Es ist ein Ergebnis für die Münchner AfD, das sich auf zwei Weisen deuten lässt: Einerseits schaffte sie bei der Kommunalwahl einen deutlichen Zuwachs von 3,9 auf 5,9 Prozent und somit von drei auf fünf Sitze im Münchner Stadtrat. Erstmals erreicht die Partei Fraktionsstärke.
Andererseits waren die Erwartungen innerhalb wie außerhalb der Partei vorher eher noch etwas höher. Hinzu kommt, dass das Ergebnis der AfD in München deutlich hinter dem in vergleichbaren deutschen Großstädten zurückbleibt. Bei der Kommunalwahl in Frankfurt am vergangenen Sonntag kam die Partei auf 8,2 Prozent, im September 2025 erreichte sie in Köln 9,1 Prozent, 2024 in Stuttgart 8,3 Prozent.
Doch was ist von der AfD im künftigen Münchner Stadtrat zu erwarten? Wer bildet die fünfköpfige Fraktion? Und wofür stehen diese Stadträte inhaltlich?
Es ist jedenfalls nicht zu erwarten, dass die AfD im neuen Stadtrat nennenswerten politischen Einfluss erlangt. Die übrigen Parteien haben bisher jede Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch ausgeschlossen, und es gibt keine Anzeichen, dass sich daran etwas ändern könnte. Allerdings wird die AfD an Präsenz gewinnen: Bisher war sie nur in der Vollversammlung vertreten, mit dem Fraktionsstatus kann sie künftig die Fachausschüsse besetzen, in denen sich der größte Teil der politischen Debatten abspielt.
Der einzige AfD-Vertreter, der bisher im Stadtrat saß, seit 2020, ist Daniel Stanke. Der 48-Jährige ist Wirtschaftsingenieur und arbeitet in der Autobranche, er stand auf Platz eins der Stadtratsliste. Schon im Jahr 2018 war Stanke einmal im Rathaus aktiv. Er drehte dort mit seinem Parteikollegen Ulrich Henkel ein Video, in dem er zur Unterstützung eines „Volksbegehrens Grenzschutz“ aufrief. Eine Genehmigung der Stadt hatte er für diesen Dreh nicht.
Das angebliche „Volksbegehren“, maßgeblich mitinitiiert vom rechtsextremen Compact-Magazin, war ein relativ kurzlebiges Sammelbecken, über das sich Rechtsextremisten, Islamfeinde, Pegida-Akteure, Bürgerwehr-Mitglieder und Geschichtsrevisionisten zu vernetzen versuchten. Man könne nicht bei jeder Person, die sich in so einem „Volksbegehren“ engagiere, „eine Gesinnungsprüfung machen“, sagt Stanke heute.

Neu-Stadträtin Jitka Machyan, 66, präsentiert sich in den sozialen Netzwerken vor allem an Infoständen und bei Veranstaltungen ihrer Partei. Noch immer nachzulesen ist, wie Machyan auf Facebook den menschengemachten Klimawandel leugnet. Die anderen drei neuen Stadträte Jörg Schäfer, Christian Christoph und Peter Ditges treten in den sozialen Netzwerken bislang kaum in Erscheinung. Schäfer, Jahrgang 1963, verglich, wie ein Youtube-Video zeigt, auf der AfD-Abschlusskundgebung am 7. März auf dem Odeonsplatz die städtische Fachstelle für Demokratie mit der Stasi.
Ditges, geboren 1957, ist Mitglied im AfD-Bundesschiedsgericht. Als er vor zwei Jahren erfolglos für das Europaparlament kandidierte, wünschte er sich nach Angaben der städtisch geförderten Fachinformationsstelle Rechtsextremismus (Firm) ein Deutschland, in dem „der Deutsche wieder Herr über Deutschland ist“. Die „Farce in Brüssel“ wollte er beenden.
Mit Christian Christoph, Jahrgang 1974, sitzt nach Firm-Recherchen künftig auch ein Vertreter der verschwörungsideologischen Szene um die Gruppierung „München steht auf“ im Stadtrat. Auf einem vom Kreisverband München-Nord am 15. Februar geposteten Foto präsentieren sich Machyan, Schäfer und Christoph sowie der AfD-OB-Kandidat Markus Walbrunn lachend mit dem Anführer des rechtsextremen „Flügels“, Björn Höcke, im bayerischen Landtag. Daniel Stanke sagt, er sei im Urlaub gewesen, „sonst wäre ich bei dem Foto auch dabei gewesen“.
Die „Kernforderungen“ im Wahlprogramm der Münchner AfD richten sich gegen die Aufnahme und Versorgung von Geflüchteten, eine davon lautet „keine weitere Eröffnung neuer Asyl- und Flüchtlingsunterkünfte“. Allerdings ist die Stadt rechtlich verpflichtet, ihr zugewiesene Menschen aufzunehmen und unterzubringen. Auf die Frage, ob München sich solchen Anordnungen widersetzen und damit Recht brechen solle, antwortet Spitzenkandidat Stanke: „Eher nein.“ Aber man könne sich bei Bund und Land „auf die Hinterbeine stellen“, um das System zu verändern.
In der Verkehrspolitik verlangt die AfD, die „Wirtschaftlichkeit eines Baustopps der zweiten S-Bahn-Stammstrecke (…) zu prüfen“. Soll dieses gigantische Projekt wirklich abgebrochen werden, mit der Folge, dass lauter Tunnelruinen zurückbleiben? „Es kann schon sein, dass es zu spät ist, das zu stoppen“, sagt Stanke und stellt damit das eigene Wahlprogramm in diesem Punkt infrage.
Ein großes Anliegen ist der Partei auch der Autoverkehr. Auf Hauptverkehrsstraßen soll gelten: „Durchgehend Tempo 50, wo verkehrssicher möglich auch Tempo 60.“ Auf den Einwand, dass Temporeduzierungen auch die Verkehrssicherheit erhöhen, erwidert er: „Jeder weiß, eine Herdplatte ist heiß. Wo Tempo 60 gilt, läuft man nicht einfach über die Straße.“ Ironisch fügt er hinzu: „Am sichersten wäre es, wenn wir alle daheim bleiben.“
Beim Blick durchs Programm stechen auch zwei Forderungen aus dem Bereich Kultur hervor: „Kammerspiele wegen anhaltender Defizite schließen und die Immobilie gewinnbringend veräußern“ und „Sanierung des Gasteigs aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit ablehnen“. Die Kammerspiele, ein Theater mit riesiger Tradition und bundesweiter Strahlkraft, sind aus Stankes Sicht verzichtbar, „weil sie Veranstaltungen für eine Bubble, für eine linke bis linksextreme Szene“ anböten.
Und wo sollen die Münchner Philharmoniker, ein Orchester von Weltrang, ohne Gasteig eine dauerhafte Heimat finden? Es gebe doch diesen Saal an der Isar, erwidert Stanke. Auf den Hinweis, das HP8 sei als Interims-Spielstätte gedacht, sagt Stanke, es gebe ja noch den Herkulessaal. Der allerdings gehört dem Freistaat. Letztlich räumt Stanke ein, er stecke in diesen Themen inhaltlich nicht so tief drin.


