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Akute Wohnungsnot:"Das ganze System ist verstopft"

Ledigenwohnheim in der Bergmannstraße in München, 2013

Wenig Platz für wenig Geld: Nach dem Vorbild des Ledigenwohnheims in der Bergmannstrasse sollen in München mehr Mini-Wohnungen entstehen.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die Stadt München wächst täglich um 80 Einwohner. Weil die Stadt nicht genug Wohnungen für sie alle bauen kann, wächst die Zahl der akut Wohnungslosen stark. Derzeit sind es 4400 Menschen.
  • Für sie gibt es auf dem freien Markt so gut wie keine Wohnungen. Hier will die Stadt nach Lösungen suchen - gemeinsam mit dem Münchner Umland.
  • Am 18. März findet eine regionale Wohnungsbaukonferenz statt.

Der 18. März 2015 könnte ein bedeutsames Datum für München und das Umland werden. Dann bittet Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zu einer regionalen Wohnungsbaukonferenz ins Alte Rathaus, um mit Bürgermeistern, Landräten sowie Vertretern von Verbänden, Initiativen und der Privatwirtschaft Pläne zu entwickeln, wie die Region gemeinsam schnell bezahlbaren Wohnraum schaffen und die Infrastruktur verbessern kann. Die Betonung liegt auf "gemeinsam": Denn die Landeshauptstadt kann dem Druck durch den starken Zuzug nicht mehr lange standhalten. "Wir brauchen die Region", sagt Rudolf Stummvoll, der in München das Amt für Wohnen und Migration leitet. Sollte die Konferenz im März zu keinen konkreten Schritten führen, den regionalen Wohnungsmarkt zu entlasten, "dann weiß ich nicht, wie es weiter gehen soll", sagt Stummvoll. "Die Stadt ist proppenvoll."

Täglich wächst München um 80 Menschen, das heißt: Statistisch gesehen müssten jeden Tag 40 neue Wohnungen entstehen. Doch die gibt es nicht. In der Folge steigen die Mieten dramatisch an. Für eine Neubauwohnung in der Landeshauptstadt müssen derzeit 18,65 Euro pro Quadratmeter gezahlt werden, eine 40-Quadratmeter-Wohnung kostet demnach durchschnittlich 746 Euro kalt, viele Münchner können sich das nicht leisten.

Die Folge: Die Zahl der akut Wohnungslosen in München steigt stark. 4400 Menschen haben keine Wohnung mehr und werden von der Stadt und Sozialverbänden in Pensionen, Notquartieren oder Clearinghäusern untergebracht. Vor fünf Jahren waren es noch weniger als 2700 Menschen. Zudem gibt es geschätzt zwischen 1000 und 2000 Menschen in München, "die sich irgendwo herumtreiben", wie Wohnungsamtsleiter Stummvoll sagt.

Das "Elendshaus" in Kirchtrudering ist geräumt

Zunehmend sind das auch Familien, wie etwa in dem Zweifamilienhaus in Kirchtrudering, das als "Elendshaus" Schlagzeilen machte. Zeitweise hausten dort bis zu 70 Menschen aus Bulgarien. Die Stadt ließ Teile des Gebäudes sperren, da Gefahr für Leib und Leben bestand. Mittlerweile sind die Bewohner, darunter auch viele Kinder, ganz aus dem Haus ausgezogen und teilweise abgetaucht. Eine Familie konnte in dem Gebäudekomplex an der Thalkirchner Straße 9 untergebracht werden, das seit Kurzem vom Evangelischen Hilfswerk betrieben wird und 240 wohnungslosen Menschen Platz bietet.

Vor allem obdachlose Familien leben dort vorübergehend in 95 kleinen Appartements. Sozialarbeiter versuchen, die Menschen wieder in den Wohnungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren, die Kinder werden von Erziehern und Sozialpädagogen betreut. "Die Kinder liegen uns besonders am Herzen", sagt Andrea Betz, Bereichsleiterin beim Evangelischen Hilfswerk. "Sie sollen nicht die Obdachlosen von morgen werden."

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Dennoch: Das neue Haus an der Thalkirchner Straße bietet nur eine kurzfristige Entlastung. "Alle verfügbaren Plätze in der Stadt sind dicht", sagt Stummvoll, "das ganze System ist verstopft." Ob das Männerwohnheim an der Pilgersheimer Straße in Untergiesing, das Frauenwohnheim Karla 51 oder andere Einrichtungen: Für sozial Schwache oder Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben, gibt es keine Unterschlupfmöglichkeiten mehr.