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Jahresausstellung der Münchner Kunstakademie:Fürst Pückler ist hipp

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Eine Münchner Galeristin glaubt im braun-weiß-rosa Farbkonzept der Klasse Hildebrandt ein Plagiat der Werke eines ihrer Künstler zu erkennen. Doch die "Big Sandwich"-Idee war schon vorher beliebt - und die Ausstellung könnte zu einer interessanten Diskussion über künstlerische Inspiration führen.

Von Evelyn Vogel, München

"Gute Künstler kopieren, große klauen." Das Zitat soll von Picasso stammen. Mittlerweile ist es so abgenudelt - selbst Steve Jobs bediente sich seiner und eine Kunst-Versicherungsfirma warb damit -, dass es Allgemeingut ist. Doch was bedeutet in der Kunst kopieren, klauen oder plagiieren? Wo doch in der Kunstgeschichte alles aufeinander aufbaut und mit der Appropriation Art sogar eine eigene Kunstrichtung geschaffen hat, bei der die bewusste Aneignung fremder Werke zentral ist?

Und doch staunte die Münchner Galeristin Christine Mayer nicht schlecht, als sie in der Jahresausstellung der hiesigen Kunstakademie die Räume der Klasse Hildebrandt betrat. Diese hatten ihre Räume in den Farben des Fürst-Pückler-Eises, also in braun, weiß und rosa, gestaltet und ihre Show "Big Sandwich" genannt. Vor zwei Jahren hatte sie die Ausstellung "Große Happen in der 2. und 4. Dimension" von Hank Schmidt in der Beek gezeigt. Der in München geborene, in Berlin lebende Künstler und Musiker (Lunsentrio) hatte das suprematistische Konzept Kasimir Malewitschs aus der berühmten Ausstellung "1,10" von 1915 in St. Petersburg aufgegriffen, aber auf allen Bildern Variationen von Fürst-Pückler-Eis beziehungsweise dem Sandwich mit Waffel gemalt. Erneut gezeigt wurde die Schau unter dem Titel "Die Fürst-Pückler-Bluse" vergangenen Winter im Kunstverein Braunschweig.

Nun fragte sich Mayer: Hat da jemand abgekupfert oder kannten weder Studierende noch ihr Professor die Arbeiten von Hank Schmidt in der Beek?Anscheinend Letzteres. Gregor Hildebrandt, Professor und selbst ein bekannter Künstler, kennt zwar, da er in Berlin lebt und München unterrichtet, beide Kunstszenen, betont aber auf Nachfrage: "Ich kannte weder den Künstler noch seine Arbeiten und auch niemand aus der Klasse." Er sieht auch weniger Übereinstimmungen als die Galeristin. Das Farbkonzept des Fürst-Pückler-Eises liege zwar hier wie da zugrunde - und zudem quasi zeitgeistig in der Luft -, doch die Umsetzung sei doch anders: Bei Schmidt in der Beek sind's die Gemälde selbst, bei der Akademieklasse ist's der Raum.

Dass es durchaus vorkommen kann, dass zwei Künstler unabhängig voneinander mit derselben Grundidee arbeiten, musste Schmidt in der Beek sogar selbst feststellen. Nachdem er die Happen geschaffen hatte, entdeckte er, dass der Künstler Thoma Kapielski 1986 eine ganz ähnliche Idee realisiert hatte. Deshalb fügte er in seinem Künstlerbuch "Große Happen in der 2. und 4. Dimension" (edition taube) einen entsprechenden Hinweis ein. Da wäre doch eine Einladung der Klasse an Hank Schmidt in der Beek eine prima Idee. Gesprächsstoff über Vorbilder, Inspirationsquellen und die Grenzen des Plagiats gäbe es ja.

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