Kritik:Janusköpfig

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Cristian Măcelaru dirigiert das Staatsorchester beim dritten Akademiekonzert im Nationaltheater. Ein wechselhafter Abend.

Von Klaus Kalchschmid, München

Diese beiden Symphonien aus dem zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts von russischen Komponisten im Exil könnten verschiedener nicht sein: Hier Igor Strawinskys drei Symphonie-Sätze von 1945, dort Sergej Rachmaninows dritte Symphonie, uraufgeführt 1936 in Philadelphia. Beim dritten Akademiekonzert des Staatsorchesters im Nationaltheater bildete die leer-effektvolle "Orientalische Fantasie" op. 18 mit dem Titel "Islamey" von Alexej Balakirew den Beginn vor Strawinskys herb-knackiger, manchmal auch energetischer "Symphony in three Movements". Doch unter Cristian Măcelaru fehlte fast alles: das rechte Timing, der Witz, die rhythmische Prägnanz, orchestrale Schärfe und vor allem das Tempo.

Wie ausgewechselt waren Dirigent und Staatsorchester nach der Pause. In den folgenden 45 Minuten war eine ausgefeilte, farbenreiche, dichte Aufführung zu erleben, die allen Facetten des manchmal janusköpfigen Spätwerks gerecht wurde. Wunderbar geheimnisvoll gelang schon der Beginn; auch später fanden Musiker wie Dirigent zur rechten Balance zwischen groß sich aussingender Geste und feiner Kammermusik.

Viele Plätze müssen leerbleiben. In anderen Bundesländern ist das nicht so

Aber eigentlich ist nach zwei Sätzen und einer halben Stunde alles gesagt, endet der zweite Satz, der sich vom langsamen zum Scherzo-Satz und wieder zurückwandelt, wie das Ganze begonnen hatte - mit einem kleinen, geheimnisvoll volksmelodischen Motiv. Doch Rachmaninow setzt noch ein Finale drauf. Das besitzt Verve und manchmal fatalistischen Drive. Doch es ist, ein Jahr später komponiert, letztlich eine Zutat.

Aber das ist nicht den Interpreten anzulasten, und so geht man beglückt und mit der Erinnerung an die vielen gezwungenermaßen leeren Plätze neben sich wieder beklommen nach Hause. Wäre, im Vergleich zu anderen Bundesländern und wie mit wissenschaftlichen Studien längst belegt, nicht eine pandemieverträgliche 50-prozentige Auslastung bei Abstand und Maske möglich?

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