Aktionskünstler:Ringen um Worte

Lesezeit: 2 min

Hans-Peter Berndl (links) und Wolfram Kastner bringen ihr selbst gemachtes Gedenkschild am Kriegerdenkmal an der Dachauer Straße an. (Foto: Catherina Hess)

Trauer statt "Ruhm und Ehre": Künstler mahnt mit einer neuen Aktion am Kriegerdenkmal

Von Bernd Kastner

Dass ihr dieses Kriegerdenkmal besonders am Herzen läge, kann man der Bundeswehr kaum nachsagen. Zumindest macht das unmittelbare Umfeld des Gedenkquaders keinen gepflegten Eindruck. Überall wuchert Unkraut. Es scheint, als wäre der Bundeswehr vor allem daran gelegen, dass das Denkmal auf ihrem Areal an der Dachauer Straße in Ruhe gelassen wird. Weshalb sie vor allem dann sehr aktiv wird, wenn der Unruhestifter Wolfram Kastner mal wieder vorbeischaut.

Den zieht es immer wieder hierher, weil sich auf dem grauen Klotz diese Worte befinden: "Sie starben für Deutschlands Ruhm und Ehre. Den Toten der Bayerischen Eisenbahntruppe im Weltkrieg 1914-18." Das ist dem Aktionskünstler und seinem Kollegen Hans-Peter Berndl zu viel des Militarismus. Also stapften sie am Montag erneut durchs Unkraut und brachten ein Schild an. Schwarz auf gelbem Grund steht da jetzt, festgeklebt mit Montagekleber aus dem Baumarkt: "Wir trauern um alle, die im Weltkrieg 1914-1918 grausam und sinnlos ihr Leben verloren. Die Toten mahnen uns, mit allen Kräften für Frieden zu sorgen und Kriege zu verhindern."

Lauter Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, und doch ist fraglich, wie lange die Tafel dort verbleibt. Das Ringen um die Worte hat sich längt zu einer Gedenk-Posse ausgewachsen. Kastner und Berndl hatten im Februar ein paar Buchstaben aus dem Stein gezogen: "Sie starben für Deutschlands Unehre", war im Februar zu lesen. Die überzähligen Lettern R, U, H, M, D schickten sie nach Berlin, zu Händen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Zuvor hatte Berlin den Vorschlag abgelehnt, eine ergänzende Tafel anzubringen an dem Quader, der 1945 zerstört und erst 1962 wieder aufgebaut worden war. Nach Kastners erster "künstlerischer Intervention" wirkte die Truppe zunächst perplex, ehe sie sich entschloss, um jeden der fünf Buchstaben zu kämpfen. Kastner wurde angezeigt wegen des Verdachts "einer gemeinschädlichen Sachbeschädigung". Auch die "Kameradschaft der ehemaligen Eisenbahnpioniere" will die Künstler bestraft wissen - wegen "Störung der Totenruhe".

Bald ließ das Ministerium die Buchstaben wieder anbringen, was die Münchner CSU-Bundestagsabgeordneten Johannes Singhammer und Hans-Peter Uhl zu einer Pressemitteilung veranlasste: "Dankbar" seien sie, dass von der Leyen "rasch und eindeutig gehandelt" habe. Die Künstler bezichtigen sie indirekt "arroganter Besserwisserei": Man könne so ein Denkmal nicht einfach nachträglich neu bewerten. Gegen die Künstler erließ die Bundeswehr ein Betretungsverbot für das Denkmal samt Unkraut-Vorplatz. Wer Kastner kennt, weiß, dass ihn solche Sperrzonen erst recht reizen. Er gehe davon aus, sagte er am Montag, dass die Bundeswehr nichts einzuwenden habe gegen Trauer um die Toten und das Ziel, Kriege zu verhindern. Bei Redaktionsschluss war die Truppe noch damit beschäftigt, über eine Stellungnahme nachzudenken.

© SZ vom 14.07.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: