Dieser Moment des Stutzens: Nach Monaten der Vorfreude tritt man durch die Türen der Isarphilharmonie und sieht, dass diese mit Zetteln beklebt sind. Eine ungute Vorahnung macht sich breit. Und tatsächlich – Martha Argerich kommt nicht. Die 84-jährige Pianistin war schon in München, musste aber ein paar Stunden vor Beginn ihr Konzert mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra wegen Krankheit absagen.
„Ich bin sicher, die meisten von Ihnen sind sehr enttäuscht – das wäre ich auch“, sagt Alexander Melnikov, der die Kollegin bewundernswert spontan vertritt. Und damit höchstens eine Handvoll Argerich-Ultras enttäuscht. Im Kopfsatz des Schumann-Klavierkonzerts entwickelt er ein wie improvisiert wirkendes Spiel aus dem Moment heraus, mit feiner Flexibilität im Tempo und subtil differenzierter Artikulation.
In engem Kontakt mit dem Orchester ergibt sich ein farbiges Klangbild, auch weil Melnikov weiß, sich im richtigen Moment zurückzunehmen, etwa in der As-Dur-Episode des ersten Satzes. Hier haucht Melnikov Arpeggien und schaut in bester Kammermusiker-Manier zur Klarinette, die ihr Solo gestaltet. Er passt auch deshalb gut zu den Rotterdamern, weil deren Chef Lahav Shani einen dichten, vollen Klang einfordert, der mit dem kühlen, gläsernen Anschlag Melnikovs spannungsreich kontrastiert.
Dass Melnikov im Finale ein paar Mal danebenhaut, stört keinen. Nicht nur, weil es an sich schon ein Wunder ist, quasi ohne Probenarbeit so eine Leistung zu erbringen. Sondern auch, weil das Konzept überzeugt mit seinem leichten, tänzerischen Parlando. Das auf die Bühne gerufene „Bravissimo“ nach dem Schlussakkord ist jedenfalls am Platz. Auch für Shanis umsichtiges Dirigat, das er in Beethovens „Eroica“ fortführt. Er setzt Akzente, wo es nötig ist – zum Beispiel im ersten Satz, dem er durch robuste, klangvolle Sforzati den immer drohenden Walzer-Charakter nimmt – aber er weiß auch, wann er das Orchester sich selbst überlassen kann.
Mit dieser Art des sanften Organisierens gelingen ihm ein packender Trauermarsch, ein leichtfüßiges Scherzo und ein mit Sinn für Beethovens Witz gewürztes, rasant aufgespieltes Finale. Man wird Lahav Shani, der das Orchester seit 2018 leitet, in Rotterdam vermissen. Und die Münchner freuen sich auf ihn, wenn er von der kommenden Spielzeit an Chef ihrer Philharmoniker wird. Sie zeigen es schon jetzt, mit warmem, langem Applaus, den die Rotterdamer mit Brahms’ fünftem Ungarischem Tanz kontern.

