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Album "Perlentaucherin" von Claudia Koreck:Nach dicken Fischen angeln

Mundart-Popstar Claudia Koreck singt jetzt Hits von "Rammstein", "Die Ärzte" und Nena

Von Michael Zirnstein, Traunstein

Claudia Koreck nennt sich auf ihrem elften Album "Perlentaucherin". Nach zehn Platten mit eigenen Songs knackt sie die Austern anderer Songwriter und zieht deren Glitzerkugeln auf ihre eigene Schnur auf. Nun könnte man angesichts dieser Hit-Kette von "Mensch" über "Du trägst keine Liebe in dir" bis "Gute Nacht Freunde" einwenden, allzu tief musste die Traunsteiner Liedermacherin den Kopf dabei nicht unter Wasser halten. Die zwölf Fundstücke von Rammstein, Sportfreunde Stiller, Westernhagen, Die Ärzte und anderen deutschsprachigen Kollegen dümpeln zwar gewiss nicht im seichten Pop-Gewässer, aber die meisten strahlen so groß, dass auch andere sie bereits für ihre Schatzkisten gehoben haben.

Das ist die Gefahr und die Chance beim Perlentauchen: Die schillerndsten Stücke muss man sich mit anderen teilen, sie ziehen aber auch viele Schaulustige an. So wie das Stück, das dieses Cover-Projekt startete: "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Koreck sang es neu für die Auftaktfolge der 14. Staffel des ZDF-Heimatserie "Der Bergdoktor" ein. Und weil das alte Neue-Deutsche-Welle-Stück von Nena einfach ein Denkmal von einem Liebeslied ist und weil Koreck es dennoch schaffte, dass die Leute nicht darüber hinweghörten, sondern es ganz neu bestaunten und vielleicht sogar beweinten, landete sie damit an der Spitze der durchaus aussagekräftigen "iTunes-Charts".

Claudia Koreck

Claudia Koreck sucht Wärme in der Corona-Kälte.

(Foto: Lena Semmelrogge)

Natürlich weckt so ein Erfolg Schatzgräberinstinkte, gerade bei Plattenfirmen wie in dem Fall der Electrola. Aber man darf Claudia Koreck glauben, dass es ihr vor allem um etwas anderes ging: etwas Selbstliebe und Trost in der Corona-Kälte. "Ich war schon auch frustriert. Wir konnten ja nicht mehr auftreten. Allein schon, um in Übung zu bleiben, habe ich begonnen, Songs von anderen Künstlern zu spielen. So habe ich die Freude an der Musik wiedergefunden." Musiker können nachempfinden, wie befreiend und tröstend es ist, sich in seinen Lieblingsliedern fallen zu lassen. Wenn sie beschreibt, was passierte, als sie sich zusammen mit ihrem multiinstrumental begabten Gatten und Produzenten Gunar Graewert im heimischen Studio die Stücke aneignete, tauchen Begriffe wie "ein Song meiner Jugend", "Emotionen wecken" und "wohlfühlen" auf. Claudia Korecks Zauberkraft ist es, den Hörer mit auf diese Gefühlsreise zu nehmen mit ihrer souligen Stimme. Kunstvoll, aber nie künstlich, genauso zurückhaltend verziert wie die leise Begleitung von Gitarre und Klavier und mit Bluenotes sanft in Moll getunkt, schenkt sie den Liedern ihre eigene Melancholie. Da hört man dann aus "Ein Kompliment" der Sportfreunde Stiller nicht nur Begeisterung für den Empfänger heraus, sondern auch eine verzweifelte Hingabe.

Die Gefahr ist, dass etwas vom Original verloren geht. Zwar hält man beim sonst gewaltigen "Ohne Dich" inne, erkennt die zarte Seite der grollenden Rammstein, aber so geht auch die unterschwellige Drohung verloren. Genauso wie die Blasiertheit als Parodie auf das einstige und heutige Jetset von Falco bei "Rock Me Amadeus". Es ist eben, obwohl erstmals durchgehend auf Hochdeutsch gesungen, ein Claudia-Koreck-Album - und damit ein niederschwelliger Einstieg für Bayern-Pop-Neulinge in das Gesamtwerk der 34-Jährigen, die auf Alben wie "Holodeck" oder dem aktuellen "Auf die Freiheit" weitaus facettenreicher schimmert.

Aber auch das ist ein Verdienst einer guten Cover-Platte wie dieser: Dass man angelockt wird wie vom Leuchtköder eines Anglerfisches und sich genussvoll einverleiben lässt von dem, was dick dahinter lauert. Nach Korecks Version der Selbstermächtigungs-Hymne "Ich will alles" wird man unweigerlich nach Gitte-Haenning- Youtube-Videos suchen. Und wer ihr "Und immer wieder geht die Sonne auf" gehört hat, wird dem übergroßen Udo Jürgens noch etwas näher kommen und so viel Tränen weinen, dass der Pop-Ozean ein wenig tiefer wird.

© SZ vom 08.05.2021
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