkommen geheißen werden. Im Rucksack des Bauernjungen Kraxenflori befinden sich bezeichnenderweise keine Lebensmittel. Er verkauft Heiligenbilder. Der Gedanke an die Wallfahrten mit Mitschutschs Mutter liegt nahe. Die ihren kleinen Sohn Alfons übrigens „Ali“ rief, weil er sie an Ali Baba aus 1001 Nacht erinnerte.

Allgemein gilt das Jahr 1968, in dem „Rundherum in meiner Stadt“ erschien, als der Startschuss für die Wimmelbücher.  Mitgutsch selbst hat oft erzählt, dass der fortschrittliche Kinderpsychologe Kurt Seelmann, Direktor des Münchner Stadtjugendamts, Anfang der 1960er-Jahren den Anstoß für diese großformatigen Kinderbücher gegeben hätte. „Er wünschte sich Bilder, auf denen ganz viel drauf ist und mit denen Kinder das Erzählen üben konnten“, sagte Mitgutsch. Was passiert da, was geschieht gleich und warum? Das konnten sie sich und andere fragen. Doch blättert man in den von Mitgutsch zuvor veröffentlichten Büchern, wird klar, dass er schon früh eine ausgeprägte Vorliebe für kleine, sich selbst erzählende Szenen hatte.

Schon im Leporello „Strom und Straße“ von 1961 malte Mitgutsch kleine, sich selbst erzählende Szenen.
Schon im Leporello „Strom und Straße“ von 1961 malte Mitgutsch kleine, sich selbst erzählende Szenen.
Illustration: Ali Mitgutsch

Seine späteren Wimmel-Szenen lassen etwa das Leporello „Strom und Straße“ von 1961 bereits erahnen, in dem Münchner Häuser in ganzer Bandbreite an einem vorüberziehen; da bohrt ein Straßenarbeiter mit einem Presslufthammer den Boden auf, etwas weiter geraten ein Lieferant und ein Autofahrer aneinander, während ein Polizist angelaufen kommt.

Nach dem ersten Wimmelbuch war die Begeisterung und Nachfrage so groß, dass Mitgutsch immer weitere schuf. Das Besondere an ihnen: Es gibt darin keine autoritäre Betrachtungsperspektive, alles passiert neben-, nicht hintereinander. Jede Doppelseite enthält ein Panorama von Einzelszenen, in die man sich versenken kann. Es sind gesammelte Augenblicke von Interaktionen, zwischen Kindern, Familien, Tieren und Passanten. Da wird gespielt, geradelt, gepicknickt oder gerangelt, da passieren Missgeschicke, etwa wenn beim Stolpern Einkäufe zu Boden purzeln oder eine Eiskugel aus der Waffel rutscht.

Es sind Szenen aus der alltäglichen, aber keineswegs „heilen Welt“. „Wer das sagt, hat nicht genau hingeschaut“, sagt Raabe. Geht es um die Stadt, ist da sofort der Bauplatz. Klar, ein faszinierender Anblick mit riesigen Maschinen und tiefen Gruben. Aber da ist auch ein altes Paar, das inmitten dieser Geschäftigkeit verloren vor seinem Häuschen steht, das offensichtlich abgerissen werden soll. „Er hat die Entwicklung der Wirtschaftswunderzeit auch kritisch betrachtet, sich in der Bürgerinitiative gegen Immobilienwucher engagiert“, sagt Raabe. Und weist auf ein Foto, das den noch dunkelhaarigen Mitgutsch mit einem Megafon bei einer Protestkundgebung zeigt.

In einer Bürgerinitiative protestierte Ali Mitgutsch (Mitte mit Megafon) gegen den Immobilienwucher in den Stadtteilen Schwabing und Maxvortadt.
In einer Bürgerinitiative protestierte Ali Mitgutsch (Mitte mit Megafon) gegen den Immobilienwucher in den Stadtteilen Schwabing und Maxvortadt.
Foto: Familie Mitgutsch

Er hatte die Veränderungen in Schwabing und der Maxvorstadt über Jahrzehnte direkt vor Augen. Seiner den Menschen und den Kindern zugewandten Art entsprach es auch, dass er über viele Jahre hinweg immer im Juli bei den Ateliertagen seine Wohnung für Besucher öffnete. Anfangs war er regelrecht erstaunt über den nicht abreißenden Strom von interessierten Büchermenschen, die durch seine Flure zogen.

Wie aber wurde aus dem schüchternen Jungen, der sich ganz in seine Fantasiewelt zurückgezogen hatte, der weltberühmte Bilderbuchkünstler? Nach dem Krieg zurückgekehrt nach München, beendete er zunächst einmal die Schule so schnell wie möglich. Eine Lithografenlehre brach er bald ab. Weil sich schon damals sein Talent fürs Zeichnen herauskristallisiert hatte, entschied er sich für ein Studium an der graphischen Akademie in München. „Geholfen hat mir auf diesem Weg, dass ich zu meiner Verwunderung irgendwann bemerkte, dass ich trotz meines geringen Selbstbewusstseins bei den Mädchen gut ankam“, erzählte er seinerzeit in seiner Küche verschmitzt in sich hinein schmunzelnd.

Er war eher schüchtern und verträumt, stellte aber irgendwann zu seiner Verwunderung fest, dass er bei den Mädchen gut ankam.
Er war eher schüchtern und verträumt, stellte aber irgendwann zu seiner Verwunderung fest, dass er bei den Mädchen gut ankam.
Foto: Familie Mitgutsch

Betrachtet man heute Fotos aus dieser Zeit, begegnet man einem großen, schlaksigen und gut aussehenden jungen Mann. Der seine Lust am Abenteuer auf gemeinsamen Reisen mit seinem besten Freund Wolfgang de Haen auslebte, mit der Vespa oder der Isetta ging es nach Italien, Frankreich, Spanien und Marokko. In jedem Jahr eine Reise von zwei, drei Monaten. Das behielt er auch bei, als er seine Frau Karin kennenlernte, mit der er die Tochter und die beiden Söhne bekam, die nun seinen Nachlass verwalten.

Ob auf dem Rad, mit der Vespa oder der Isetta: Reisen war über Jahrzehnte eine große Leidenschaft von Ali Mitgutsch.
Ob auf dem Rad, mit der Vespa oder der Isetta: Reisen war über Jahrzehnte eine große Leidenschaft von Ali Mitgutsch.
Foto: Familie Mitgutsch

Auch wenn Mitgutsch wie ein Beatnik auf den Fotos posiert, als Ehemann verhielt er sich konventionell. „Er erwartete von seiner Frau, dass sie sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte, natürlich auch während seiner Abenteuerreisen“. Auf der Doppelseite „Im Park“ in seinem Wimmel-Erstling „Rundherum in meiner Stadt“ zeichnete er sich und seine Karin fröhlich auf einem Tandem radelnd. Nach 30 Jahren Ehe verließ seine Frau jedoch das Tandem endgültig.

Zurück blieb ein Ali Baba, der seinen inneren Schatz gehoben und mit seinen kleinen Fans geteilt hat. Für sich selbst baute er Traumkästen, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein werden. Vielleicht auch dasjenige, in dem ein Herz von mehreren Seilen umspannt ist. Titel: Stabilisierung einer Beziehung.

Augen auf! Ali Mitgutsch und das große Gewimmel, 16. September bis 21. März 2027, Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg

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