Nach der Frage „Are you ready?“ und einem lyrischen Vorspiel geht es los. Mit „The Final Countdown“ zum Mitklatschen, gefolgt von „Besame Mucho“ zum Mitsingen.
Man kann nicht behaupten, der Pianist Alfredo Rodriguez hätte Berührungsängste zu Gassenhauern. Nein, sein Konzert im Prinzregententheater ist ein einziger, mit Clave-Rhythmik gepflasterter Roadtrip zu den Hits quer durch die Musik- und Stilgeschichte, von Beethoven über „Oye Como Va“ bis zu Michael Jacksons „Thriller“. Was Bradlee Scott mit seinem Kollektiv Postmodern Jukebox macht, das macht Rodriguez im Trio mit dem Bassisten Panagiotis Andreou und dem Schlagzeuger Michael Oliveira auf seine Weise.

Alfredo Rodríguez:„Jazz ist amerikanische Musik, die Musik des Feindes“
Vor 15 Jahren verließ der Jazzpianist Alfredo Rodríguez schweren Herzens seine Heimat Kuba. Ein Gespräch über Kunst ohne Freiheit, Heimweh – und die Wahlen in den USA.
Würde ein anderer „Für Elise“ mit „Guantanamera“ zusammenspannen, quasi ein Overkill der abgenudeldsten Stücke, dann hätte er verloren, zumindest bei der Kritik. Rodriguez aber kann das machen. Warum? Weil er über eine konkurrenzlose Spieltechnik verfügt, die den größten klassischen Virtuosen nicht nachsteht. Weil er zugleich die gestalterische Freiheit der größten Jazzer besitzt. Vor allem aber, weil er beides mit größter lateinamerikanischer Lässigkeit und ehrlichem Spaß an der Sache zusammenbringt. Ein Spaß, der sich schnell auf das Publikum überträgt.
„Bei mir lachen die Leute im Konzert, und sie weinen auch“, sagt Rodriguez. Letzteres zum Beispiel bei „Raices“, einem echten Schmachtfetzen, den er allen Migranten widmet. Verarbeitet er darin doch musikalisch seine Lebensgeschichte, die er vorher dem Publikum erzählt: Wie er 2006 in Montreux von Quincy Jones entdeckt wurde, der sein Mentor wurde; und wie er 2009 die harte Entscheidung traf, mit 24 seine Heimat und seine Familie zu verlassen, um in die USA zu gehen.
Seither macht er im Grunde das, was den Jazz und seine „Standards“ früher einmal definiert hat: Er nimmt populäres Material und macht etwas Eigenes, „Freies“ daraus. Jazz-Puristen mögen „Eigenkompositionen“ und die gewohnte Ernsthaftigkeit vermissen. Man sollte es aber nie gering schätzen, wenn bei komplexer Musik Hunderte euphorisierter Menschen vier Zugaben einfordern.

