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Ägyptisches Museum:Geschichte neu schreiben

Adam, wo bist du?

Detail aus der Sonderausstellung: eine Schreibmaschine mit fiktivem Haftbefehl für Jesus. Als lediger "Handwerker und Wanderprediger" wird der am 24.12.1908 geborene Jehoshua Israel ben Joseph darin bezeichnet.

(Foto: Ilana Lewitan)

Was wäre, wenn Jesus im Jahr 1938 gelebt hätte? Eine Kunstinstallation im Ägyptischen Museum sucht nach Antworten. "Adam, wo bist du?" heißt das Projekt von Ilana Lewitan, ihre Themen sind Identität, Religion und Ausgrenzung

Von Jürgen Moises

Was, wenn Jesus nicht vor 2000 Jahren, sondern heute gelebt hätte? In Film und Literatur wurde dieses Gedankenexperiment schon öfter durchgespielt, wie etwa zuletzt in der Serie "Messiah". Darin wird Jesus als illegal Eingereister im Amerika der Gegenwart verhaftet und von der "Homeland Security" unter Generalverdacht gestellt. In der Literatur ließ etwa Alexej Slapovsky 2003 in "Der heilige Nachbar" Jesus in einem russischen Provinzstädtchen erscheinen. Und in "Die Nacht des Lichts" (1998) schildert Christine Arnothy die schwierigen Versuche eines zurückgekehrten Jesus, im Hier und Heute Gehör zu finden. Eine wilde Verfolgungsjagd löst die Rückkehr Jesu wiederum in "... und der Herr kam zurück" (1998) von Joe de Mers aus. Weil diese die weltlich und religiös Mächtigen von heute eigentlich nur stört. Wobei man hier fragen kann: War das damals nicht genauso?

Ein ganz ähnliches Gedankenspiel war auch für die Installation "Adam, wo bist Du?" der Münchner Künstlerin Ilana Lewitan im Ägyptischen Museum der Ausgangspunkt. Und zwar: "Stellen Sie sich vor, Jesus hätte 1938 im Dritten Reich gelebt. Was wäre mit ihm geschehen?" Nun, er wäre ähnlich wie in "Messiah" in Schutzhaft gelandet. Das deutet ein riesiger "Schutzhaftbefehl" an, der in der Ausstellung hängt. "Handwerker und Wanderprediger" ist darauf als der Beruf von Jehoshua Israel ben Joseph zu lesen. Er wird als Jude, als staaten- und als obdachlos geführt. Und es heißt, er gäbe zur Befürchtung Anlass, "dass er, falls auf freiem Fuß belassen, seine staatsfeindliche Tätigkeit fortsetzt". In Videos daneben sieht man jemanden auf einer Schreibmaschine den "Schutzbefehl" tippen, sowie dokumentarische Bilder, die einen Bezug zu rechtsradikalen Umtrieben von heute herstellen.

Im Raum verteilt sind zahlreiche Hör- und Sehstationen, in denen Interviews mit Menschen mehrheitlich jüdischer Abstammung laufen, wie etwa dem Shoah-Überlebenden und Schriftsteller Max Mannheimer, der Shoah-Überlebenden und Philosophin Ágnes Heller oder dem Rabbiner Henry G. Brandt. Ebenfalls über den Boden verteilt liegen große Würfel, deren Zahlen an traumatische Ereignisse aus der jüdischen Geschichte erinnern. Auf einem Teppich ist ein buntes Allerlei aus stehenden und liegenden Stühlen versammelt, denen auf dem Boden farbige Punkte zugewiesen sind. Dass auch die Eintrittskarten entsprechend farbig sind, aber es nicht zu jeder Farbe einen Stuhl gibt, lässt an das Spiel "Reise nach Jerusalem" denken.

In einem außen mit Judensternen dekorierten Guckkasten befindet sich der echte Judenstern der Ungarin Maria Daisy Finaly, die als Holocaust-Überlebende 2006 verstarb. Und ganz am Ende des Raums steht, gewissermaßen als Zentrum der Ausstellung, ein riesiges durchsichtiges Kreuz, an dem ein ausgebeulter KZ-Häftlingsanzug hängt. Auf das Kreuz ist in mehreren Sprachen "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" geschrieben. Denselben Satz kann man aus dem Hörer eines alten Telefons hören. Genau dieses "Zentrum" ist sicherlich der streitbarste und gefühlt auch plakativste Teil der Ausstellung, der unter anderem noch mal hervorheben soll, dass Christus Jude war. Im Christentum wurde diese Tatsache ja gerne eher nach hinten gestellt. Und im Dritten Reich gab es sogar ein kirchliches "Entjudungsinstitut", das beweisen wollte, dass Christus eben kein Jude war.

Auch die Botschaft "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" hat, könnte man sagen, etwas Plakatives. Aber ist es andererseits nicht auch dasjenige Gebot, das mit am Schwersten zu befolgen ist? Um schwierige Themen wie Identität, Religion, Zugehörigkeit, Ausgrenzung geht es auch in den Zeitzeugen-Interviews, die Ilana Lewitan und ihr Mann, der deutsch-französische Psychologe, Louis Lewitan, geführt haben. So meint etwa Ágnes Heller, dass Jesus als "eine rebellische und reine Natur" in "allen Zeiten zum Tode verurteilt werden" würde. Der Theologe Wolfgang Huber erzählt von der "Enterbungstheorie" der Kirche, die im Christentum einen "neuen Bund" mit Gott sah und damit eine jahrhundertelange Abgrenzung vom Judentum betrieb. Mohammed Ali Mosavi spricht über sein Leben und seine gewandelten Wertvorstellungen als ein aus Afghanistan Geflüchteter. Und Bela Adriana Raba berichtet als Transgender von ihrer Suche nach Identität.

In all diesen Gesprächen wird sehr eindringlich nach Antworten auf große Fragen gerungen, und letztlich ist es auch dieses ehrliche Ringen, das mit am Stärksten im Gedächtnis bleibt. Hier zeigt sich auch, wie wichtig die verhandelten Themen für Ilana Lewitan persönlich sind, die 1961 als Tochter von zwei Holocaust-Überlebenden in München auf die Welt kam. Dass die Interviews genauso wie die gesamte Ausstellung auf der Museums-Website audiovisuell komplett dokumentiert sind, ist für eine Auseinandersetzung äußerst hilfreich. Aber das sollte einen nicht unbedingt davon abhalten, ins Museum zu gehen.

Denn auf dem Areal, wo heute das Ägyptische Museum steht, hatte früher die NSDAP ihr Machtzentrum. Und genau an derselben Stelle war damals ein Kanzleibau der Partei geplant. Somit ist auch der Ort ein Teil der Ausstellung. Hinzukommt: Ilana Lewitan hat auch in die Dauerausstellung des Museums kleine "Interventionen" geschmuggelt. Wie etwa einen zerbeulten Patchwork-Teddybär, der neben ägyptischen Gesichtsmasken sitzt, oder eine "Kennkarte" aus dem Deutschen Reich, in die Lewitan ihr Gesicht kopiert hat. Die Suche nach Antworten und Identität, sie geht hier also weiter. Was konsequent ist. Schließlich ist die jüdische Geschichte auch eng mit der ägyptischen verknüpft.

Ilana Lewitan: Adam, wo bist du?, bis 10. Januar 2021, Di. 10-20 Uhr, Mi.-So. 10-18 Uhr, Ägyptisches Museum, Gabelsbergerstraße 35

© SZ vom 24.08.2020
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