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Aktion der Satirepartei:Lieber über Nazis lachen

Die zentrale Veranstaltung der Partei-Mitglieder findet vor der Feldherrnhalle statt, sie halten eine Mahnwache zum 100. Gründungstag der NSDAP ab. Angeschlossen haben sich die Linke und die Partei Mut.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zum Gründungstag der NSDAP hält "Die Partei" Mahnwache

Was hätte wohl der Führer dazu gesagt, wenn er an diesem Montag das Hofbräuhaus betreten hätte? Am Abend des 24. Februar 1920, auf den Tag genau vor einhundert Jahren wurde dort die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei gegründet. Damals waren die Bierhallen noch die entscheidenden Orte, an denen große politische Schlachten geschlagen wurden. Insofern ist das Internet heute wohl die Bierhalle des 21. Jahrhunderts.

Im Hofbräuhaus sitzen am Montagmorgen aber keine hitzköpfigen Weltkriegsheimkehrer, sondern ältere Herren mit paillettenbesetzten rosa Hütchen und passender Fliege und ältere Damen mit glitzernden Federboas, die sich die Weißwurst zum Faschings-Aktionspreis von einem Euro schmecken lassen, subventioniert mit einem Bier für vier. Fasching statt Faschos - das Motto, unter dem die Satirepartei Die Partei am Jahrestag zu Aktionen an historisch belasteten Orten in der ganzen Stadt aufgerufen hatte - im Hofbräuhaus hat es sich ganz von selbst erfüllt.

Marie Burneleit, die Münchner Vorsitzende der Partei, steht mit zwei Mitstreitern vor dem Eingang und verteilt Flugblätter. "Wir erinnern an den Jahrestag der Gründung der NSDAP", spricht sie eine Passantin freundlich an. Die ist erst ein bisschen irritiert, aber dann gefällt ihr die Idee: "Ich weiß zwar nicht, was die Partei ist, aber ich find's gut", sagt sie. Lieber die Nazis ein bisschen lächerlich machen, als sich von ihnen Angst einjagen oder die Laune verderben zu lassen. Natürlich geht es aber auch darum, wer den öffentlichen Raum dominiert. Die Aktivisten haben an diesem Tag Veranstaltungen an 15 Orten in der ganzen Stadt angemeldet. Vorsorglich, bevor irgendwelche Neonazis auf die Idee kommen, am Jahrestag dort etwas zu veranstalten. Neben dem Hofbräuhaus ist zum Beispiel das ehemalige Verwaltungsgebäude der NSDAP in der Katharina-von-Bora-Straße 10 dabei oder die Kaserne der SS-Standarte in der Neuherbergstraße 11.

Die zentrale Veranstaltung findet aber am Mittag vor der Feldherrnhalle auf dem Odeonsplatz statt. "Nazis töten." steht auf vielen Plakaten, und weil die deutsche Sprache hier nicht klar markiert, ob Nazis Subjekt oder Objekt dieses Satzes sind, empören sich manche Passanten. "Das geht zu weit", sagt eine ältere Frau. Dabei ist das Plakat nur eine Persiflage auf einen Slogan, den die rechtsextreme NPD im hessischen Wahlkampf plakatiert hatte: "Migration tötet". Dass Nazis töten ist immerhin eine historisch vielfach belegte Tatsache.

Es habe Überzeugungsarbeit gekostet, um andere Parteien und Bündnisse zum Mitmachen zu bewegen, sagt Jerome Sturmes, der Vorsitzende des Bezirksverbands Oberbayern. Viele befürchteten, einer Satire-Aktion auf den Leim zu gehen. "Aber uns ist das hier wirklich ernst". Immerhin die Linke und die Partei Mut haben sich angeschlossen. Überschattet wurde die Veranstaltung von einem Notfall: Der Fahrer des Demo-Wagens brach plötzlich zusammen und wurde vom Notarzt in ein Krankenhaus gebracht. Die Kundgebung wurde abgebrochen.

© SZ vom 25.02.2020
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