„Die Wettbewerbsjury in Venedig: begeistert“. „Das Kinopublikum in Deutschland: irritiert“. So in etwa könnte man die Reaktionen auf Alexander Kluges zweiten Spielfilm zusammenfassen: „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ lief im September 1968 bei den Filmfestspielen in Venedig und wurde mit dem Goldenen Löwen als bester Film des Wettbewerbs ausgezeichnet. (Was in den vielen Jahren danach nur noch zwei Deutschen gelang: Margarethe von Trotta und Wim Wenders.) Als Kluges Film regulär in den deutschen Kinos anlief, waren einige Zuschauer ähnlich ratlos wie die titelgebenden Artisten: Er folgt keinem klassischen Plot, sondern baut auf einen Dialog mit den Menschen vor der Leinwand, setzt auf deren geistige Beteiligung.
Der spätere Film- und Fernsehstar Hannelore Hoger spielte in einer ihrer ersten Filmrollen die Tochter eines in der Manege verunglückten Zirkusartisten, die den Betrieb als Reformzirkus neu aufstellen will und „Fantasie statt Leistung“ einfordert. Alexander Kluge reflektierte damit die politische Lage der späten 1960er-Jahre, die Studentenunruhen – und die Lage der deutschen Jungfilmer. Er selbst hatte ein paar Jahre zuvor das Oberhausener Manifest initiiert („Papas Kino ist tot“) und galt als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films.
Am 25. März ist Alexander Kluge im Alter von 94 Jahren gestorben. Das Filmmuseum München, in dem er selbst oft zu Gast war, ehrt ihn am 9. April im Rahmen einer Open Scene. Neben seinen „Artisten“ werden zwei seiner sogenannten Fake-Interviews aus den Jahren 2004 („Freiheit für die Konsonanten“) und 2007 („Der Abschrecker“, mit Helge Schneider) aufgeführt.
Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos, D 1968, Regie und Buch: Alexander Kluge. Donnerstag, 9. April, 19 Uhr, Filmmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1

