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Äußerungen zur Corona-Politik:Wer ist wem gegenüber loyal?

Der Streit in der Akademie der Schönen Künste geht weiter

Von Sabine Reithmaier

In der Akademie der Schönen Künste brodelt es heftig. Die massive Kritik, mit der 20 Mitglieder auf die Aussagen ihres Präsidenten Winfried Nerdinger in einem SZ-Interview reagierten, spaltet die Institution. Nun hat sich Dieter Borchmeyer, Vorvorgänger Nerdingers im Präsidentenamt, mit einer internen Stellungnahme in die Debatte eingeschaltet und sich auf die Seite seines Nachfolgers gestellt.

Nerdinger, seit 2019 Präsident der Akademie und zuvor Gründungsdirektor des NS-Dokuzentrums, hatte im Interview unter anderem die staatliche Corona-Politik im Kulturbereich kritisiert, nicht anders als es viele Künstler derzeit tun. Seine Einlassungen ernteten erbitterten Widerspruch in Form einer in der FAZ veröffentlichten Stellungnahme (SZ vom 12.5.).

Borchmeyer hofft nun, mit einer internen Debatte die Situation zu klären. Sein Brief soll möglichst nicht an die Öffentlichkeit gelangen, "soll doch den Unterzeichnern des Manifests die Chance eingeräumt werden, sich von diesem nach reiflicher Überlegung zurückzuziehen", schreibt er auf Anfrage in einer persönlichen Mail an die SZ. Ein Rückzug würde ihnen aber unmöglich gemacht, wenn der Brief in der Zeitung veröffentlicht würde.

Dass er sich überhaupt zu einer Stellungnahme veranlasst sah, erklärt er mit der Außergewöhnlichkeit des Falls. Eine Minderheit von Mitgliedern einer Abteilung, die sich weder mit dieser insgesamt noch dem Anschein nach mit den anderen Abteilungen abgesprochen habe, habe sich als "wir Mitglieder" in die Öffentlichkeit begeben, um den gewählten Präsidenten in einer Tageszeitung zu demontieren - "anders kann man es ja wohl nicht nennen".

Borchmeyer hält die im Manifest erhobenen Vorwürfe gegen Nerdinger für haltlos, vor allem den Hauptvorwurf, er habe seine Meinung mit derjenigen der Akademie gleichgesetzt. Genau das habe der Präsident nicht getan, da er nur in ganzen neun Zeilen des Interviews von der Akademie gesprochen habe, und das auch nur, um die schwierige Lage der Einrichtung während der Pandemie zu betonen, nicht aber um deren "Meinung" wiederzugeben. "Dabei hätte er durchaus das Recht gehabt, stärker im Namen der Akademie zu reden, hat er in dem Interview doch weithin nichts anderes gesagt, als was in dem offenen Brief der Akademie Ende vergangenen Jahres steht." Damals hatte Nerdinger im Namen von 127 Mitgliedern, die das Statement ebenfalls unterzeichneten, gegen die existenzgefährdenden Einschränkungen der kulturellen Arbeit durch die Corona-Maßnahmen protestiert. "Zu den Mitverfassern dieses Briefs gehörten auch 13 der 20 Unterzeichner des jetzigen Manifests", schreibt Borchmeyer. Würde er seinen Brief öffentlich machen, wäre das ein Vertrauens- und Wortbruch gegenüber der Akademie. "Sie ist durch jenes Manifest schon in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise geraten und würde einen weiteren Akt der Illoyalität - ausgerechnet vonseiten eines früheren Präsidenten nur schwer verschmerzen."

Nerdinger, der nach eigener Aussage inzwischen Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland erhalten hat, möchte sich zur Angelegenheit "zumindest vorläufig" und vor einer internen Klärung nicht mehr persönlich äußern. "Die maßlose, geradezu infame Polemik von 20 Mitgliedern gegen meine Person fällt auf die Unterzeichner zurück und schadet der Akademie", schreibt er in einer Mail. Es ist davon auszugehen, dass intern derzeit die Fetzen fliegen.

© SZ vom 18.05.2021
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