Filmmusik von Moritz Eggert„Blackmail“ von Hitchcock neu vertont

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Für die Tonfassung des Filmes musste die aus Galizien stammende Schauspielerin Anny Ondra synchronisiert werden. Alfred Hitchcock (Mitte) ist hier zu sehen am Set von „Blackmail“.
Für die Tonfassung des Filmes musste die aus Galizien stammende Schauspielerin Anny Ondra synchronisiert werden. Alfred Hitchcock (Mitte) ist hier zu sehen am Set von „Blackmail“. (Foto: Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de)

„Blackmail“ war Alfred Hitchcocks letzter Stummfilm. Eine neue Filmmusik des Münchner Komponisten Moritz Eggert taucht tief in die Psyche der Figuren ein.

Von Klaus Kalchschmid

„Blackmail/Erpressung“ ist 1929 zugleich Alfred Hitchcocks letzter Stummfilm und sein erster Tonfilm, existiert also in zwei Fassungen. Für ersteren hat jetzt der Münchner Komponist Moritz Eggert eine neue Filmmusik komponiert, die 2023 in Coproduktion mit Arte von der Basel Sinfonietta unter Titus Engel uraufgeführt wurde und sich perfekt an die Filmbilder anpasst.

Zur Handlung: Eine junge Frau hat Krach mit ihrem Verlobten, einem Polizeibeamten, in einem Restaurant. Der verlässt sie verärgert. Daraufhin flirtet sie mit einem Maler, der sie mit nach Hause nimmt und versucht, sie zu vergewaltigen. Dabei tötet sie ihn mit einem Messer. Ausgerechnet ihr Verlobter wird mit dem Fall betraut. Er hat dasselbe Corpus delicti vom Tatort wie ein Mann, der jetzt als Erpresser auftritt: einen Handschuh der jungen Frau. Letzterer verliert den Kopf, weil man ihm suggeriert, dass auch er verdächtig sei, wenn er am Tatort war und flieht vor der Polizei über die Dächer des British Museums, wo er abstürzt. Die junge Frau will bei Scotland Yard ein Geständnis ablegen, gerät aber dort wieder an ihren Verlobten, der sie nach Hause bringt.

Eggert hält dieses Finale eines frühen Metoo-Films für das pessimistischste und dunkelste eines Hitchcockfilms: „Sie geht da diesen langen Gang entlang, wie zum Schafott, auch wenn ihr nichts passiert“. Denn Hitchcock hatte ursprünglich geplant, seinen Film mit der Verhaftung der Frau zu beenden, so bleibt das Ende offen.

Beim Komponieren hat sich Moritz Eggert an Bernhard Herrmann und dessen zahlreichen Filmmusiken für Hitchcock ein Vorbild genommen „und versucht“, wie der Komponist betont, „eine Musik zu schreiben, die zutiefst psychologisch ist und eine Einheit mit den Bildern eingeht. Das Innenleben der Charaktere soll überall dort zum Ausdruck gebracht werden, wo man ihre Worte nicht hört, gleichzeitig stellt die Musik aber auch mit klar erkennbaren Motiven als eigener Charakter eine Erweiterung der Bilder dar.

Überall dort, wo man tatsächlich merkt, dass Hitchcock der Ton gefehlt hat, wird meine Musik auch zur Klangkulisse, klingelt, klopft und hustet zum Beispiel.“ Man denke etwa an die tumultuöse Musik in einem überfüllten Lokal, die im Dialog am Tisch sich dagegen als ganz subtil erzählend erweist. Überhaupt passt sich die fast immer tonale Musik wie ein Chamäleon den Bildern an, schärft sich symphonisch, wie in der Mord-Szene, wird aber auch zwischendurch ganz kammermusikalisch, etwa mit der zentralen Verwendung eines Cymbaloms, und lädt das Vermeintlich harmlose Geplänkel von Alice mit dem Maler zunehmend mit Spannung auf noch bevor es zur Gewaltanwendung durch ihn kommt.

Eggert verwendet zum Teil ein vierteltönig verstimmtes Keyboard, ein Basssaxofon und eine Bassklarinette. Auch leitmotivische Bezüge gibt es: Eine bestimmte Akkordfolge etwa ist Scotland Yard gewidmet, es gibt ein Big-Ben-Motiv und ein Schicksalsmotiv, das immer wieder erklingt. Dabei vertraut Eggert, der schon zahlreiche Werke für das Musiktheater geschaffen hat, auch seinem diesbezüglichen Instinkt und folgt Hitchcock stets minutiös und originell die Musik in ihrer ganzen Palette verwendend.

Dunkel dräuende Streicher gibt es ebenso wie feine Flötentöne, schräge Tanzmusik, als Alice – wunderbar gespielt von Anny Ondra – beim Maler ein Ballkleid anzieht, um ihm Modell zu stehen, während im Hintergrund enervierend ein Holzstück klackt. Das vermeintliche Idyll eines Frühstücks bekommt die einzig passende ambivalente Musik, wird doch das Brotmesser in der Wahrnehmung durch Alice zur Tatwaffe, während der Mord von ihren Eltern thematisiert wird.

Als der Erpresser auftritt und sich zum Frühstück einlädt, wird die Musik entsprechend doppeldeutig, gibt sich zugleich ent- und gespannt, blüht melodisch auf und erstirbt immer wieder, zitiert gar die berühmten, gellenden Streicher-Staccati aus der Mordszene unter der Dusche in „Psycho“, als der Erpresser selbst zum Verdächtigen wird.

Alfred Hitchcock: Blackmail. Stummfilm mit Livemusik von Moritz Eggert (Uraufführung der Ensemble-Fassung), der/gelbe/klang, Schwere Reiter, 24. Oktober, 20 Uhr

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