Album und Konzert:Neue Songs der Hexenmeisterin

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Auf Frank Zappas Spuren verpasst Monika Roscher ihrem Orchester einen schillernden Mix zwischen Jazz, Rock und Indie-Pop. (Foto: Emanuel Klempa)

Monika Roscher veröffentlicht mit ihrer Big Band nach sieben Jahren wieder ein neues Album. Im Ampere stellt sie "Witchy Activities And The Maple Death" als Bühnengesamtkunstwerk vor.

Von Oliver Hochkeppel

Das Album hätte vielleicht auch einfach wie der dritte Song darauf heißen können: "Witches Brew". Nicht nur, weil das eine lustige Miles-Davis-Anspielung gewesen wäre ("Bitches Brew" ist ja eines seiner berühmtesten Alben), sondern weil dieses orchestrale Gebräu der Monika Roscher Bigband den Hörer wirklich verhext.

Dass sich Roscher zudem viel mit dem Thema Hexerei beschäftigt und davon inspirieren hat lassen, kommt freilich auch beim eigentlichen Titel zum Ausdruck: "Witchy Activities And The Maple Death". Es ist das dritte Album ihrer 2011 gegründeten und speziell zwischen 2012 und 2016 schwer gehypten und mit allerlei Preisen bedachten Big Band - und das erste seit sieben Jahren.

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"Stückeschreiben braucht bei mir länger", erklärt Roscher, "ich steige mehrere Wochen oder Monate in Themen ein, die mich interessieren, mache mir zu jedem Stück viele Gedanken und probiere alle Wege aus, die sich herausschälen. Vieles verwerfe ich wieder, aber ich arbeite so lange daran, bis es ganz fertig ist." Eine Mühe, die auf dem neuen Album zuerst dem Thema Hexen galt: "Am Anfang stand eine Ansammlung eigentümlicher Zufälle - beim Pilzesammeln, bei einer Wanderung. Eindeutig zu viel Hexiges in kurzer Zeit. Ich fing an, alles zum Thema Hexen zu lesen, was mir in die Finger kam. Zu guten und bösen Hexen, Zauberei, Geistergeschichten, Seherinnen, Heilerinnen - aber auch zur Idee von Freiheit, die alles umrankt. Von psychedelischen Pflanzen kam ich bis zum Feminismus. Ich wollte alle möglichen Facetten des Hexendaseins ausloten und in meinem Stück zusammenführen, um am Ende alle Hexen wieder auferstehen zu lassen!"

Eine sechsteilige Suite im Zentrum des Albums ergab das. Danach geht es freilich auch noch um Prinzessinnen, Feuervögel, die Rache der Pik-Dame oder einen - vergleichsweise fröhlich und optimistisch klingenden - Vorgeschmack auf die KI-Apokalypse. "Creatures Of The Dawn" ist "mein gescheiterter Versuch, einen James-Bond-Song zu schreiben. Ich bin da irgendwo falsch abgebogen." Und mit dem finalen, von Seglern und Seglerinnen wie Boris Herrmann, Tracy Edwards oder Donald Crowhurst inspirierten "Unbewegte Sternenmeere" erklingt der überhaupt erste Roscher-Song mit deutschem Text.

"Mir geht es um die größtmögliche Freiheit."

Allein schon die Beschreibung dieser Themen regt die Fantasie an, ihre Umsetzung ergibt auch diesmal wieder Musik, die man von einer Big Band noch nicht gehört hat. Hochkomplexe Arrangements wechseln ab mit minimalistischen Strukturen, zerbrechliche Impressionen mit sinfonischer Wucht, die Schönheit von Bläsern und Streichern mit der Spröde von E-Gitarre und Electronics. Es gibt durch Gitarreneffektpedale gejagte Trompeten-, wilde Posaunen- und ein Didgeridoo-Soli, bei "Starlight Nightcrash" ist der kaputte Klang eines alten Yamaha-Keboards der musikalische Schlüssel des Stücks. Viele Zutaten, viele neu. Nicht ohne Grund glaubt man, hier zusätzlich zu Roschers bekannten Vorlieben zum Indie-Pop (vor allem beim Gesang) und Hardrock (vor allem bei der Gitarre) noch mehr von den beim TMT xplosiv-Trio mit den Big-Band-Leader-Kollegen Tom Jahn und Tilman Herpichböhm vorexerzierten Progrock-Anteilen zu hören.

Sich immer weiterzuentwickeln, dazuzulernen, auszuprobieren, das praktiziert Roscher auch auf der anderen Produktionsseite: "Witchy Activities And The Maple Death" erscheint nicht wie die beiden Vorgänger bei Enja, sondern bei ihrem neu gegründeten, eigenen Label Zenna: "Mir geht es um die größtmögliche Freiheit. Da ergibt ein eigenes Label einfach Sinn. Außerdem interessiert mich der ganze Business-Background, ich möchte die Zusammenhänge verstehen. Wie das funktioniert, das ist sehr spannend und abenteuerlich. Ich lerne dabei viel."

Bei der Präsentation des Albums am Erscheinungstag, dem 5. Mai, im Ampere muss Roscher freilich erst einmal wieder in ihre wichtigste Rolle schlüpfen, noch vor der Komponistin, Tüftlerin und Ich-AG-Managerin: die der Bandleaderin und Performerin. Im Jazz sind Album und Konzert oft zwei paar Stiefel, so komplementär wie bei der Monika Roscher Bigband ist das allerdings selten. Denn auf der Platte bekommt man höchstens durch das extravagante Artwork der Fürther Künstlerin Sascha Banck (samt Hexenschrift von Tobias Koark-Haberl) eine Ahnung von Roschers schillernden, gerne mit Masken und Kostümierung begleiteten Auftritten zwischen Dirigat, Tanz, Gitarrenspiel und Gesang. Im Ampere wird man auch LED-Anzüge und Live-Visuals erleben. Noch ein Bonus zu einer Musik, die ohnehin schon ein Gesamtkunstwerk ist.

Monika Roscher Bigband: "Witchy Activities And The Maple Death", Zenna Records; live am Fr., 5. Mai, 20 Uhr, Ampere, Zellstraße 4, www.muffatwerk.de

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