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Affen in Hellabrunn:Die Rocker von Hellabrunn

Sie werfen mit Kot und Kartoffeln und lauern dem Direktor auf - die Zoo-Affen und die Debatte: Können Tiere vorausplanen?

Astrid Becker

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Affen Tierpark Hellabrunn

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Wenn Zoodirektor Henning Wiesner am frühen Morgen seine Runde durch den Tierpark Hellabrunn dreht, wird er bereits erwartet - mehr oder weniger sehnsüchtig. Da ist Orang-Utan-Mann Bruno, der bei Wiesners Erscheinen Gänsehaut bekommt und seine Augen mit den Händen bedeckt. Da ist der junge Mandrill Friedrich, der die Zähne fletscht. Oder das Gorilla-Weibchen Sonja, das Wiesner mit Pin-Up-Posen zu beglücken gedenkt. Und da ist auch Mawingo, ein junges Gorillamännchen, das schon mal mit Broccoli auf den Zoodirektor zielt. Das alles erinnert an den Fall "Santino" - dem derzeit wohl berühmtesten Schimpansen der Welt. Er war es, der Wissenschaft zu der sensationellen Entdeckung verhalf, dass Affen vorausschauend in die Zukunft planen. Oder etwa doch nicht?

Texte: Astrid Becker, Fotos: Alessandra Schellnegger

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Wiesner und seine Tierpflegerin Bärbel Graf antworten darauf fast wie aus einem Munde: "Die Schweden hätten mal bei uns Kartoffeln kochen lernen sollen, das wäre für die Besucher weitaus ungefährlicher." Santino, der Schimpanse, lebt im Furuvik-Tierpark im schwedischen Gävle. Seit zehn Jahren, so meinen die dortigen Forscher rund um Mathias Osvath von der Universität Lund nun, lege der Affe ein vorausschauendes Denken an den Tag. Jeden Morgen, vor der Öffnung des Zoos, sammelte er seelenruhig Steine, um sie später auf die Besucher zu schleudern. Deshalb, so das Fazit der Wissenschaftler, sei dem Schimpansen nicht nur bewusst, was in Zukunft, nämlich ein Besucherandrang, auf ihn zukomme, sondern er bereite sich gezielt auf die Ereignisse vor und die Gefühle, die diese in ihm auslösen werden. Diese Gefühle, das liegt nun auf der Hand, sind nicht gerade positiv zu nennen. Offenbar gehen die Besucher dem klugen Tier mächtig auf den Geist. Aber plant er seine Anschläge wirklich im voraus?

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Grund genug, in Hellabrunn noch einmal einen Versuch zu starten, vielleicht doch noch eine Erklärung für dieses Phänomen zu bekommen. Also: Können Affen für die nahe Zukunft planen? Legen sie sich dafür Strategien zurecht? Oder ist Santino vielleicht ein einzigartige Intelligenzbestie? "Santino war schon immer ein ganz normaler Rocker", sagt Tierpflegerin Bärbel Graf. Und wenig später ist klar, warum sie es ist, die das am besten beurteilen kann. Denn Santino kam am 20. April 1978 im Münchner Zoo zur Welt. Seine Mutter Resi hatte jedoch mit Säuglingspflege und Kindererziehung so ganz und gar nichts im Sinn. Also musste Affenexpertin Bärbel Graf ran. Santino wurde seiner Mutter abgenommen und mit der Flasche großgezogen: "Alle zwei Stunden bekam er seine Milch", erzählt die Ersatzmama. Als "Tino", wie der Kleine damals genannt wurde, seine ersten Zähnchen bekam, fieberte und winselte er wie ein "Menschenkind", sagt Graf: "Da musste dann schon mal der Tierarzt her."

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Der Tierarzt - das war Zoodirektor Henning Wiesner höchstpersönlich. Tino war kein Einzelfall - auch andere Schimpansenkinder mussten zu dieser Zeit mit der Hand aufgezogen werden - und wurden regelmäßig von Wiesner nicht nur mit Medizin behandelt, sondern auch mit Leckereien verwöhnt: "Der Chef kam immer vorbei, selbst wenn er am Wochenende frei hatte, dann nahm er einfach seine Familie mit und besuchte unseren Kindergarten." Die kleinen Schimpansen wuchsen heran und entwickelten sich altersgemäß "zu kleinen Rockern". Mit Folgen für den Zoodirektor: Kaum mischte er sich an seinen freien Tagen unter die Besucherscharen und trug seine damals noch kleine Tochter auf den Schultern, kramten die kleinen Schimpansen ihre vorher (am Morgen!) gesammelten Vorräte an Karotten oder Kartoffeln zusammen und warfen damit gezielt auf Wiesner. Aggression? "Nein", sagt Graf lachend: "Die wollten nur seine Aufmerksamkeit erregen, das war einfach Gaudi. Ein typischen Gruppenkinderverhalten, das Affen halt ebenso wie Menschen an den Tag legen." Die Kleinen seien nie deswegen geschimpft worden, und die Besucher haben nur gelacht. Und die Tierpfleger, die erst abends gekommen sind, hätten nur angesichts der vielen zermatschten Kartoffeln und Karotten auf dem Boden festgestellt: "Ah, war der Boss heute wieder da."

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"Wenn man so will, ist Santino also bei uns für Schweden konditioniert worden", sagt dann auch Wiesner und grinst. Von den neuen "sensationellen" Entdeckungen hält er schon allein aus diesem Grund gar nichts: "Das ist keine Zukunftsplanung, wie wir Menschen sie kennen, sondern lediglich konditioniertes Verhalten." Santino und seine Freunde seien zudem absolut keine besonderen Einzelfälle, wie die Wissenschaftler nun behaupteten. Seine Überzeugung stützt Wiesner auf seinen langjährigen zoologischen Erfahrungen - zum Beispiel mit Elefanten: "Unsere Elefantenkühe Sabi, Steffi und Kathi haben regelmäßig Steine gesammelt, sie gehortet und dann auf Menschen geworfen, die sie nicht mochten." Das sei der entscheidende Punkt: "Tiere zeigen ein derartiges Verhalten bei Menschen, die sie kennen - das können auch Besucher sein, die regelmäßig kommen."

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Im Urwaldhaus hat Wiesner über den gläsernen Gehegebegrenzungen Netze anbringen lassen, weil Gorillas wie Schimpansen das Futter, das ihnen gerade nicht so mundete, gesammelt und auf Dauerbesucher und in die gegenüberliegenden Aquarien zu den Krokodilen und den Riesenschlangen geworfen haben. Weniger erfreulich war, dass die Affen auch anfingen, ihren Kot zu horten - dann bewarfen sie unliebsame Menschen, die sich vor der Scheibe drängelten, damit. Und dann berichtet er von den Pavianen, die sich jeden Morgen versammeln und darüber "diskutieren", in welche Richtung an diesem Tag ein Ausflug unternommen werde und vom Münchner Gorillaweibchen Sonja, das Wiesner von klein auf kennt und erst seit zwei Jahren in tierischer Liebe zu ihm entbrannt ist - was sie in eindeutigen Pin-Up-Posen zeigt. Also besitzen Tiere doch ein weiter entwickeltes Bewusstsein als gedacht? "Nein", sagt Wiesner: "Das sind reine Überlebensstrategien." Der Mensch neige dazu, die eigenen Eigenschaften Tieren zuzuschreiben: "Das ist sehr naiv und gefährlich."

(SZ vom 14.3.2009/brei)

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